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U-Bahn-Unglück in Moskau:Die Angst fährt mit

Mindestens 20 Tote und 160 Verletzte: In Moskau ist eine Metro entgleist. Die Ursache ist noch nicht vollständig geklärt - doch viele Moskauer glauben, die Stadt habe zu wenig in die Sicherheit investiert.

Von Frank Nienhuysen, Moskau

Diese Frau passt irgendwie nicht in dieses Bild. Eine elegante Frau in einem schwarz-rosa Blümchenkleid. Sie zwängt sich an der Wand entlang durch das Halbrund des Tunnels, sie streift Rohre und Leitungskanäle, neben sich das Gleisbett, grau-brauner Schmutz. Sie will raus aus dem Untergrund, und sie schafft es auch.

Es gibt andere Bilder, von verletzten Männern, die draußen im Gras liegen, einen Verband um den Kopf, von benommenen Frauen, die immerhin sitzen können oder schon wieder stehen. Und es gibt die Toten. Erst wurden zwei gemeldet, dann drei, fünf, zehn, bis zu 16, dann 20. Und da war der Tag längst noch nicht zu Ende. Die vorläufig letzte Zahl: 21. Moskau erlebte an diesem Dienstag eine Katastrophe in der Metro, wieder einmal. Aber einen so schweren Unfall hat es noch nie gegeben.

Mindestens 160 Menschen wurden verletzt bei dem Unglück der Moskauer Metro, als ein Zug wegen eines Spannungsabfalls abrupt bremste und mehrere Wagen von den Gleisen gerissen wurden. Viele der Überlebenden sind schwer verletzt. Doch vieles von dem, was in einer Minute über Ria, Interfax oder andere Medien verbreitet wurde, war kurz darauf schon wieder Vergangenheit. Wie das so ist bei Katastrophen, deren Ausmaß zunächst schwer abzuschätzen ist. Iraida Efremowa, eine Arzthelferin, schreibt auf Ridus, einer Art Agentur für Bürgerjournalismus, von 90 Menschen, die sie liegen sah, die "vermutlich alle gestorben sind. Lebende würde man dort nicht so lange liegen lassen".

Problematischer Berufsverkehr in der Stadt

All das geschah im morgendlichen Berufsverkehr, und schon der tägliche Berufsverkehr ist in Moskau eigentlich eine kleine Katastrophe, etwas, das es durchzustehen gilt. Fast jede Minute rauscht in den Stoßzeiten ein neuer Zug an die Plattformen heran, auch am Knotenpunkt Kiewer Bahnhof, den auch die Unglücksbahn passierte, voll besetzt wie immer.

Zwischen den Stationen "Park Pobedy" (Siegespark), wo es die längste aller Rolltreppen gibt, und "Slawjanskij Bulvar" kam es dann zu dem technischen Defekt, dem Spannungsabfall, dem Fehlalarm, der Vollbremsung, zur Katastrophe. Doch das Warum war noch nicht zu erklären. Warum ein Zug gleich aus der Spur fliegt, wenn er bremst, wie abrupt auch immer. "Die Strecke befindet sich in einem befriedigenden Zustand", sagte der Moskauer Vize-Bürgermeister Maxim Liksutow. Die Züge, Waggons und Gleise würden ständig überprüft.

Metro accident in Moscow

Großeinsatz an der Station "Park Pobedy": In der Hauptverkehrszeit am Dienstagmorgen entgleiste ein voll besetzter Zug der Moskauer Metro.

(Foto: Yuri Kochetkov/dpa)

"Der Fisch stinkt vom Kopf, Wladimir"

Aber das Misstrauen war sofort da. In den sozialen Netzwerken gab es schnelle Hilfe, Hinweise, welche Station geschlossen ist, wo Ersatzbusse abfahren. Doch die Moskauer äußerten auch spontan ihren Unmut und ihre Wut - über die "Politik der persönlichen Bereicherung", über die "Habgier von Beamten", über Tunnel und Brücken, die veraltet seien und nur auf dem Papier instandgesetzt würden. "Der Fisch stinkt vom Kopf, Wladimir", schrieb ein "Vit Vit" in frischer Verzweiflung. Ein anderer wütete, dass Taxifahrer die Lage schamlos ausnützten und gleich den fünffachen Preis verlangten.

Katastrophen hat es in der Moskauer Metro immer wieder gegeben, tödliche Unglücke, etwa als eine Rolltreppe riss. Zuletzt in Erinnerung waren die beiden Selbstmordanschläge 2010. Damals starben an den Stationen "Park Kultury" und "Lubjanka" insgesamt 40 Menschen. Diesmal war von einem möglichen Anschlag keine Rede. Die Behörden würden eine Terrorversion erst gar nicht in Betracht ziehen, sagte Vize-Bürgermeister Liksutow.

Die Angst wird nun wieder mitfahren, eine Alternative zur Metro gibt es kaum. Bürgermeister Sergej Sobjanin versucht seit Jahren schon, gegen den Kollaps auf den Straßen zu kämpfen. Im Vergleich ist die laute, überfüllte Metro ein schnelles, planbares und auch sicheres Verkehrsmittel. Ein Untergrund-Spektakel, das fasziniert und abstößt zugleich. Schon Wochen vor der Katastrophe hatten sich Passagiere über Probleme in dem Gleisabschnitt beschwert - und wurden von den Behörden beruhigt.

© SZ vom 16.07.2014/fran
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