Süddeutsche Zeitung

Mord an Tupac Shakur:"Tupac hat sich einfach das falsche Spiel ausgesucht"

Duane Davis soll den Mord an Rapper Tupac Shakur im September 1996 angeordnet haben. Die Ermittler wollen beweisen, dass es einen Zusammenhang zu Gang-Kriminalität gibt.

Von Jürgen Schmieder, Las Vegas

Keffe D ist für den Mord an Tupac "2Pac" Shakur verantwortlich - auch wenn er selbst nicht den Abzug betätigt hat an diesem verhängnisvollen Abend im September 1996 in Las Vegas. Das ist die Argumentation von Marc DiGiacomo, stellvertretender Bezirksstaatsanwalt von Las Vegas. Keffe D, der mit bürgerlichem Namen Duane Davis heißt, sei der "Kommandant vor Ort" gewesen, er habe "den Mord an Shakur" befohlen, so argumentiert DiGiacomo. Davis ist deshalb wegen Mordes angeklagt; die Vorwürfe wiegen nochmal schwerer, weil es sich um ein Verbrechen im Zusammenhang mit Gang-Kriminalität handeln soll. Am Freitagmorgen wurde Davis, 60, in Las Vegas verhaftet. Er sitzt im Gefängnis, ohne Möglichkeit, gegen Kaution auf freien Fuß zu kommen.

Die Tatnacht ist bis zu den entscheidenden Mord-Sekunden bekannt und im popkulturellen Gedächtnis verankert. Shakur besuchte damals einen Boxkampf von Mike Tyson. Im Hotel gab es anschließend eine Auseinandersetzung mit Orlando Anderson, Mitglied der South Side Compton Crips, einer Gang in Los Angeles, tief verfeindet mit den Mob Pirus Bloods, deren Mitglied Suge Knight war, damals Chef von Shakurs Plattenlabel Death Row Records. Shakur selbst gehörte keiner Gang an, war aber aufgrund der Nähe zu Knight mit den Bloods verbandelt. Knight chauffierte Shakur daraufhin in Richtung "Club 662", der ihm gehörte und in dem Shakur ein Benefizkonzert geben sollte. Dazu kam es nicht, der 25 Jahre alte Rapper wurde an der Straßenecke von Schüssen getroffen, die vom Rücksitz eines weißen Cadillacs aus abgefeuert wurden.

Gesichert ist mittlerweile die Identität der vier Insassen des Cadillacs. Unklar aber bis heute: Wer betätigte den Abzug, und warum? Es hatte damals auch eine Fehde zwischen Rappern der Ost- und Westküste gegeben; ein halbes Jahr nach dem Mord an Shakur wurde Christopher Wallace, besser bekannt unter dem Künstlernamen Notorious B.I.G., in Los Angeles erschossen. Die Ostküste habe ein Kopfgeld auf Shakur ausgesetzt, hieß es, inklusive Bonus, sollte die Kugel aus der Waffe eines East-Coast-Rappers abgefeuert werden.

Er war der "Fünf-Sterne-General"

Die Argumentation von Bezirksstaatsanwalt DiGiacomo jetzt: Es sei gar nicht so wichtig, wer tatsächlich schoss. Wegen des Zusammenhangs zu Gang-Kriminalität sei ebenso bedeutsam, wer den Mord geplant und die Tatwaffe organisiert hat - das sei Davis gewesen. "2018 bestätigte er im Podcast 'The Gangster Chronicles', dass er an der Planung des Mordes beteiligt gewesen ist; in seinem Buch gibt er ein Jahr später zu, dass er die Tatwaffe organisiert hat, um Shakur zu jagen, dass er der Beifahrer im Cadillac gewesen sei - und als ranghöchster Befehlshaber den Mord an Shakur angeordnet habe", sagt DiGiacomo. Tatsächlich schreibt Davis in seinem Buch "Compton Street Legend", dass er der "Fünf-Sterne-General" gewesen sei: "Der Angriff auf meinen Neffen Orlando Anderson gab uns grünes Licht, etwas zu unternehmen. Tupac hat sich einfach das falsche Spiel ausgesucht."

DiGiacomo sagt: "Was uns bislang fehlte, ist der eindeutige Zusammenhang der Vorfälle in dieser Nacht zu dem, was in den Wochen davor passiert ist." Also: Orlando Anderson gilt noch immer als Hauptverdächtiger, er kam aber eineinhalb Jahre nach dem Tod von Shakur bei einer Schießerei ums Leben und wurde deshalb nie angeklagt. Es hätte auch sein können, dass sich Anderson für die Rangelei davor im Hotel habe rächen wollen: "Wir können nun aber beweisen, dass es kurz vor der Tatnacht eine Auseinandersetzung rivalisierender Gangs gegeben hat, bei dem Anderson eine Goldkette eines Death-Row-Records-Mitarbeiters stehlen wollte." Also: Der Streit verfeindeter Gangs sei immer weiter eskaliert - bis zu dieser Nacht in Las Vegas, in der Davis den Mord an Shakur befohlen habe.

Davis habe die Waffe gekauft mit der Absicht, dass sie gegen Shakur und Knight verwendet werden würde, und er habe sie jemandem auf dem Rücksitz gereicht mit dem Ziel, den Mord auszuführen. Davis ist der einzige Cadillac-Insasse, der noch am Leben ist. Im Juli hatte die Polizei das Haus von Davis in der Nähe von Las Vegas durchsucht und dort offenbar Beweise dafür gefunden, dass dieser den Mord an Shakur nicht nur angeordnet hat, sondern dass die Tat mit der Fehde zwischen den South Side Compton Crips und den Mob Pirus Bloods in Zusammenhang steht. "Die Mob Pirus Bloods waren damals quasi komplett bei Death Row Records", sagt DiGiacomo.

Davis habe die Ermittlungen mit seinen Ausführungen zum Mord an Shakur und Gang-Kriminalität also selbst befeuert und offenbar Beweise dafür in seinem Haus in der Nähe von Las Vegas aufbewahrt. Er habe keine Angst vor dem Gefängnis, sagte Davis kürzlich in einem Interview mit dem Rap-Historiker DJ Vlad: "Die wollen mich dafür lebenslang ins Gefängnis stecken? Dann ist das wohl etwas, das ich tun muss."

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