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Türkei:Tage des Frosches

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Original und Darsteller: der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan und der Schauspieler Reha Beyoğlu (rechts).

(Foto: AFP, OH)

Der Aufstieg von Präsident Recep Erdoğan kommt in der Türkei ins Kino. Im Casting setzte sich der 38-jährige Reha Beyoğlu gegen 200 Mitbewerber durch - aber nicht jeder beneidet ihn darum. Eine Begegnung.

Es ist die Rolle seines Lebens, so viel steht fest für Reha Beyoğlu. Alle werden über ihn reden. Die einen werden ihn feiern. Die anderen werden ihn verachten.

Bei dem Mann, den Beyoğlu spielen soll, gibt es keine Mitte mehr, keine Unentschlossenen, man ist für ihn oder gegen ihn, mit voller Leidenschaft. Beyoğlu spielt Recep Tayyip Erdoğan, den türkischen Staatspräsidenten. Ein Held für die einen, der Mann, der in Istanbul die größten Brücken baut, die kompliziertesten Tunnel durch die Erde treibt, der einen Mega-Flughafen erschafft und Kanzlerin Merkel die Spielregeln in der Flüchtlingspolitik erklärt. Für die anderen ist er ein von der Macht korrumpierter Bösewicht, der Demonstranten mit Wasserwerfern verjagen lässt, der Leute ins Gefängnis bringen will, die ihm den Mittelfinger zeigen. Und Krieg gegen die Kurden nur um des Machterhaltes willen führt. Und jetzt also kommt Erdoğan ins Kino, sein Leben, sein Aufstieg; "Reis" wird der Film heißen: Anführer. Am Montag haben die Dreharbeiten begonnen, Premiere ist Ende März.

Das Budget fällt mit etwa sieben Millionen Euro recht üppig aus

Die Atıf Yılmaz Caddesi in Istanbul, Hausnummer 15. Die Einkaufsstraße İstiklal liegt um die Ecke. Produzent Ali Avcı, Mitte 30, empfängt im Dreiteiler. Es sitzt an einem wuchtigen Buchhalterschreibtisch, vor ihm ein voller Aschenbecher und Reha Beyoğlu. Sie arbeiten an etwas ganz Großem, sagen sie. Und groß heißt hier auch: verschwenderisch. Auf Nordzypern haben sie Teile des alten Istanbuls als Kulisse nachgebaut; das Budget fällt mit etwa sieben Millionen Euro für türkische Verhältnisse üppig aus. Woher das Geld genau kommt, das verraten sie nicht. Es soll jedenfalls nicht bei einem Film bleiben, sagt Avcı, denn Erdoğans Leben biete Stoff für fünf. Und: Sie machen nicht nur einen Film über Erdoğan, sondern auch einen für ihn. Sie arbeiten an der Erdoğan-Saga.

Eine interessante Vorstellung, jetzt den jungen Erdoğan vor sich sitzen zu haben: Reha Beyoğlu ist 38 Jahre alt, er hat eine Kippe in der Hand, trägt Bluejeans und Jeansjacke über dem weißen, engen Ripp-Shirt. Unter dem Schnauzer: ein feines Lächeln. Er erzählt, er komme wie Erdoğan von der Schwarzmeerküste, und die Leute dort würden nicht lange zaudern, sondern einfach machen. Mit dem Kopf durch die Wand? "Was?", antwortet er auf Deutsch. Er versteht ein wenig, er hatte in der Schule Deutsch. "Ja", sagt er, mit dem Kopf durch die Wand. Wie Erdoğan.

Es würde einen zwar nicht wundern, Beyoğlu abends in einer der Kneipen nicht weit von hier zu treffen, denen Erdoğan das Leben mit seinen scharfen Alkoholgesetzen und dem biederen AKP-Islam schwer zu schaffen gemacht hat. Aber Beyoğlu hätte sich im Casting wohl nicht gegen 200 Mitbewerber durchgesetzt, wenn er am Ende nicht auch Sympathie für Erdoğan hegen würde. Als dessen Partei, die AKP, 2002 das erste Mal an die Macht kam, hingen bei Beyoğlu daheim Erdoğan-Poster. Beyoğlu und Erdoğan haben sogar etwas gemeinsam, beide hatten durchaus Chancen, Profifußballer zu werden. Erdoğan nannten sie früher "Imam-Beckenbauer", aber sein Vater hielt nichts von dieser Träumerei, und kurze Hosen fand er unislamisch. Beyoğlu wuchs auch in einer frommen Familie auf, bei ihm war es die Mutter, die sich an den schmutzigen Schuhen störte, mit denen er nach Hause kam. Beyoğlu studierte an der Kunsthochschule in Istanbul, er ging dann zum Film.

"Niemand kann Erdoğan werden, aber man kann ihn spielen", sagt Beyoğlu. Das sei nicht so schwierig, wie es sich alle ausmalten. Abgesehen von Erdoğans aufbrausender Art, die mache ihm zu schaffen.

Vor einiger Zeit gab es eine Umfrage, in der knapp 70 Prozent der Türken angaben, sich vor Erdoğan zu fürchten. Spielt er also doch den Bösewicht? Beyoğlu sagt: "Yok!" Nein! "Erdoğan war niemals jemand, vor dem man Angst haben musste."

Der Film soll die menschliche Seite des Herrschers zeigen, sagen der Produzent und der Film-Erdoğan. Er beginnt in der Zeit, als Erdoğan seiner Kindheit entwachsen ist und Bürgermeister von Istanbul werden will, da ist er in etwa so alt wie Beyoğlu heute. Es sind die frühen Neunzigerjahre, Beyoğlu spielt Erdoğan, wie er Wahlkampf macht und von Haus zu Haus zieht, er kommt irgendwann zu einer Familie, die Eltern schimpfen gerade mit ihrem Sohn, weil er einen Eimer mit Wasser verschüttet. Aber Erdoğan sieht, dass das Kind nur einen Frosch retten will, der sich verirrt hat. Er ist der Milde, hilft.

Das ist der Tag des Frosches im Leben des heutigen Staatspräsidenten. Beyoğlu sagt, die Zuschauer werden vergleichen. Den Erdoğan heute. Und den von damals.

Seine Macht erwacht - so steht es im Drehbuch. Es soll eine Erdoğan-Saga daraus werden

Wenn man einen Film über den Erdoğan von heute drehen würde, wäre das wohl ein Kriegsfilm. Im Südosten des Landes legt die Armee auf der Jagd nach PKK-Terroristen ganze Straßenzüge in Schutt und Asche, im Nachbarland Syrien lauern die Fanatiker und Selbstmordattentäter des "Islamischen Staates" auf die nächste Gelegenheit, Unheil über die Türkei zu bringen, und Erdoğan: gibt den Kriegsherrn. Beyoğlu sagt, er hätte keine Probleme, diesen Erdoğan zu spielen. Aber darum gehe es im ersten Teil nicht. Seine Macht erwacht - so steht es im Drehbuch.

Der Film nimmt die Zuschauer mit ins alte Istanbul, fernab der Glitzerstraßen. Dorthin, wo Erdoğan aufwuchs, ins Hafenviertel Kasımpaşa, die Menschen hier sind fromm, robust, geradeheraus. Das Leben schenkt nichts in Kasımpaşa, die Straße bringt einem bei, sich durchzusetzen. Erdoğans Anfangszeit in der Politik ist eine hitzige, 1999 muss er ins Gefängnis. Er sagte: "Ich sage nicht auf Wiedersehen", er komme zurück. An dieser Stelle soll Teil I der Saga enden.

Damals war Erdoğan in der Türkei mehrheitsfähig, nicht im Sinne nackter Prozentzahlen an Wahlabenden, sondern als Reformer, der das Land so stark verändern sollte wie sonst nur Republikgründer Kemal Atatürk. Beyoğlu spielt nun Erdoğan in seinen besten Jahren. Wenn man ihn fragt, was Erdoğan verändert hat, sagt er: "Dass seine Gegner stärker geworden sind." Er habe immer kämpfen müssen. Das ist im Grunde das Thema des Films.

Gibt es lustige Szenen? "Yok!", sagt Beyoğlu. Einen Filmkuss vielleicht, Erdoğan hat ja früh geheiratet? "Yoook!" Gar keine Liebesszene? "Yoooook!"

Reha Beyoğlu spielte schon Atatürks Leibwächter und in einem Dutzend Serien mit wie "Jagdzeit", "Fremder in meinem Herzen", "Unvergesslich" und "Kalorien verboten". Der Erdoğan-Film ist eine andere Nummer. Kein Projekt in der Türkei dürfte so unter Beobachtung stehen. Es ist auch das erste Mal, dass Beyoğlu sich in seinem Bekanntenkreis so heftig für ein Engagement erklären muss. Freund-Feind-Denken - das ist Erdoğans Welt.