Türkei und Syrien:Neue Erdbeben versetzen Menschen in Panik

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Eine Frau im Rollstuhl wird aus ihrem Haus in der türkischen Stadt Reyhanlı gebracht. (Foto: Celestino Arce Lavin/dpa)

In der Türkei sterben mehrere Menschen, Hunderte kommen in Krankenhäuser. Zwei Wochen nach der verheerenden Katastrophe zweifelt die türkische Ärztekammer die offiziellen Todeszahlen an.

Zwei Wochen nach einem verheerenden Erdbeben hat ein weiteres Beben der Stärke 6,4 die Südosttürkei und den Norden Syriens erschüttert. Das Epizentrum lag im Kreis Samandağ in der Provinz Hatay, wie die Erdbebenwarte Kandilli in Istanbul mitteilte. Die türkische Katastrophenschutzbehörde Afad sprach sogar von zwei Beben in Hatay der Stärke 6,4 und 5,8.

Es habe mindestens 20 Nachbeben gegeben, sagte der türkische Vizepräsident Fuat Oktay. Mindestens drei Menschen seien ums Leben gekommen, 213 Menschen seien in Krankenhäuser gebracht worden, sagte der türkische Innenminister Süleyman Soylu.

Der Sender CNN Türk berichtete, die Menschen seien in Panik auf die Straße gelaufen, zudem sei in Hatay der Strom ausgefallen. Drei Menschen seien verschüttet worden, als sie Sachen aus ihrem Haus holen wollten. Der Bürgermeister von Hatay warnte, die Erdbebenserie sei noch nicht vorbei. Via Twitter rief er dazu auf, sich von einsturzgefährdeten Gebäuden fernzuhalten. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtete, das staatliche Krankenhaus in der Küstenstadt İskenderun werde evakuiert.

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Das Beben war Medienberichten zufolge auch in den umliegenden Provinzen, im Norden Syriens, in Israel, im Irak und in Libanon zu spüren. In mehreren Orten nahe der syrischen Stadt Aleppo seien erneut Häuser eingestürzt, sagte eine Sprecherin der Hilfsorganisation SAMS. Darunter sei die Kleinstadt Dschindiris, die schon vor zwei Wochen stark von den Beben getroffen wurde. Fünf Kliniken der Organisation hätten mindestens 30 Verletzte aufgenommen - darunter ein Kind mit Herzstillstand, das reanimiert werden konnte.

Die Rettungsorganisation Weißhelme teilte mit, im Nordwesten Syriens seien mehrere Städte und Dörfer betroffen. In mehreren Gebieten seien Hauswände und Balkone eingestürzt. Die Zivilschützer meldeten "mehrere Verletzte" unter anderem durch herunterfallende Trümmer. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete, mehrere Menschen hätten sich durch Sprünge aus dem Fenster oder von Balkonen verletzt oder im panischen Gedränge.

"Viele Menschen haben ihre Häuser verlassen und ziehen durch die Straßen in Angst, dass weitere (Erdbeben) folgen werden", darunter auch in der syrischen Hauptstadt Damaskus, teilte das UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) für die Region über Twitter mit.

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Die Weltgesundheitsorganisation drängt auf weitere Hilfe für Betroffene in der Türkei und in Syrien. Neue Daten zeigen das Ausmaß der Beben. Die Zahl der Toten liegt mittlerweile bei mehr als 40 000.

Türkische Ärztekammer will Totenzahlen nach Erdbeben überprüfen

Am 6. Februar hatte frühmorgens ein Beben der Stärke 7,8 die Südosttürkei und den Norden Syriens erschüttert, Stunden später folgte ein zweites schweres Beben der Stärke 7,5. Das Epizentrum lag in beiden Fällen in und in der Nähe der südtürkischen Provinz Kahramanmaraş. Mehr als 47 000 Menschen sind bei dem Beben Anfang des Monats ums Leben gekommen, davon mehr als 41 000 in der Türkei. In vielen Provinzen in der Türkei wurden die Sucharbeiten nach Verschütteten inzwischen beendet.

Die türkische Ärztekammer zweifelt die offiziellen Angaben zu den Toten jedoch an und schätzt die tatsächliche Zahl höher: Man wolle die Zahl der Bestattungen bis Anfang März bei den Kommunen abfragen und so die Regierungsangaben überprüfen, sagte Vedat Bulut von der Ärztekammer TTB. "Wir haben Zweifel an den Zahlen", sagte er. "Als in Kahramanmaraş 6000 Todesfälle gemeldet wurden, gab es beispielsweise Bestattungsunterlagen zu 11 000 Menschen." Grund dafür könne entweder sein, dass die offiziellen Zahlen zu niedrig angegeben würden. Es könne theoretisch aber auch sein, dass Tote von ihren Angehörigen aus anderen Provinzen nach Kahramanmaraş gebracht worden seien.

Die EU-Gesundheitsbehörde ECDC warnte am Montag davor, dass sich Infektionskrankheiten in der Region ausbreiten und in den kommenden zwei bis vier Wochen etliche Ansteckungen zur Folge haben könnten. Derweil sagten Unternehmen und Verbände in Deutschland am Montag dringend benötige Materialien wie Arzneimittel, medizinische Geräte und weitere Hilfsgüter im Millionenwert zu, wie das Bundesgesundheitsministerium in Berlin nach einem "Spendengipfel" mitteilte.

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock und Innenministerin Nancy Faeser wollen am Dienstag das Erdbebengebiet im Südosten der Türkei besuchen. Bei der eintägigen Visite wollten sich die beiden Politikerinnen ein Bild von der Lage vor Ort machen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ruft derweil die Menschen in Deutschland zu "ausdauernder Solidarität" auf. Bei einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Bebens von vor zwei Wochen sagte das Staatsoberhaupt vor dem Brandenburger Tor in Berlin, Mitmenschlichkeit bleibe gefragt. Das gelte "auch dann, wenn die Bilder aus dem Erdbebengebiet längst von anderen Nachrichten verdrängt worden sind".

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