SZ-Serie „Ein Anruf bei ...“:„Die meisten Tassen werden zum Semesterbeginn gestohlen“

Lesezeit: 3 min

Das Objekt der Begierde: eine handgetöpferte Tasse des Cafés Suedhang in Tübingen. (Foto: SELINA VOELKEL/SELINA VOELKEL)

Der Kaffeerösterei Suedhang in Tübingen werden am Tag drei Tassen geklaut. Stecken dahinter koffeingetriebene Geisteswissenschaftler? Wer auch immer, so etwas schadet Gastronomen. Und: Wiedersehen macht Freude.

Interview von Alexandra Ketterer

Seit vier Jahren betreiben Martin Lai und Robin Hittinger die Kaffeerösterei Suedhang in Tübingen. Nun schlagen sie in den sozialen Medien Alarm: Seit zwei Jahren klauen Diebe ihre Tassen, sie verlieren dadurch einen Haufen Geld – ein Problem, das viele Cafés teilen.

SZ: Hallo Herr Lai, was ist das für eine besondere Tasse, die alle haben wollen? 

Es sind ganz schnörkellose weiße Tassen. Die haben keinen Henkel und sind im Prinzip ganz unaufdringlich. Zeitlos gestaltet, aber auch keine gestanzte Massenware. Jede Tasse wird handgetöpfert. Wenn wir laut schreien: Wir brauchen neue, dann hört es unsere Töpferei. Die ist nur etwa hundert Meter von uns entfernt. 

Praktisch, denn Sie mussten ja zuletzt öfter nach neuen Tassen schreien.

Pro Tag werden etwa drei Tassen bei uns geklaut, also so hundert im Monat. Das kostet uns monatlich etwa 1000 Euro, dafür könnten wir zusätzlich zwei Minijobber einstellen.

Wäre es da nicht auf Dauer günstiger, Papp- oder Mehrwegbecher zu nutzen?

Wir wollen Leute dazu bringen, sich zu vergegenwärtigen, wie lange es braucht, bis Kaffee produziert ist. Wenn man das einmal verstanden hat, dann kippt man den Kaffee nicht einfach so runter, sondern nimmt sich mehr Zeit. Das krasse Gegenteil ist so ein To-go-Becher. Wir haben viele Mehrwegbecher der Firma Recup. Aber die Trinkqualität ist halt eine andere. Wenn die Lippen an Keramik hängen beim Trinken, dann ist das ein ganz anderes geschmackliches Ergebnis als bei einem Plastikteil. Es gibt ja auch einen Grund, warum man Wein aus ganz dünnwandigen Gläsern trinkt.

Haben Sie schon mal einen Tassendieb in flagranti erwischt? 

Nein, dem würde ich ja direkt hinterherrennen! Aber die Sache ist: Wir haben einen wunderschönen Kirchplatz um die Ecke. Da trinken viele unseren Kaffee, und dafür geben wir auch gerne unsere Tassen raus, das ist halt ein Vertrauensvorschuss. Da brauchst du keinen ausgeklügelten Trick oder musst kein großer Betrüger sein, um die einfach einzupacken. 

Martin Lai in typischer Tübinger Studenten-Pose in der Kaffeerösterei. (Foto: SELINA VOELKEL/SELINA VOELKEL)

Wer kommt denn so in Ihr Café?

Unser typisches Publikum ist so 25 plus. Also man könnte schon sagen, akademisch geprägt, aber auch viele Handwerker, die dann als erste Amtshandlung ihres Arbeitstags bei uns vorbeikommen und Kaffee trinken. Wir repräsentieren eigentlich, was man in Tübingen antrifft: Familien und irgendwelche Forschenden. 

Haben Sie einen Verdacht, wer die Tassen besonders gerne klaut? Geisteswissenschaftler?

Nee, da wird es ja jetzt sehr spekulativ! Wir verkaufen am Tag etwa 200 bis 300 Getränke, und da werden pro Tag drei Tassen geklaut, also nur jede hundertste! Die meisten Tassen werden zum Semesterbeginn gestohlen. Ich glaube, dass es nur wenige sind, die klauen.

Sie haben Ihren Frust über den Tassenklau auf sozialen Medien geteilt, andere Cafés haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Wurden schon Tassen reumütig zurückgegeben? 

Es nervt mich selbst, dass ich davon so schlechte Laune kriege und den Leuten hinterhergucke und denke: Bringt der die Tasse zurück oder nicht? Wir haben einen Geschirrrückgabekorb draußen hingestellt. So können die Diebe beim Zurückgeben ihr Gesicht bewahren. In Tübingen kennen sich ja auch irgendwie alle.

Sie haben ja viel Sympathie für die Diebe. Haben Sie denn selbst schon mal etwas geklaut? 

Ich habe mir bei Ikea mal einen Stoffkleiderschrank gekauft, da war ich vielleicht 18, für meine erste Wohnung. An der Kasse war ich überrascht, dass das Päckchen irgendwie schwer war. Zu Hause habe ich dann gemerkt, dass vier zusammengefaltete Schränke drin waren. Die habe ich nicht zurückgegeben und mich so ein bisschen diebisch gefreut. Wie Robin Hood. Das würde ich heute nicht mehr machen.

Wollten Sie schon immer Barista in einer hippen Studi-Stadt werden? 

Ich habe in Mathe promoviert und dann ein Unternehmen gegründet, das bundesweit Mathenachhilfe angeboten hat. Als Unternehmensberater habe ich Großbanken beraten, das hatte ethisch nicht den besten Impact. Deshalb habe ich was gesucht, hinter dem ich stehen kann und will. Dann habe ich Robin getroffen, der die Liebe zum Kaffee mitgebracht, hat und wir haben uns entschieden, zusammen eine Kaffeerösterei zu eröffnen.

Nachdem Sie jetzt ein bisschen Frust rausgeblasen haben: Ist Ihre Tasse jetzt halb leer oder halb voll? 

Dass wir das jetzt publik gemacht haben, könnte natürlich auch zu Nachahmern führen. Aber meine Tasse ist trotzdem noch halb voll.

Weitere Folgen der Serie „Ein Anruf bei …“ finden Sie hier .

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ PlusSwiftie
:Meine Freundin Taylor

Die Fans der Sängerin Taylor Swift, die "Swifties", geben Tausende Euro für Konzertkarten und Fanartikel aus und beten sie an wie in einem religiösen Kult. Warum? Zu Besuch bei Kim Niehaus, einer ihrer treuesten Anhängerinnen.

Von Paulina Würminghausen

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: