Tsunami vor zehn Jahren:Die große Welle vor Kanagawa

Tsunami vor zehn Jahren: Hokusais "Welle" erschien im Unicef-Kalender ausgerechnet am Tag des Tsunamis.

Hokusais "Welle" erschien im Unicef-Kalender ausgerechnet am Tag des Tsunamis.

Die "Große Welle vor Kanagawa". Eine tosende See holt mit gischtgezeugten Tentakeln dazu aus, drei Fischerboote zu verschlingen und den Berg Fuji gleich dazu. Eine schäumende Gewalt, die sich über die Welt erhebt, sie Demut zu lehren. Die Menschlein ducken sich in den Booten, seltsam gefasst ihr Schicksal erwartend. Und über allem ungerührt ein sonnenbeschienener Himmel. Eines der größten Kunstwerke Japans. Geschaffen in den Jahren zwischen 1823 und 1830 vom Holzschneider Katsushika Hokusai, eine seiner "36 Ansichten des Berges Fuji". Keines von Hokusais Bildern erreichte größeren Ruhm, es ging in den Bildungs- und Bildschatz auch der Menschen in der westlichen Welt ein. Vincent van Gogh bewunderte es, Rainer Maria Rilke widmete Hokusais Fuji-Zyklus einst sein Gedicht "Der Berg".

Als im Sommer des Jahres 2002 eine Agentur in London daran ging, eine neue Ausgabe des Kunstkalenders für Unicef zu erstellen, für das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, da suchten sie wie jedes Jahr nach Motiven "die weltweit faszinieren und verständlich sind", wie ein Unicef-Mitarbeiter der SZ hernach sagte. Sie reservierten ein Blatt für Hokusais Welle. Der Kalender wurde weltweit verkauft, in Deutschland genau 5986 Mal.

Am 27. Dezember 2004, einen Tag nach dem Tsunami, traf der SZ-Reporter in Thailand ein, um zu berichten. "Wer von uns wusste schon wirklich, was das ist, ein Tsunami?", schrieb er in seiner letzten Reportage über den ausgelöschten Strand von Khaolak. Lediglich Hokusais "Welle", heißt es in dem Artikel, die sei manchem wohl vertraut, als Postkarte vielleicht, auch wenn die meisten wohl nicht wussten, was genau sie da auf dem Bild sahen.

Es dauerte ein paar Wochen. Dann kam der erste Leserbrief. Dann noch einer, Und noch einer. Und alle begannen mit den gleichen Worten: Sie werden es nicht glauben! "Ich kaufe den Kalender seit Jahren und führe dort Tagebuch", schrieb Barbara J.B. aus Dachau. Beim Nachtragen der Tage zwischen den Jahren dann, habe sie das entdeckt: Die "Große Welle vor Kanagawa". Im Kunstkalender von Unicef.

Zwischen den Seiten vom 26. und 27. Dezember 2004.

Ein Zufall, natürlich. Aber was für einer.

Sie bekomme, schrieb Frau B. damals, noch beim Schreiben dieser Zeilen eine Gänsehaut.

© SZ.de/afis
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