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Tschernobyl:Flammen rund um den Sarkophag

Burned trees are seen in the settlement of Poliske after a forest fire in the exclusion zone around the Chernobyl nuclear power plant

In der 30 Kilometer umfassenden Sperrzone rund um das ehemalige Atomkraftwerk von Tschernobyl in der Ukraine haben Flammen ein leichtes Spiel.

(Foto: REUTERS)
  • Seit mehr als einer Woche kämpfen ukrainische Feuerwehrleute gegen Waldbrände in der Sperrzone rund um das havarierte Atomkraftwerk Tschernobyl.
  • Katastrophenschutzchef Nikolaj Tschetschetkin gab am Dienstag weitgehende Entwarnung: 500 Feuerwehrleute hätten die Feuer gelöscht, unterstützt durch starke Regenfälle.
  • An der offiziellen Version gibt es Zweifel. Satellitenaufnahmen zeigen, dass in der Gegend rund um das 1986 explodierte AKW noch am Ostermontag Zehntausende Hektar Wald brannten.

Es muss schon einiges geschehen, bevor sich der Präsident der Ukraine über den Zwischenstand bei Waldbränden informieren lässt. Feuer und Waldbrände sind in der Ukraine nämlich ein häufiges Übel: erst recht im Frühjahr, wenn Bauern Felder abfackeln und Dorfbewohner altes Laub verbrennen. Das ist zwar illegal, doch in der Ukraine weit verbreitet. Theoretisch wird dies mit Geldstrafen bis zu umgerechnet 300 Euro bestraft, doch in der Praxis kommt es dazu fast nie.

Oft genug geraten Feuer außer Kontrolle: Der Katastrophenschutz der Ukraine führte allein für 2020 bis zum 14. April bereits 37 363 Brände auf, bis zu zwei Drittel davon auf Feldern und in Wäldern. 646 Ukrainer starben allein seit Januar in den Flammen. Die Feuer aber, die jetzt in der sogenannten "Ausschlusszone" um das ehemalige Atomkraftwerk Tschernobyl tobten, hatten eine besondere Größenordnung: Satellitenaufnahmen zeigen, dass in der Gegend rund um das 1986 explodierte AKW noch am Ostermontag Zehntausende Hektar Wald brannten. Es waren die größten je registrierten Feuer in der mit hoher Radioaktivität belasteten Tschernobyl-Zone. Flammen oder starke Winde könnten die erhöhte Radioaktivität auch ins rund 100 Kilometer entfernte Kiew tragen oder auch in andere Gebiete.

Alles begann am 3. April: Da setzte ein 27 Jahre alter Bewohner des Dorfes Ragowka "zum Vergnügen" mehrere Haufen Laub und Zweige in Brand, wie er später der Polizei gestand. Die Feuer gerieten außer Kontrolle, starker Wind trug Funken weiter. Bereits einen Tag später hatte das Feuer mehr als 100 Hektar erfasst, berichtete Jehor Firsow, Chef des Umweltinspektorates der Ukraine. Den Feuerwehrleuten gelang weder, den Brand zu löschen, noch ein weiteres, ab dem 8. April in der Nähe des AKW loderndes Feuer zu bekämpfen. Die rund 2600 Quadratkilometer große Zone bietet Feuern beste Voraussetzungen: mit verlassenen Dörfern und abgesperrten Bereichen, in denen 1986 radioaktiver Abfall schlicht zurückgelassen wurde.

Ein Touristenführer wandte sich in einem Hilferuf an Präsident Selenski

Vor allem aber sind die ausgedehnten Buchen- und Pinienwälder hier nach einem ungewöhnlich trockenen und warmen Winter völlig ausgedörrt. Am 8. April sprach die Verwaltung der Ausschlusszone (DASV) von 3500 brennenden Hektar, am Freitag vergangener Woche gab die amtierende DASV-Leiterin Katerina Pawlowa zu: "Die Tschernobyl-Zone war nicht bereit für große Feuer. Es wird mehrere Jahre dauern, die dafür notwendige Infrastruktur aufzubauen." Zwar waren mittlerweile mehr als 400 Feuerwehrleute mit Dutzenden Löschfahrzeugen, drei Flugzeugen und drei Hubschraubern im Einsatz. Doch die Flammen breiteten sich weiter aus.

"Die Situation ist kritisch. Die Zone brennt", warnte der als Touristenführer arbeitende Jaroslaw Jemelianenko am Ostermontag in einem Hilferuf an Präsident Selenski. "Die örtlichen Behörden berichten, dass alles unter Kontrolle sei, aber tatsächlich erfasst das Feuer schnell neue Gebiete." Die Flammen seien nur noch zwei Kilometer vom Abfalllager Podlisnij entfernt und bewegten sich schnell auch auf den Sarkophag des ehemaligen AKW Tschernobyl zu. "Entweder dem Ministerrat wird nicht die reale Situation geschildert oder sie haben sich wie 1986 zum Versuch der Vertuschung entschieden", schrieb Jemelianenko.

Präsident Wolodimir Selenski machte die Feuer nun zur Chefsache. Am Dienstag gab ihm Katastrophenschutzchef Nikolaj Tschetschetkin weitgehende Entwarnung: 500 Feuerwehrleute hätten die Feuer gelöscht, unterstützt durch starke Regenfälle. Allerdings, so Tschetschetkin, bräuchten seine Männer noch mehrere Tage, um noch schwelende Glutstellen zu löschen. Bis dahin werden die Feuerwehrleute vor allem beten, dass der starke Wind nicht wieder auflebt, der die Feuer noch am Ostermontag weiter angefacht hatte.

Ob die Feuer tatsächlich bereits alle gelöscht sind, scheint fragwürdig: Denn noch am Montag standen offenbar Zehntausende Hektar Wald in Flammen oder waren bereits abgebrannt: Fachleute der russischen Greenpeace-Sektion kalkulierten anhand von Satellitenbildern der US-Raumfahrtbehörde Nasa, dass Ostermontag allein bei einem rund 39 Kilometer vom ehemaligen AKW entfernten Feuer etwa 34 400 Hektar Wald in Flammen standen - und weitere 12 600 Hektar im zweiten Feuer, das nur noch einen Kilometer vom Sarkophag entfernt sei. Das ukrainische Parlament beschloss unter dem Eindruck der Beinahe-Katastrophe, die Strafe für illegal entzündete Feuer auf umgerechnet mehrere Tausend Euro zu erhöhen.

© SZ/zip
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