Tschechien:Unternehmen Knuspererbse

Petr Smeral mit Tochter Simona Gründer von Herasek Prag

"Herášek", der Klang des Namens gefalle ihr: Petr Šméral mit Tochter Simona.

(Foto: Stephan Dolak)

Ein Mann aus Prag erfindet einen Snack, um seiner kranken Tochter finanzielle Sicherheit und ein soziales Netz bieten zu können. Zu Besuch in der Erbsenwerkstatt.

Von Viktoria Großmann, Prag

Eigentlich eine simple Idee: frittierte Erbsen mit Salz. Sie schmecken gut zum Bier, befriedigen das Urverlangen nach Salz und Fett und knuspern schön. Vielleicht sind sie sogar gesünder als Kartoffelchips - wegen der Proteine. Für Petr Šméral war es die zündende Idee, eine aus der Not geborene Erfindung. Er habe lange herumprobiert in seiner Küche zu Hause, um das richtige Fett, die richtige Temperatur und Frittierzeit zu finden. Nun hat die Erfindung einen Namen, Herášek, einen Ort, Prag, und eine Miteigentümerin, Simona.

Simona ist Petr Šmérals Tochter, er nennt sie liebevoll Simonka. Für sie hat er Herášek erfunden. Simona ist sehr krank, sie leidet an einem höchst seltenen Gendefekt. Sie kann die Erbsen nicht essen, nur den Geruch des Salzgebäcks wahrnehmen. Der Klang des Namens gefalle ihr, sagt Šméral, das lustige "-schek" am Ende. Herášek verbindet das tschechische Wort für Erbse mit der Bezeichnung für ein Rauschgift - weil das Knabberzeug möglichst süchtig machen soll, damit man immer mehr davon kauft. Verschulden muss man sich für den Erbsenrausch allerdings nicht, und das Geld verschwindet auch nicht in einem finsteren Kartell, sondern unterstützt ein Sozialprojekt. Denn auch das steht hinter dem Namen Herášek.

Herášek bringt Eltern von Kindern mit schweren Behinderungen zusammen. Sie stellen den Erbsensnack gemeinsam her, in einer ehemaligen Gastwirtschaft im Bezirk Prag 8, nordöstlich des Zentrums. Küche und Verkaufsraum dienen auch als Treffpunkt, die Kinder können hierher mitgebracht werden, es gibt Sitzecken und einen Ruheraum. All das wird dringend benötigt, denn Vollzeitpflege macht einsam. Und viele arm.

Petr Smeral Herasek Prag Tschechien

Eingang zum Herášek-Lokal im Bezirk Prag 8.

(Foto: privat)

Das hat auch Petr Šméral erfahren. Irgendwann musste er seinen Beruf aufgeben. Arbeit hat er genug, nur keine bezahlte mehr: Šméral kümmert sich um seine Tochter. Den ganzen Tag, die ganze Nacht, immer. Seine Mutter hilft, Simonas Mutter hat sich schon vor Jahren von der Familie getrennt.

Simona ist mittlerweile 18. Šméral hat Bilder von ihr auf seinem Handy. Klein und zerbrechlich ist sie, wie ein Kind, kurze, dunkle Haare und dunkle Augen wie ihr Vater. Der sitzt an einem Tisch in seinem Herášek-Lokal. Über 50, mit ergrauendem Haar, mehr als nur sportlich, er ist durchtrainiert, der Kopf kahl, im Gesicht eine schmale Brille. Er erzählt rasch, aber mit ruhiger Stimme, fokussiert, immer mit einem Lächeln im Gesicht. Draußen rumpeln die Straßenbahnen den Hang hoch und runter, eine halbe Stunde brauchen sie von hier ins Zentrum.

Simona kann nicht allein gehen und nicht allein essen, sie spricht nicht. Die medizinische Versorgung in Tschechien ist gut, aber wer kümmert sich um die Pflege? "Ich bekomme für Simona keine Pflegekraft vom Staat", sagt Šméral. Eine Hilfe, ja, für vielleicht eine Stunde am Tag. Aber wie soll er Geld verdienen gehen? Früher war Simona tagsüber in einer schulischen Einrichtung, seit bald vier Jahren geht das nicht mehr. Die lebensbedrohlichen epileptischen Anfälle kamen immer häufiger, Šméral konnte und wollte sie nicht mehr in fremder Obhut lassen.

Petr Smeral mit Tochter Simona Gründer von Herasek Prag

"Ich bekomme für Simona keine Pflegekraft vom Staat", sagt Šméral.

(Foto: Stephan Dolak)

Der studierte Geologe Šméral, der zuletzt als Manager für eine große IT-Firma tätig war, hat erlebt, wie Staat und Gesellschaft Pflegende im Stich lassen. "Die Eltern solcher Kinder arbeiten den ganzen Tag. Aber sie sollen zum Arbeitsamt gehen und sich arbeitslos melden, um wenigstens etwas Unterstützung zu erhalten", sagt er. Jobangebote können sie nicht annehmen. Zu viel zu tun. Unbezahlte Sorgearbeit, das Problem gibt es überall in Europa. Ob nun Kinder ihre Eltern oder Eltern ihre Kinder pflegen. Der weit überwiegende Teil wird von Frauen erledigt, Petr Sméral ist insofern eher die Ausnahme.

Die Sozialleistungen jedenfalls gleichen das nicht aus, sagt Petr Šméral. Er begann, mit den Behörden zu korrespondieren, er informierte sich, er schrieb Petitionen, wandte sich sogar an Amnesty International. Er lacht: "Die hat das natürlich überhaupt nicht interessiert."

Šméral fühlte sich als Vollzeitpflegekraft wie ein Solo-Selbständiger - doch Anerkennung finden und Geld verdienen kann man offenbar nur als Unternehmer, so fasst er seine Erfahrung zusammen. Also unternahm Šméral etwas, einen Ausbruchsversuch aus der Ohnmacht, der Abhängigkeit von den Behörden, der Isolation. Die Idee: ein Produkt, das ohne großen Aufwand herzustellen ist und aus Rohstoffen besteht, die günstig und leicht zu beschaffen sind. Wie Erbsen, Speiseöl und Salz. Das ermöglicht eine umso größere Gewinnmarge.

Petr Smeral Herasek Prag Tschechien

In der Küche der Werkstatt: Erbsen auf dem Weg zum Knuspersnack.

(Foto: privat)

Um das Unternehmen zu gründen, brauchte er Startkapital, das er mittels einer Crowdfunding-Kampagne sammelte. Davon konnte er die ehemalige Gastwirtschaft anmieten. Es gibt eine Küche, um die Erbsen herzustellen, und Platz, um sie zu verpacken. Anfangs wurden die Tüten von Hand gedreht, das geht nun schon etwas professioneller.

Ein Zuverdienst zum Lebensunterhalt ist Herášek noch nicht geworden. Und natürlich hat Šméral jetzt nicht weniger zu tun, im Gegenteil, er ist noch länger auf den Beinen - bis zu 20 Stunden, wie er sagt. Seine Mutter muss sich öfter um Simona kümmern, außerdem hat er jetzt doch eine bezahlte Pflegekraft angestellt. Langfristig soll aus dem Projekt aber Geld zusammenkommen, um zumindest in Härtefällen zu helfen. Šméral ist zwar der Gründer, doch seine Mitstreiterinnen, die meisten sind Frauen, haben Anteile. 35 Prozent haben sie an ihre Kinder überschrieben. Sie hoffen, so ein Netzwerk zu haben, aus dem die Kinder im Notfall Hilfe erhalten können. Auch Simonka, sagt Petr Šméral, "falls mir etwas zustößt".

Petr Smeral Herasek Prag Tschechien

Anfangs wurden die Tüten von Hand gedreht, jetzt geht das schon professioneller.

(Foto: privat/PR)

Sein Projekt habe international Interesse geweckt, sagt er, Herášek ist eine eingetragene Marke, das Konzept vergibt er in Lizenz. Zum Beispiel nach Österreich, auch aus Deutschland bekomme er immer mehr Anfragen. Die Arbeit und der Erfolg geben Šméral trotz Schlafmangel sichtlich Energie. Er schaut sich in seinem unfertigen Lokal um und lächelt: "Ich helfe gern, solche Orte wie diesen hier anderswo mitaufzubauen."

© SZ/feko
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