Zugunglück:Wie sicher sind tschechische Bahnstrecken?

Zugunglück: Unfallstelle nahe Domazlice kurz hinter der deutsch-tschechischen Grenze.

Unfallstelle nahe Domazlice kurz hinter der deutsch-tschechischen Grenze.

(Foto: MICHAL CIZEK/AFP)

Zwei Züge kollidieren nahe der deutsch-tschechischen Grenze, drei Menschen sterben. Nur auf den Hauptstrecken verfügt das Land über ein Sicherungssystem. Es müsste dringend nachgebessert werden - aber das ist teuer.

Von Sophie Kobel

Ein Alex-Expresszug aus München prallt auf dem Weg nach Prag in eine entgegenkommende tschechische Regionalbahn. Drei Menschen sterben, mehr als 30 werden verletzt. Es ist nicht der erste schwere Zugunfall der vergangenen Jahre in Tschechien, weshalb nun viel über die Sicherheit des Bahnnetzes diskutiert wird.

Lukas Iffländer, stellvertretender Bundesvorsitzender des Fahrgastverbands Pro Bahn, sieht erheblichen Nachholbedarf: "Wir haben in Tschechien viele Nebenstrecken mit schlechter Infrastruktur, die wären in Deutschland schon in den Achtzigerjahren stillgelegt worden", sagt er. Es sei zwar für die Anbindung von ländlicheren Teilen des Landes gut, dass es so viele Nebenstrecken gebe, sicherheitstechnisch seien diese aber nicht ideal. "Das Risiko, einen Zugunfall auf einer Nebenstrecke, wie von München nach Prag, zu haben, ist noch immer niedriger als mit dem Auto. Trotzdem wäre das in Deutschland so nicht legal." Besonders problematisch sei das Fehlen eines Zugsicherungssystems, das automatisch greift, sobald ein rotes Stopp-Signal neben den Schienen aufleuchtet. In Deutschland sind 100 Prozent der Strecken mit einem entsprechenden Mechanismus ausgestattet, in Tschechien lediglich ein Sechstel. Auf sämtlichen tschechischen Nebenstrecken ist einzig und allein der Lokführer dafür zuständig, den Zug im Notfall zu stoppen.

Ein Unfall wie am Mittwochmorgen hätte so in Deutschland nicht passieren können, ist sich Lukas Iffländer sicher: "Eine Notbremsung wäre eingeleitet worden, und die Kollision wäre, wenn überhaupt, mit geringerer Geschwindigkeit passiert." Auch das Unglück im tschechischen Teil des Erzgebirges vor einem Jahr, als ebenfalls zwei Züge frontal zusammenstießen, hätte mit einem entsprechenden Sicherungssystem wohl verhindert werden können. Einer der Lokführer war zu früh aus dem Bahnhof abgefahren. Er hätte die Durchfahrt des entgegenkommenden Zuges abwarten müssen. Zwei Menschen starben, mehr als 20 wurden verletzt.

Die tschechische Regierung kündigte nach dem Unglück im Erzgebirge ein Modernisierungsprogramm für die Signaltechnik an. Das moderne europäische Zugsicherungssystem ETCS soll bis 2025 auf allen Hauptkorridorstrecken vorhanden sein. Auch europäische Magistrale, zu denen die aktuelle Unfallstrecke von Furth im Wald nach Prag gehört, sollen mit ETCS ausgestattet werden. Der Umstieg vom bisherigen tschechischen Liniový Systém auf das europäische Modell ziehe sich allerdings, sagt Andreas Geißler von Allianz pro Schiene: "Es gibt auch in diesem Bereich noch heute Nachwirkungen des Eisernen Vorhangs in osteuropäischen Ländern. Aus Mangel an Investitionen vor dem Fall der Mauer sieht man bis jetzt diese Gefälle." Während in Deutschland die letzten Lücken in den Zugsicherungssystemen in den Nullerjahren geschlossen worden seien, würden Länder wie Tschechien oder Polen bei den Standards noch heute hinterherhinken.

"Ich zögere zu sagen, der Bahnverkehr in Tschechien ist unsicher"

Insbesondere für Tschechien ist der Umstieg auf ETCS finanziell eine Herkulesaufgabe. Etwa 7,5 Milliarden Euro kostet das Projekt für das Land, sagt Lukas Iffländer. Zudem sei Bahnfahren in Tschechien im Verhältnis günstiger als in Deutschland, und Sicherheit koste. Auch andere EU-Staaten hadern jedoch mit der Umstellung: "Die meisten unserer Nachbarländer schaffen es gerade so, keine Vertragsverletzungen zu begehen. Deutschland auch, muss man hier ehrlicherweise sagen. Aber trotz des alten Systems sind wir in Sachen Sicherheit ganz oben dabei", so Iffländer.

Einen Punkt betonen sowohl Lukas Iffländer als auch Andreas Geißler: Prinzipiell sei der Zug, auch in Tschechien, eines der sichersten Verkehrsmittel. "Ich zögere zu sagen, der Bahnverkehr in Tschechien ist unsicher", sagt Geißler. "Der Wert an Sicherheit ist zwar schlechter als im europäischen Durchschnitt, aber das System der Eisenbahn ist, vor allem im Vergleich zum Straßenverkehr, eines mit sehr hoher Sicherheit." Da es in den vergangenen Jahren mehrere Unfälle gab, sei das Thema sehr präsent. Der Zugverkehr sei aber in Tschechien, wie überall, angestiegen. Das treibe auch die Zahl der Unfälle nach oben.

© SZ/feko
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