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Stilkritik: Gratismut:Spätes Servus

U.S. President Donald Trump returns after visiting the U.S.-Mexico border wall, in Texas

Bald verabschiedet sich Donald Trump als 45. Präsident der USA. Manche kehren ihm davor noch schnell den Rücken.

(Foto: CARLOS BARRIA/REUTERS)

Twitter, die Deutsche Bank, enge Weggefährten: Sie alle wenden sich nun teils medienwirksam von Trump ab. Und zeigen damit geradezu idealtypisch, was Hans Magnus Enzensberger mit dem Begriff "Gratismut" meinte.

Von Mareen Linnartz

Wofür man keinen Preis zahlen muss, das ist gratis. Man hat keine Kosten, keine Nachteile, macht kein Minusgeschäft. Eine Woche ist nun vergangen, seit Getreue von Trump, angeheizt von ihm selbst, das Kapitol in Washington stürmten, Scheiben einschlugen, Büros verwüsteten. Seitdem wenden dem noch amtierenden Präsidenten andere Getreue medienwirksam den Rücken zu: Ministerinnen, Stabschefs, Sicherheitsberater, sonstige Lakaien, die gerade noch ergeben um ihn herumschwirrten.

Twitter hat seinen Account @realdonaldtrump gesperrt, die Deutsche Bank will laut Medienberichten zukünftig keine Geschäfte mehr mit ihm tätigen. Beide Unternehmen haben dazu beigetragen, dass Trump in all den Jahren zuvor zu immenser Größe anschwoll, durch uneingeschränkte Öffentlichkeit in dem einen Fall, windige Kredite in dem anderen.

Wie soll man all diese Entscheidungen nennen? Späte Einsicht, aber immerhin? Gar mutig, weil irgendwie doch auch radikal? Da fällt einem ein Begriff ein, den der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger vor 60 Jahren in einem Essay kreierte: Gratismut. Er umschrieb damit auf höchst elegante Weise die Wesensart bestimmter Menschen, sich besonders couragiert zu geben, in Momenten, in denen ihnen sehr gewahr ist, dass ihnen daraus keine Nachteile entstehen. Mut-Simulanten könnte man sie auch nennen. In noch erträglichem Maß lässt sich diese Eigenschaft manchmal bei Künstlerinnen und Künstlern beobachten, die öffentlich Missstände kritisieren und dabei eine Haltung einnehmen, die sowieso schon deckungsgleich mit denen ihrer Fans ist. Geißeln ohne Gefahr, mit dem schönen Nebeneffekt eines warmen, aber vielleicht etwas schalen Applauses.

Sich aber von jemandem, den man lange unterstützt hat, in einem Moment des offensichtlichen Niedergangs zu distanzieren, kann man machen, aber dann entgegen so manchen Weggefährten Trumps vielleicht so geräuschlos wie möglich. Es ist ja nicht erst seit einer Woche offensichtlich, dass Trump ein übler Zündler ist. Enzensberger dachte nicht nur über Gratismut, sondern auch über Gratisangst nach. Das ist ein anderes Thema. Zusammenfassend aber schrieb er: "Sie öden mich beide an. Sie sind nicht nur lächerlich, sie sind überflüssig. Es hat sich nur noch nicht herumgesprochen."

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