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Tropensturm "Harvey":Chaos nach der Jahrhundertflut in Texas

  • Der Wirbelsturm "Harvey" hatte tagelang für heftige Regenfälle in den US-Bundesstaaten Texas und Louisiana gesorgt.
  • In einigen Teilen Südtexas fehlt noch immer der Strom, vielerorts organisieren Privatleute Rettungsaktionen.
  • Die Region wird noch jahrelang unter der Jahrhundertflut leiden.

Von Hubert Wetzel, Washington

Die texanische Metropole Houston taucht langsam wieder aus den Fluten auf. Tagelang hatte der Hurrikan Harvey extreme Regenfälle über der Stadt und den angrenzenden Landkreisen ausgelöst, große Teile der Region wurden überflutet. Doch inzwischen ist Harvey - herabgestuft zu einem Triefdruckgebiet - nach Nordosten abgezogen, und in Houston läuft das Wasser ab.

Die Katastrophe, die Harvey über Houston gebracht hat, ist damit allerdings noch nicht vorbei. Zum einen dürfte die Zahl der Todesopfer in den nächsten Tagen deutlich steigen. Bisher hatten die texanischen Behörden etwa 30 bis 40 Tote bestätigt.

Doch je weiter das Wasser zurückgeht, desto öfter finden die Helfer in überfluteten Häusern und Autos die Leichen von Menschen, die sich vor den Wassermassen nicht rechtzeitig retten konnten. So entdeckten Polizisten am Mittwoch in einem versunkenen Auto sechs Ertrunkene - zwei Großeltern und ihre vier Enkelkinder.

Privatleute führen Rettungen durch

Zudem ist die Versorgung der Flutopfer mit sauberem Trinkwasser und Lebensmitteln weiter ein Problem. Die US-Katastrophenschutzbehörde Fema hat schwere Transporthubschrauber im Einsatz, sie wird von mehr als 30 000 Nationalgardisten aus Texas und anderen Bundesstaaten unterstützt. Doch die Zahl der Betroffenen ist gigantisch: Harvey hat seine Regenmassen über 50 Landkreisen in Südtexas mit insgesamt etwa elf Millionen Einwohnern abgeladen. Und wenn der Regen an einer Stelle nachließ, fing er an einer anderen Stelle erst an. So war es am Mittwoch: Während es über Houston aufklarte, meldeten die Ortschaften Beaumont und Port Arthur, die etwa 150 Kilometer nordöstlich der Metropole liegen, extremen Regen und Überschwemmungen.

Dort und in vielen kleineren Städten an der texanischen Golfküste sind die Menschen zumeist immer noch auf sich selbst gestellt. Die Rettungsarbeiten werden dort oft von Privatleuten durchgeführt, die ihre Freizeit- und Angelboote einsetzen. Das ist riskant - einige freiwillige Helfer sind in den tückischen Flutgebieten bereits ums Leben gekommen. Und die Helfer kommen längst nicht überall hin. Es gebe noch zu viele Gebiete, die weder mit Lastwagen noch mit Booten zu erreichen seien, sagte eine Fema-Sprecherin. Dorthin Hilfe aus der Luft zu bringen, sei äußerst wichtig.

Ein drittes Problem: Einige Teile von Südtexas sind ohne Strom. Das ist gefährlich, denn die Region ist das Herz der ölverarbeitenden Industrie in den USA, es gibt dort viele Fabrikanlagen und Raffinerien. In Crosby, einem Vorort von Houston, drohte am Donnerstag eine Chemiefabrik zu explodieren. Sowohl die Haupt- als auch die Notversorgung mit Strom sei wegen des starken Regenfalls ausgefallen, teilte der französische Betreiberkonzern Arkema mit. Ohne Kühlung aber würden die gelagerten Chemikalien instabil und könnten explodieren, so das Unternehmen.

Ob die Menschen überhaupt in der Region bleiben können, ist völlig offen

Die örtlichen Behörden richteten um die Fabrik eine Sperrzone ein. Ob das viel hilft, wenn die Chemikalientanks tatsächlich in die Luft fliegen, ist jedoch fraglich: Mindestens ein Polizist musste bereits ins Krankenhaus, nachdem er in der Nähe der Fabrik giftige Dämpfe eingeatmet hatte. Eine Explosion könnte eine giftige oder zumindest schädliche Chemikalienwolke verursachen, die über die ohnehin schwer getroffene Region hinweg treibt.

Am Donnerstagmorgen gab es in der Fabrik zunächst zwei kleinere Explosionen. Zeitweise drang schwarzer Rauch aus den Gebäuden. Die Feuerwehr riet den Anwohnern auf Twitter dazu, sich von der Umgebung fernzuhalten.

Selbst wenn die akuten Problem unter Kontrolle sind, wird Südtexas noch jahrelang an den Folgen der Jahrhundertflut leiden. Zehntausende Häuser sind zerstört oder so beschädigt, dass sie vorerst unbewohnbar sind. Etwa 35 000 Menschen harren in Notunterkünften aus. Ob sie in ihre Häuser zurück können, wo sie in den kommenden Monaten unterkommen und ob sie in der Region bleiben können, ist offen.

Zudem ist ein erheblicher Teil der Infrastruktur stark beschädigt, vor allem Straßen und Brücken. Nach Schätzung des texanischen Gouverneurs Greg Abbott braucht der Bundesstaat womöglich mehr als 125 Milliarden Dollar von der US-Bundesregierung für den Wiederaufbau. Angesichts der Größe des betroffenen Gebietes könnte es sein, dass diese Summe nicht ausreicht, sagte Abbott am Mittwoch. Washington hatte nach dem Hurrikan Katrina, der vor zwölf Jahren über den Süden der USA hinwegfegte, 125 Milliarden Dollar zum Aufbau bereit gestellt. Damals waren unter anderem Teile der Stadt New Orleans zerstört worden.

Beim Sammeln für die Fluthilfe will Präsident Donald Trump offenbar ein gutes Beispiel geben. Das Weiße Haus teilte am Donnerstag mit, er werde eine Million Dollar aus seinem Privatvermögen spenden.

© SZ vom 01.09.2017/lkr
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