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Kriminalität:Das quälende Warum

Trier trauert am Mittwoch 02.12.2020) in der FussgâÄ°ngerzone um die Opfer der Amokfahrt vom Vortag. Nach der Amokfahrt in

Trier trauert um die Opfer der Amokfahrt.

(Foto: BeckerBredel/imago images)

Verwirrter Einzeltäter, psychisch krank: So heißt es häufig nach Gewaltverbrechen wie dem von Trier. Als wäre das eine Information von Wert. Dabei gibt eine etwaige Diagnose nur selten eine Antwort auf das Warum.

Kommentar von Barbara Vorsamer

Eine der wichtigsten, am häufigsten gestellten und oft unbeantworteten Fragen nach Gewaltverbrechen ist: Warum?

Warum hat der Täter oder die Täterin zur Waffe gegriffen, warum wurde das Opfer so gequält? Warum ist ein 51-jähriger Mann am Dienstag in Trier in die Fußgängerzone gerast, um möglichst viele Menschen zu treffen? Fünf Personen sind tot, darunter ein Baby. Drei weitere kämpfen um ihr Leben. Ihre Angehörigen, die ermittelnden Behörden, die Stadt Trier und wahrscheinlich große Teile des Landes stellten schon wenige Stunden nach dem Anschlag die Frage: Warum?

Bei der hektischen Suche nach Gründen und Verantwortung passieren oft Kurzschlüsse, zum Beispiel wenn der Täter einen exotisch klingenden Namen hat oder muslimischen Glaubens ist. Da heißt es dann in Boulevardzeitungen und auf Social Media schnell: Aha, ein Islamist.

Stellt sich der Täter als weißer Deutscher heraus, geht oft die Suche weiter: verwirrter Einzeltäter, psychisch krank - so heißt es dann häufig, wie auch im Fall der Tat von Trier schon wenige Stunden nach dem Attentat, als wäre das eine Information von Wert. Dabei gibt eine etwaige Diagnose nur selten eine Antwort auf das quälende Warum.

Psychisch krank - was heißt das überhaupt? Nicht viel

Psychisch krank - was heißt das überhaupt? Nicht viel. Im Laufe seines Lebens fällt jeder vierte Deutsche zumindest zeitweise in diese Kategorie. In ihrer Gesamtheit ist dieses Viertel der Bevölkerung nicht mehr und nicht weniger gefährlich als die psychisch Gesunden.

Natürlich gibt es Fälle wie den jenes Mannes, der 2019 am Frankfurter Hauptbahnhof ein Kind aufs Gleis stieß und tötete, weil ihm Stimmen in seinem Kopf das angeblich befohlen hatten. Bei ihm wurde eine paranoide Schizophrenie festgestellt, ein Gutachten erklärte ihn für schuldunfähig und der Richter ordnete eine Einweisung in die forensische Psychiatrie an. Was in so einem Fall geschlossenen Maßregelvollzug bedeutet, womöglich lebenslang. Solch korrekte Bezeichnungen liest man leider selten, im Zusammenhang mit gemeingefährlichen Straftätern wird meist nur von "der Psychiatrie" gesprochen.

Von all den Patientinnen und Patienten in den psychiatrischen Kliniken Deutschlands machen Straftäter nur einen verschwindend geringen Teil aus, etwa ein Prozent. Wenn jedoch bei Straftätern schnell über psychische Krankheiten spekuliert und der Begriff Psychiatrie als Synonym für den Maßregelvollzug verwendet wird, stigmatisiert man die vielen Millionen Menschen, die an einer psychischen Krankheit leiden und hält so vielleicht manche von ihnen davon ab, in einer Klinik Hilfe zu suchen.

Diese Stigmatisierung ist so gängig und gewissermaßen institutionalisiert, dass beispielsweise Lehramtsanwärter häufig gar nicht erst eine Therapie anfangen, da sie um ihre Verbeamtung fürchten. Ihre Probleme bleiben aber bestehen - und sie stellen sich dann ohne Unterstützung vor die Klasse. Das ist absurd. Wenn man schon meint, vor psychisch Kranken Angst haben zu müssen, dann doch eher vor denen, die keine Therapie machen, die keine Medikamente nehmen, als vor denen, die sich behandeln lassen. Die Mehrheit der Kriminellen wiederum ist nicht psychisch krank, und selbst bei denen, die es sind, muss die Krankheit nicht zwingend etwas mit der Tat zu tun haben.

Auf die Frage nach Gründen, Schuld und Verantwortung ist eine psychiatrische Diagnose daher eine genauso schlechte Antwort wie etwa ein muslimischer Glaube. Hier ohne weitere Informationen Zusammenhänge zu suggerieren, ist diskriminierend.

© SZ/fzg
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