Trampoline und Flächenfraß:Friede sei mit dem Hüpfen

Lesezeit: 3 min

Girl mid-air in trampoline, 14.04.2014, Copyright: xE.VxLoux, model released, wearing,jumping,full length,lens flare,mot

Warum ist eigentlich noch niemand auf die idee gekommen, Gartentrampoline zum Weltkulturerbe zu erklären?

(Foto: Imago Images/Image Source)

Die Düsseldorfer Stadtverwaltung wollte doch tatsächlich dem Trampolin den Krieg erklären - wegen der Flächenversiegelung. Aus diesem Anlass ein Sprung im Dreieck.

Von Gerhard Matzig

Die Welt ist voller Verschwörungsmythen. Aber dies hier muss bitte noch sein: Es gibt offenbar eine Verschwörung gegen das Trampolin. Und da hört der Spaß auf. Das Trampolin ist nicht nur ein nachweisbares, also im Gegensatz zu mancher akademischen Sprungfederdynamik hinreichend reales Moment in der Biografie der neuen Außenministerin. Es ist auch so etwas wie das Nationalspielgerät der Deutschen.

Jedenfalls spielt das Trampolin, ob es sich nun "Jump Power" oder "Trick Air" nennt, in einer Gartenliga mit Kugelgrill, Buddha-Statue und Buchsbaumhecke. Ohne Trampolin ist der deutsche Garten kein Garten. Es ist daher auffällig, wie perfide das Trampolin immer wieder verunglimpft wird. Sogar in dieser Zeitung, wo 2017 die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie mit Hilfe einer Unfallstatistik das Trampolin in ein zunehmend satanisches Licht voller Beinbrüche, Ellenbogenfrakturen und Gehirnerschütterungen rücken durfte. (Tatsächlich muss man sagen: Da ist was dran.)

"Hüpfen, bis der Arzt kommt": So las sich seinerzeit der Angriff auf Jump Power. Das verfing nicht. Wobei der Trend mittlerweile zum Zweit- und Dritt-Trampolin geht. Hier eine persönliche Mutmaßung der Architekturkritik, ohne Empirie: Es gibt möglicherweise mehr Trampoline in Deutschland - als es je Gartenzwerge weltweit gab. Weil das nicht überall gern gesehen wird, obschon man ja auch an den Unesco-Kulturgüterschutz-Status denken könnte, hat dieser Tage die Düsseldorfer Stadtverwaltung die Hüpfgeräte laut Spiegel "in städtischen Kleingärten" für unzulässig erklärt. Zunächst jedenfalls.

Konkret geht es um den Fall eines 34-jährigen Vaters, dessen vier Kinder gern auf dem Trampolin spielen. Das Trampolin befindet sich in einem gepachteten Kleingarten.

Ist das Trampolin schuld am Klimawandel?

Ein Kleingarten wiederum besteht aus vielen Kleingärtnern, großen Sehnsuchtsmomenten und, das ist bei Wladimir Kaminer ("Mein Leben im Schrebergarten") nachzulesen, aus größeren Wucherungen an Kleingartengeboten und Kleingartenverboten. Und in diesem sehr speziellen Fall eben auch aus vier minderjährigen Inkriminierten, die man sich gefährlich wie die Daltons vorstellen darf. Nur hüpfend.

Laut Gartenverein und Aushang am Schwarzen Brett sei das beanstandete Trampolin ursächlich für, jetzt kommt's, die "Flächenversiegelung". Denkt man diesen Ansatz der Düsseldorfer Stadtverwaltung konsequent weiter, so muss man sagen: Das Trampolin ist unter Umständen schuld am Klimawandel, an der Pandemie und dem Aussterben der Eisbären. Der Stadtverwaltung wäre insofern zu danken für eine nachgerade visionäre Verantwortungsbereitschaft. So was ist selten in einer oft zu Unrecht als bürokratisch geltenden Bürokratie.

Der Trampolin-Eigentümer sieht das dem Spiegel zufolge fast schon renitent anders: "Der Regen tropft ja durch das Sprungtuch, die Fläche ist nicht versiegelt." Inzwischen, so berichtet das die Deutsche Presse-Agentur, ist die Düsseldorfer Stadtverwaltung aber von einem "generellen Trampolinverbot in den städtischen Kleingartenanlagen abgerückt". Die Beigeordnete im Umweltdezernat Helga Stulgies teilt mit, man sehe nach weiterer rechtlicher Prüfung keinen Grund für das Verbot.

Historischer Sieg über das Kleingartendenken

Wenn man das liest, stellt man sich einige Düsseldorfer Verwaltungsbeamte, Flächenversiegelungsexpertinnen, Landschaftsarchitekten, Geologinnen, Produkthersteller, Netzgrößen-Prüfer vom TÜV, alle möglichen Anwälte und möglicherweise den neuen Gesundheitsminister der Herzen, Karl Lauterbach, hüpfend auf einem Trampolin in einer Düsseldorfer Kleingartenanlage vor. Gewissenhaft bei der Arbeit. Sich die erhellende Ansicht erhüpfend: Das Trampolin ist doch nicht das größte Problem, das ein Land im Lockdown gerade hat.

Die vier Daltons können also aufatmen. Sie sind rehabilitiert. Das Trampolin muss nicht auf die Shaming-Liste der gefährlichen Ökosünden. Zu Flugzeug, Dieselmotor, Fleisch und Eigenheim. Im Grunde sollte man ja nicht ernsthaft nach Gründen suchen, um das aktuelle Lieblingsspielgerät der Deutschen zu bannen. Aus ästhetischer Sicht ... okay ... man sollte vielleicht die Buchsbaumhecken drum herum sehr schnell und sehr blickdicht wachsen lassen; das ist auch gut gegen Feinstaub und für das Mikroklima.

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Deutschland von oben: Ohne Trampolin nicht vollständig. Hier Gärten in Dortmund.

(Foto: Hans Blossey/Imago)

Aus allen sonstigen Perspektiven darf man aber dem Trampolin zu seinem historischen Sieg über das Kleingartendenken gratulieren. Froh sollte man sein über Kinder, die - in definitiv kinderfeindlichen Zeiten des Mal-wieder-Lockdowns - an der frischen Luft Spaß, unerhört genug, und auch noch etwas sonst in Vergessenheit geratene Bewegung haben. Die Luft über dem Düsseldorfer Kleingarten stellt man sich zumindest nicht ganz so toxisch vor wie das, was die Hirne der Düsseldorfer Stadtverwaltung vernebelt haben mag, als man auf die wirklich bemerkenswert absurde Idee kam, an einem Trampolin ein Öko-Exempel statuieren zu wollen.

Deutschland hat, das ist wahr, ein gewaltiges Flächenversiegelungsproblem. Jeden Tag gehen 52 Hektar Grün verloren. Wir verbrauchen von einer endlichen Ressource - dem Boden, auf dem und von dem wir leben - doppelt so viel wie vorgesehen. Täglich. Aber dafür verantwortlich sind eher Gewerbegebiete, Straßen, Parkplätze und Autos (Düsseldorf, Gruß an die Stadtverwaltung, ist Stau-Hauptstadt in Nordrhein-Westfalen!). Nicht im messbaren Bereich verantwortlich sein dürfte zum Beispiel: das Trampolin. Friede sei also mit dem Hüpfen. Nur vielleicht nicht gerade im Nachbargarten.

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