Haben die Behörden leichtfertig genehmigt?

Leichtfertig dürfte niemand ein solches Mega-Event genehmigt haben, auch wenn es im Rückblick so aussehen mag. Im Gegenteil: Im Vorfeld wurden die Stimmen in der Stadt immer lauter, die gewarnt und kritisiert haben; der politische Streit, der sich an der Genehmigung entzündete, hat bis kurz vor Beginn der Veranstaltung angedauert. Nur: Das macht es nicht besser. Denn die Stadtverwaltung stand unter Rechtfertigungsdruck, aber sie wollte offenbar nicht diskutieren.

Als die SPD zu Jahresanfang im Rat kritische Fragen stellte, hieß es, man habe alles im Griff. Als die Polizei massive Bedenken äußerte, hieß es, alles sei in Ordnung. Offenbar haben politische Gründe - die Sehnsucht nach einem Imagegewinn für die Stadt, die Angst vor einem Prestigeverlust der Verantwortlichen - wie auch Überschätzung und Skrupellosigkeit den Ausschlag für eine Entscheidung pro Loveparade gegeben. Vielleicht führt der stark unter Beschuss stehende Oberbürgermeister Adolf Sauerland (im Bild) deshalb die Katastrophe auf "individuelle Schwächen" zurück.

In den vergangenen Tagen häuften sich die Erkenntnisse darüber, dass verzweifelte Polizeibeamte und Feuerwehrleute, aber auch andere Ortskundige vergeblich darauf hingewiesen haben, dass das Gelände am ehemaligen Güterbahnhof zu klein sei. Der Tunnel zum Gelände als einziger Zugang sei eine Todesfalle und die Umzäunung des Geländes wie von Teilen der Anmarschwege eine Todsünde. Auch seien Zu- und Abflusswege zu beengt. Aber was nicht passte, wurde offenbar passend gemacht. So sagte ein Gruppenführer der Kölner Polizei, der bei mehreren Ortsbegehungen dabei war, gegenüber der Agentur ddp, man sei sich "einig gewesen, dass das geplante Konzept im Chaos enden wird". Im Rathaus aber habe man auf dem Standpunkt gestanden: "Die Loveparade muss funktionieren."

Die WAZ berichtet, schon vier Wochen vor der Parade habe auch das Baudezernat massive Einwände erhoben. Ein Protokoll vom 18. Juni dokumentiert demnach einen Streit zwischen Stadt und der Lopavent GmbH über die Breite der Fluchtwege; der Veranstalter drängte darauf, die Auflagen zu mindern, der Baudezernent lehnte deshalb jede Verantwortung ab, der Ordnungsdezernent forderte das Bauamt auf, "konstruktiv mitzuwirken" und merkte an, der OB "wünsche die Veranstaltung", daher müsse eine Lösung gefunden werden. OB Sauerland sagt heute, ihm seien keine Warnungen bekannt gewesen.

Bild: dpa 28. Juli 2010, 11:142010-07-28 11:14:26 © SZ vom 28.07.10/ebc