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Toter Flüchtling in Dresden:Montags wird das Haus nicht verlassen

Als Khaled B. am Montagabend kurz vor 20 Uhr die Unterkunft verließ, um im Supermarkt auf der anderen Straßenseite noch etwas einzukaufen, schrien vier Kilometer entfernt 25 000 Menschen "Wir sind das Volk". Dass die Netzgemeinde sofort nach Bekanntwerden der Tat über ein fremdenfeindliches Motiv spekulierte, mag ein Reflex, voreilig und falsch sein, aber es zeigt, wie es momentan um das gesellschaftliche Klima in Dresden bestellt ist.

Die Männer, die sich mit Khaled B. eine Wohnung teilten, verlassen an Montagen schon lange nicht mehr das Haus, sagen sie. Denn obwohl sie kein Deutsch sprechen, Sätze wie "Wir sind das Volk" nicht verstehen, spüren sie doch, dass die Menschen mit den Deutschlandflaggen ihnen nicht wohlgesonnen sind.

Als wäre das alles einem "Tatort"-Drehbuch entsprungen

Wer im Fall Khaled B. auf Reflexe zu sprechen kommt, auf unüberlegtes Handeln, der muss auch über die Dresdner Polizei sprechen. Tatsächlich schlossen die Beamten kurz nach Auffinden der Leiche eine "Fremdeinwirkung" aus, hielten einen Suizid oder einen Unfall für wahrscheinlich. Erst die Dresdner Morgenpost machte öffentlich, dass die Mordkommission die Ermittlungen aufgenommen hatte. Dresdens Polizeipräsident Dieter Kroll sprach mit dem Boulevardblatt offenbar Klartext, während sein Sprecher gegenüber anderen Medien noch dementierte.

Am Mittwoch wurde die Leiche von Khaled B. obduziert. Ergebnis: Der 20-Jährige ist "durch mehrere Messerstiche in den Hals- und Brustbereich zu Tode gekommen". Kroll war es dann auch, der gestern im Innenausschuss des Sächsischen Landtages Fehler einräumte: Die Beamten vor Ort hätten eine Stichwunde zunächst für einen offenen Schlüsselbeinbruch gehalten. Mittlerweile hat die Polizei das Operative Abwehrzentrum (OAZ) eingeschaltet, eine Sondereinheit, die auf Fälle mit rechtsextremem Hintergrund spezialisiert ist.

Der Tod von Khaled B. - ein Rätsel, heißt es in einigen Zeitungen und Nachrichtenportalen, so als wäre das alles einem "Tatort"-Drehbuch entsprungen. Nur lässt der Fall von Khaled B., anders als der Sonntagabendkrimi, Fragen offen. Warum Polizisten eine Gewalttat ausschließen, wenn ein Mensch in einer Blutlache liegt. Warum eine gründliche Spurensicherung erst Stunden nach dem Leichenfund erfolgte. Und nicht zuletzt warum niemand etwas gehört oder gesehen haben will, trotz der vielen Fenster und Balkone.

Das sind die Rätsel, die es in Dresden zu lösen gilt.