Süddeutsche Zeitung

Tote Säuglinge und Babyklappen:Kritik an der Klappe

Kirchen, Ärzte und Juristen streiten über den Sinn von Babyklappen. In Karlsruhe wurde ein totes Baby in einer Klappe gefunden, tags zuvor lag ein toter Säugling neben einem Nestchen in Hannover.

Zwei tot aufgefundene Neugeborene haben eine traurige Diskussion neu entfacht. Bieten Babyklappen gefährdeten Kindern eine Chance auf Leben oder verschaffen sie nur bürokratiescheuen Eltern eine praktische Entsorgungsmöglichkeit?

Nach den beiden Leichenfunden in Karlsruhe und Hannover haben Fachleute ihre Kritik an den Auffangbettchen erneuert. "Kinderklappen stiften Schaden", sagte zum Beispiel der Adoptionsexperte Bernd Wacker vom Kinderhilfswerk Terre des Hommes. Sie müssten dringend wieder abgeschafft werden.

Seit der Einführung der ersten Babyklappe im Jahr 2000 in Hamburg streiten Sozialverbände, Kirchen, Ärzte und Juristen heftig über deren Nutzen. Exakt 76 solcher Nestchen, die rund um die Uhr beheizt sind und sich in der Regel unauffällig erreichen lassen, gibt es inzwischen in Deutschland. Ihre Betreiber - häufig Vereine und Kliniken - hoffen, Neugeborene so vor dem Tod zu bewahren. In Not geratene Mütter können ihre Kinder hier unerkannt abgeben, statt sie am Straßenrand einem ungewissen Schicksal zu überlassen oder sie gar zu töten.

Nun sind jedoch ausgerechnet in einer solchen Babyklappe in Karlsruhe sowie keine zwei Meter von einem Nestchen in Hannover entfernt tote Neugeborene entdeckt worden. Das erst wenige Stunden alte Mädchen in Karlsruhe schien nicht verletzt zu sein. Der Junge in Hannover war unterversorgt und unterkühlt. Beide Babys sollten aber offenbar nicht sterben. Doch sicher weiß das niemand. Nach den Müttern wird noch gesucht.

"Babyklappen lösen keine Probleme, sondern schaffen neue Probleme", sagt die Berliner Medizinrechtlerin und Staatssekretärin a. D. Ulrike Riedel. Wie andere Kritiker auch spricht sie den Klappen seit langem ab, dass sie Kindstötungen verhindern. Jedes Jahr kommen in Deutschland 30 bis 40 Babys ums Leben, weil sie ausgesetzt oder nach der Geburt getötet werden.

"Diese Zahlen sind seit vielen Jahren konstant", sagt Riedel. "Daran haben die Babyklappen nichts geändert." Dafür sei die Zahl der Findelkinder drastisch gestiegen. Erhebungen von Adoptionsforschern zufolge liegen in deutschen Babyklappen knapp 50 Kinder pro Jahr. Genaue Zahlen gibt es für Berlin: Dort gab es früher jährlich ein bis zwei Findelkinder. Mit Einrichtung der Klappen wurden in drei Jahren 32 Babys anonym und elternlos.

Babyklappen könnten Mütter, die im Affekt töten, natürlich nicht von ihrer Tat abhalten, betont die Erziehungswissenschaftlerin Christine Swientek von der Universität Hannover. Schließlich handelten sie ungeplant. Die Klappen verführten dagegen Eltern, die im Besitz ihrer Ratio sind und eigentlich in der Lage wären, legale Hilfsangebote anzunehmen, ihre Kinder zu "entsorgen". Auch behinderte Kinder seien schon in den Babyklappen gefunden worden, so Riedel. "Womöglich wollten sich die Eltern auf diese Weise der Unterhalts- und Sorgepflicht entziehen."

Dabei litten die Kinder - und mitunter auch ihre Eltern - später oft lebenslang unter den Folgen der anonymen Trennung. Schließlich lasse sich ein Kontakt - anders als nach einer Adoption - nicht wieder herstellen. Die Rechte der Kinder würden massiv verletzt, weil sie nie etwas über ihre Abstammung erfahren könnten, so Riedel: "Das Kind verliert durch die anonyme Weggabe seine grundlegenden Verfassungs- und Menschenrechte."

Gleichwohl setzen sich viele Organisationen weiterhin für den Erhalt der Babyklappen ein und fordern noch mehr: dass Ärzte Schwangeren in der Klinik eine anonyme Geburt ermöglichen. Auch die evangelische Landesbischöfin Margot Käßmann verteidigt die Einrichtungen.

Wenn das Leben nur eines Kindes dadurch gerettet werde, lohne sich das Projekt, sagte sie der Neuen Presse. Die Bischöfin ist Schirmherrin jener Babyklappe, neben der nun der tote Junge gefunden wurde. Käßmann widersprach dem Vorwurf, eine Entsorgungsmöglichkeit für Babys bereitzustellen. Viele Frauen gäben ihre Anonymität sogar später auf. Einer Statistik des Babyklappen-Betreibers Sternipark zufolge ist das etwa bei jedem zweiten Kind der Fall.

Für die Nutzerinnen der Klappen zählt einer Analyse zufolge vor allem eins: dass sie unerkannt bleiben und sich keiner Beratung stellen müssen. Der Ehemann, die Familie - niemand darf von dem Baby erfahren. Oft sind die Frauen bereits Mütter und fühlen sich von einem weiteren Kind überfordert, auch finanziell. Solche Aussagen gibt es aber nur von Frauen, die sich kurz nach der Abgabe ihres Kindes dann doch gemeldet haben. Es sei keineswegs sichergestellt, dass immer die Mütter die Kinder ablieferten, betont Ulrike Riedel: Womöglich geschieht dies mitunter auch ohne ihre Zustimmung oder ihr Wissen.

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SZ vom 05.01.2008/jkr
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