Hauseinsturz in Istanbul Drei Stockwerke zu viel

Trümmer des am Mittwoch eingestürzten Hauses in Istanbul: 14 Menschen starben, 14 konnten schwer verletzt geborgen werden.

(Foto: dpa)

Mindestens 14 Menschen sind bei dem Einsturz getötet werden. Nun steht fest: Das achtstöckige Haus war zum Teil illegal erbaut worden.

Christiane Schlötzer, Istanbul

Immer noch liegt da ein Haufen Schutt, so hoch wie ein einstöckiges Haus. Acht Geschosse waren das einmal. Am Mittwoch war das Wohnhaus im Istanbuler Stadtteil Kartal innerhalb von Sekunden in sich zusammengesackt. 14 Tote wurden nach Angaben des türkischen Innenministers Süleyman Soylu bislang unter den Trümmern gefunden, 14 Menschen wurden verletzt geborgen.

Am Freitag glaubten die Rettungskräfte wieder eine Stimme aus dem Betonhaufen zu vernehmen. Sie baten alle Menschen auf der Straße, leise zu sein, und gruben weiter. Dann zogen sie einen 16-Jährigen heraus, lebend, 45 Stunden nach dem Einsturz.

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Die Zahl der Vermissten nach dem Einsturz eines Wohnhauses in Istanbul steht weiterhin nicht fest, Behörden zufolge waren 43 Menschen in dem Gebäude gemeldet.

Unter den Geretteten ist auch die fünfjährige Havva, sie lag 18 Stunden im Geröll. Die Retter mussten einen großen Zementblock entfernen, der über dem Mädchen lag. Ein neunjähriger Junge verdankt sein Leben wohl einem Wohnzimmersofa, unter dem er Schutz fand.

Ein Zittern war zu spüren

Wie viele Menschen in dem Haus waren, ist immer noch nicht klar, weil es neben den 43 dort Gemeldeten auch Gäste gab. Im Erdgeschoss war zudem ein Textilbetrieb. Die regierungsnahe Zeitung Yeni Şafak schrieb, bei der Erweiterung der Geschäftsräume seien offenbar tragende Wände entfernt worden.

Hausbewohner hätten schon Tage vor dem Einsturz ein Zittern bemerkt. Der Betrieb, in dem etwa 20 Leute arbeiteten, war zum Zeitpunkt des Unglücks geschlossen.

Auf Fotos sieht das Gebäude wie ein durchschnittliches, Anfang der Neunzigerjahre errichtetes Wohnhaus aus, wie es Tausende in der Stadt gibt. Die obersten drei Stockwerke waren allerdings illegal aufgesetzt, wie man jetzt weiß.

Wurde verbotener Meeressand verwendet?

Aufbauten ohne Baugenehmigung sind in Istanbul nicht selten, drei Stockwerke aber schon ziemlich dreist. Immer wieder gibt es Amnestien für illegales Bauen. Politiker erhoffen sich dafür Stimmen bei Wahlen. Und das Geld, das für die Legalisierung fällig wird, fließt in die Staatskassen.

Türkische Medien zeigten auch Fotos des Betonschutts, mit Muschelschalen durchsetzt. Das deutet darauf hin, dass für den Bau Meeressand verwendet wurde, was verboten ist. Die Staatsanwaltschaft hat eine Untersuchung zu den Einsturzursachen eingeleitet.

Kartal, ein Stadtteil mit 450 000 Einwohnern, liegt auf der asiatischen Seite Istanbuls, in dem Viertel leben viele Menschen, die vor Jahrzehnten aus anatolischen Dörfern zugezogen sind und Arbeit in lokalen Industriebetrieben gefunden haben. Auch in anderen Stadtteilen sind jüngst Häuser zusammengeklappt.

Die Regierung ist nervös

Im Juli stürzte in Beyoğlu im Zentrum ein vierstöckiges Gebäude ein, nachdem ein Erdrutsch das Fundament unterhöhlt hatte. Die Bewohner wurden gerettet. Im Februar 2016 fiel im Zentrum aus unbekannten Gründen ein fünfstöckiges Haus in sich zusammen. Es war glücklicherweise leer.

Nach der Katastrophe in Kartal ließ Gouverneur Ali Yerlikaya sieben Häuser in der Nähe des eingestürzten räumen, vorsichtshalber, wie er sagte. Ein zehnstöckiges Gebäude gleich nebenan nannte er "in Gefahr". Spezialisten nutzten Laser, um es auf Brüche zu untersuchen. Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan folge den Ereignissen aufmerksam, sagte der Gouverneur.

Erdoğan beorderte außer dem Innenminister auch den Bauminister nach Kartal, die Regierung ist nervös. Am 31. März finden überall Kommunalwahlen statt.

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