Vulkan in Tonga:"Es gibt große Sorgen, die Katastrophe noch zu verschlimmern"

Lesezeit: 3 min

Vulkan in Tonga: Menschen säubern eine Straße in Nukuʻalofa. Sechs Tage nach der Eruption eines Unterseevulkans vor Tonga ist der Flughafen des Südsee-Archipels wieder funktionsfähig.

Menschen säubern eine Straße in Nukuʻalofa. Sechs Tage nach der Eruption eines Unterseevulkans vor Tonga ist der Flughafen des Südsee-Archipels wieder funktionsfähig.

(Foto: Marian Kupu/dpa)

Ein Mann wird vom Tsunami mitgerissen und überlebt 24 Stunden schwimmend, zwei Militärmaschinen mit Trinkwasser an Bord sind in Neuseeland gestartet. Doch die Helfer werden auf Tonga nicht mit offenen Armen empfangen.

Von David Pfeifer, Bangkok

Viel weiß man immer noch nicht aus dem Inselstaat Tonga, nun hat es immerhin die Geschichte eines Tongaers, der vom Tsunami mitgerissen wurde und 24 Stunden lang von einer Insel zur anderen schwamm, über Facebook in den Rest der Welt geschafft. Knapp eine Woche nachdem der Vulkanausbruch die meisten Kommunikationskanäle nach Tonga gekappt hat.

Lisala Folau, ein Zimmermann im Ruhestand, erzählte dem tongaischen Radiosender Broadcom FM, er sei von seiner Heimatinsel Atata an zwei unbewohnten Inseln vorbeigeschwommen und -getrieben, um schließlich die Hauptinsel Tongatapu zu erreichen, das ist eine Strecke von rund 13 Kilometern. Am Anfang, als der Tsunami anrollte, kam ihm seine Familie zu Hilfe. Folau kann durch eine Behinderung nicht richtig laufen. "Als eine Welle durch unser Wohnzimmer ging, sind wir in einen anderen Teil des Hauses geflohen" und dann weiter auf einen Baum. Irgendwann kletterten sie wieder herunter. Das war, bevor die größte Welle kam.

Erst ein Covid-19-Fall im Land

Seine Nichte und er wurden aufs Meer rausgezogen, "wir riefen uns gegenseitig zu. Es war dunkel und wir konnten uns nicht sehen. Schon bald konnte ich meine Nichte nicht mehr rufen hören, aber ich hörte meinen Sohn." Nachdem der Kontakt abgebrochen war, klammerte sich Folau an einen Baumstamm. Was aus dem Sohn wurde, ist bisher nicht bekannt, ebenso wenig wie das Schicksal der Nichte.

Der Ausbruch des Hunga Tonga-Hunga Ha'apai hat eine gigantische Aschewolke bis weit in die Stratosphäre geschleudert. Dadurch ist es schwierig, das Ausmaß der Zerstörung zu erfassen. Die Tsunamis, die auf den Ausbruch folgten, haben nicht nur Häuser mitgerissen, sondern auch Telefon- und Internetverbindungen zu der abgelegenen Inselgruppe im Südpazifik gekappt.

Vulkan in Tonga: Vulkanasche bedeckt ein Auto in Tongas Hauptstadt Nuku'alofa.

Vulkanasche bedeckt ein Auto in Tongas Hauptstadt Nuku'alofa.

(Foto: Guo Lei/imago/Xinhua)

Die Regierung zögert, größere Hilfslieferungen auf die Inseln zu lassen, aus Sorge davor, dass die Pandemie eingeschleppt wird. Bislang hatte Tonga nur einen Covid-19-Fall, die Bevölkerung ist nicht ausreichend gegen das Virus geschützt. Ein erstes Aufklärungsflugzeug der neuseeländischen Luftwaffe konnte am Mittwoch auf der Hauptinsel Tongatapu landen, nachdem Hilfskräfte das Rollfeld des internationalen Flughafens von einer dicken Ascheschicht befreit hatten. Ein bei dem Flug aufgenommenes Luftbild zeigt umfangreiche Schäden an einer Küstengemeinde.

Vulkan in Tonga: Unter einer Schicht aus Asche: Tonga aus der Vogelperspektive.

Unter einer Schicht aus Asche: Tonga aus der Vogelperspektive.

(Foto: CPL Vanessa Parker/AP)

Soneel Ram, der den Einsatz des Internationalen Roten Kreuzes von Fidschi aus koordiniert, erklärt am Telefon, "wir müssen schnell sauberes Trinkwasser dorthin bekommen, weil alle Quellen vom Asche-Fallout kontaminiert wurden. Unser Notfallteam in Tonga konnte den ersten Bedarf decken, sie liefern Notunterkünfte, Küchensets, Decken und andere Hilfsgüter an Menschen, die alles verloren haben. Aber wir stehen unter Zeitdruck."

In einer Erklärung des tongaischen Premierministers Siaosi Sovaleni von Dienstagabend wurde der Tod dreier Menschen bestätigt: Eine Frau und ein Mann aus Tonga, sowie eine Britin kamen durch den Tsunami ums Leben. Außerdem wurde von der Zerstörung aller Häuser auf der Insel Mango berichtet, auf der 50 Menschen leben. Auf der Nachbarinsel Fonoifua blieben nur zwei Häuser stehen. Sovaleni bezeichnete den Ausbruch des Vulkans, der nur 65 Kilometer nördlich der Hauptinsel liegt, als eine "beispiellose Katastrophe".

Vulkan in Tonga: Das Foto zeigt das Ausmaß der Zerstörung in Nukuʻalofa, der Hauptstadt von Tonga.

Das Foto zeigt das Ausmaß der Zerstörung in Nukuʻalofa, der Hauptstadt von Tonga.

(Foto: Guo Lei/imago images/Xinhua)

Die Inseln und Orte sind mit einer dicken Schicht Vulkanasche bedeckt, es gibt viele Salzwasserlachen. Das örtliche Rote Kreuz hat Helfer auf die Inseln Mango, Fonoifua und Nomuka geschickt. Aber Helfer von außen wurden noch keine angefordert, "ohne Anforderung dürfen wir uns aber gar nicht in Bewegung setzen", sagt Soneel Ram. Und es gibt noch ein anderes Problem. "Leider ist auch die Gefahr durch einen weiteren Vulkanausbruch oder durch Wirbelstürme nicht ganz absehbar". Auf Fidschi hat die Regierung nun immerhin eine Booster-Kampagne gestartet, damit die Helfer nach Tonga können, ohne die Leute vor Ort anzustecken.

Am Mittwochnachmittag meldete die Nachrichtenagentur AP, dass zwei Militärmaschinen vom Typ C-130 Hercules mit Trinkwasser an Bord in Neuseeland gestartet sind, sie werden noch in der Nacht landen, ebenso wie zwei C-17 Globemaster-Transporter des australischen Militärs. Die Flugzeuge sollen ohne direkten Kontakt entladen werden und "nur 90 Minuten am Boden sein", wie Neuseelands Verteidigungsminister Peeni Henare sagte.

Die HMAS Adelaide der australischen Marine legte am Mittwoch aus Sydney in Richtung Tonga ab. Neuseeland hat ebenfalls zwei Marineschiffe mit Hilfsgütern entsandt. Eines davon transportiert 250 000 Liter Trinkwasser und soll in zwei bis vier Tagen die Inselgruppe erreichen, je nach Wetterlage. Ein Boot der Küstenwache wird vermutlich noch schneller da sein, es bringt Taucher und einen Helikopter, mit dem Hilfsgüter auf den Inseln verteilt werden können. Das Rote Kreuz von Tonga soll die Hilfsmaßnahmen vor Ort leiten - vorausgesetzt die Schiffe dürfen entladen werden.

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