Todesstrafe in den USA Mörderische Comebacks

Ein elektrischer Stuhl, wie er in Tennessee zuletzt Verwendung fand.

(Foto: Mark Humphrey/AP)

Mehrere US-Bundesstaaten erwägen die Rückkehr zu Brachialtechniken des juristisch legitimierten Tötens. Auch der elektrische Stuhl steht zur Diskussion - zum Entsetzen vieler Gegner der Todesstrafe. Denn was sich bei einer Elektrokution abspielen kann, taugt als Stoff für Horrorfilme und Geisterbahnen.

Von David Hesse, Washington

Bob Lampert, oberster Gefängnisdirektor von Wyoming, hat ein Problem. Ihm gehen die Medikamenten-Mischungen aus, mit denen zum Tod Verurteilte in den USA üblicherweise hingerichtet werden. Schuld ist ein Exportverbot der Europäischen Union sowie die unter politischem Druck versiegende heimische Produktion. Der Vorrat sei aufgebraucht, sagte Lampert vor Politikern, die Vollstreckung der Höchststrafe in Wyoming gefährdet: "Deshalb habe ich den Behörden empfohlen, alternative Exekutionsmethoden zu erwägen, zum Beispiel ein Erschießungskommando." Die Justiz hat nun einen Ausschuss mit der Sache betraut.

Tod durch Erschießen, so meint man wohl, das ist zwar schrecklich, geht aber schnell. Man möchte lieber nicht - wie andere US-Staaten - mit neuen Medikamentencocktails experimentieren. Die Gefahr des Scheiterns wäre zu groß. In Ohio hatte es im Januar fünfzehn lange Minuten gedauert, bis der quälende Todeskampf des verurteilten Mörders Dennis McGuire vorüber war. Und in Oklahoma war erst im April die Exekution von Clayton Lockett abgebrochen worden. Lockett war aus der Betäubung erwacht und hatte sich unter Schmerzen aufzusetzen versucht. Der Mann starb dann trotzdem, aber nach 43 langen Minuten, hinter zugezogenen Vorhängen an einem Herzinfarkt.

Todesstrafe Hinrichtungen in Oklahoma vorerst ausgesetzt
Nach Panne bei Exekution

Hinrichtungen in Oklahoma vorerst ausgesetzt

43 Minuten wand sich Clayton Lockett unter Schmerzen - dann starb er an einem Herzinfarkt. Die Panne bei der Hinrichtung des verurteilten Mörders hat nun Konsequenzen: Ein Gericht gibt einem Todeskandidaten recht und setzt alle Exekutionen für ein halbes Jahr aus.

Solche Szenen lösen in den USA Betroffenheit aus. Präsident Barack Obama, der die Todesstrafe befürwortet, nannte die Hinrichtungspanne von Oklahoma "tief verstörend". Eine Augenzeugin sagte, der Vorgang habe "wie Folter" ausgesehen. Der öffentliche Rückhalt für Hinrichtungen - er schwindet. In den vergangenen sechs Jahren haben sechs Staaten die Todesstrafe abgeschafft, weitere drei die Durchführung ausgesetzt. Die mit Boykottdruck erzeugte Präparateknappheit hat Anteil an dieser Entwicklung.

Doch umso entschlossener melden sich die Befürworter dieser Strafe zu Wort. Manche von ihnen wollen gar zurück zur Brachialtechnik: Wie in Wyoming wird derzeit auch in Utah über Erschießungskommandos nachgedacht - noch vor vier Jahren wurde eine Hinrichtung hier so vollzogen. Andere Staaten haben den Strick oder die Gaskammer als Alternativen in ihren Gesetzen stehen.

Ein überholt geglaubtes Stück amerikanischer Geschichte

Todesstrafe in USA

Tennessee führt elektrischen Stuhl ein

Der US-Bundesstaat zieht seine eigenen Lehren aus der Diskussion um Hinrichtungen per Giftspritze - und führt den elektrischen Stuhl ein. In einigen anderen Staaten können sich Verurteilte für alternative Arten zu sterben entscheiden.

Und dann ist da noch der elektrische Stuhl. Letzte Woche hat Bill Haslam, der Gouverneur von Tennessee, ein Gesetz unterzeichnet, nach dem sein Staat Hinrichtungen künftig auch gegen den Willen der Verurteilten wieder auf dem Stuhl durchführen kann. Zumindest für den Fall, dass einmal keine Spritzen mehr verfügbar sind. Damit scheint ein überholt geglaubtes Stück amerikanischer Geschichte in die Gegenwart zurückzukehren. Hinrichtungen auf dem elektrischen Stuhl sind wüste Prozeduren - zahlreich sind die Berichte von brennenden Köpfen, blutenden Augen, verkohlter Haut. Stoff für Horrorfilme und Geisterbahnen, aber nichts für den Justizvollzug, sagen manche: Als Ende der 1970er Jahre die Giftspritze aufkam, nahmen Öffentlichkeit und Politik die scheinbar saubere und schmerzfreie Methode dankbar auf, der Stuhl verlor an Bedeutung.

Ganz verschwunden ist er jedoch nie. In acht US-Staaten kann der Verurteilte bis heute wählen, ob er per Spritze oder Strom sterben möchte. In den vergangenen zehn Jahren entschieden sich sieben Männer für den Stuhl; zuletzt wurde Robert Gleeson im Januar 2013 in Virginia damit hingerichtet. Alleinige Methode ist der Stuhl aber nirgends mehr. In Florida wurde hastig die Giftspritze zugelassen, nachdem einem Mörder bei der Elektrokution 1999 das Gesicht verbrannte und sich der Oberste Gerichtshof für den Fall zu interessieren begann. In Nebraska, wo der Stuhl am längsten ohne Konkurrenz war, verbot ihn das höchste Gericht des Staates 2008 ganz. Die Elektrokution verletze als "grausame und ungewöhnliche Strafe" die Bundesverfassung, hieß es.

Der Rückgriff auf die alten Methoden soll die Hinrichtungsmaschinerie also weiter am Laufen halten. Der Effekt aber könnte gegenteilig sein: Klagen und Proteste sind so gut wie sicher. Das Journal Scientific American hofft etwa, dass nun die "klinische Fassade" der heutigen Hinrichtungen endlich zerschlagen wird: Exekutionen seien niemals "medizinische Vorgänge" - auch nicht dann, wenn Spritzen im Einsatz seien. Die Rückkehr zu Strang und Stuhl müsse der Bevölkerung vor Augen führen, was Hinrichtungen wirklich seien: barbarisch, in jedem Fall.