Todesschüsse in US-Club Die Waffengewalt ist zur Alltagserfahrung geworden

Ein Country-Musik-Festival in Las Vegas, eine Schule in einer Kleinstadt im Bundesstaat Florida, eine Kneipe an der Westküste. Das sind Orte, an denen sich die Menschen sicher fühlen, wo sie feiern oder etwas lernen wollen. Geoff Dean ist Sheriff in Thousand Oaks, er steht am Donnerstag vor dem Polizeipräsidium und sagt Worte, die man zuvor schon so ähnlich von Bürgermeister Fox gehört hat: "Es ist völlig egal, wie sicher eine Gegend zu sein scheint und wie niedrig die Verbrechensrate ist. Es gibt überall Leute, die nicht richtig sind im Kopf, und die begehen solch entsetzliche Verbrechen wie dieses. Man kann das Unerklärliche nicht erklären." Heißt, und auch das hat man vorher schon mal gehört: Hier, das kann überall sein in den Vereinigten Staaten. Niemand ist sicher.

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Die Menschen in Thousand Oaks trauern am Donnerstag, an der Prozession für den verstorbenen Polizisten Ron Helus (er war sechs Minuten nach dem Notruf in die Kneipe gekommen und vom Täter erschossen worden) nehmen zahlreiche Einwohner teil oder zollen dem Beamten am Straßenrand ihren Respekt. Sie sprechen über die Opfer, aber auch darüber, dass Massaker wie dieses mittlerweile beinahe zum Alltag gehören in diesem Land, allein in den vergangenen zwei Wochen hat es vier solcher Vorfälle gegeben: in einem Supermarkt in Kentucky, in einer Synagoge in Pennsylvania, in einem Yoga-Studio in Florida und nun in dieser Kneipe in Kalifornien.

Laut einer Statistik der Non-Profit-Organisation "Gun Violence Archive" hat es in diesem Jahr in den Vereinigten Staaten bislang 307 Schießereien mit jeweils mehr als zwei Verletzten gegeben, Todesopfer insgesamt: 329. Wohlgemerkt: In diesem Jahr sind bis zum Donnerstag 312 Tage vergangen.

Was einen noch mehr schockiert als die Tatsache, dass ein derart schreckliches Verbrechen an einem derart ruhigen und vermeintlich sicheren Ort passieren kann, das ist die Routine im Umgang damit. Ein junges Mädchen zum Beispiel hat die Tat am Mittwochabend überlebt, sie hat sich zuerst hinter einem Tisch versteckt und sich dann durch einen Sprung durchs Fenster gerettet. Am Donnerstag steht der Vater der jungen Frau vor Fernsehkameras und berichtet nicht ohne Stolz, dass er seiner Tochter beigebracht habe, wie sie sich bei einer Schießerei verhalten solle - und dass sie genau das getan habe, was er ihr gezeigt hat. Die USA sind ein Land, in dem diese Schießereien derart häufig vorkommen, dass Eltern ihren Kindern nicht mehr nur Lesen und Ballfangen beibringen, sondern das Verhalten bei Schießereien.

Genug von "Thoughts and Prayers"

Immerhin gibt es diesmal kaum "Thoughts and Prayers" von Politikern, die womöglich endlich begriffen haben, wie zynisch diese Aussagen auf die Angehörigen der Opfer wirken - vielleicht haben sie aber auch gehört, dass die Angehörigen der Opfer von Thousand Oaks ihnen mitgeteilt haben, nur ja keine "Gedanken und Gebete" hören zu wollen. "Das ist Amerika", sagt Gavin Newsom am Donnerstag auf einer Veranstaltung in San Francisco. Er ist am Dienstag zum Gouverneur von Kalifornien gewählt worden und gilt als Advokat schärferer Waffengesetze: "Das passiert nirgendwo anders auf diesem Planeten, das dürfen wir nicht vergessen. Wir dürfen nicht zulassen, dass das der Normalzustand wird."

Wer Thousand Oaks verlässt und nach Hause kommt in eine Kleinstadt im Süden von Los Angeles, die als eine der sichersten in den Vereinigten Staaten gilt, der liest womöglich diese Mail. Die Rektorin der Grundschule hat sie am Donnerstagnachmittag verschickt, es geht um die Vorbereitung auf und den Umgang mit solchen Schießereien, es sind darin Sätze zu lesen wie: "Manchmal machen Leute schlimme Dinge." Oder: "Achtet darauf, ob jemand eine Waffe bei sich hat." Oder: "Es gibt keine Garantie, dass niemals etwas Schreckliches passieren wird." Es gibt an dieser Schule nicht nur regelmäßige Übungen zum Verhalten im Falle eines Erdbebens oder Tsunamis, sondern auch zum sogenannten lockdown, dem Verschanzen im Klassenzimmer bei Gefahr.

Thousand Oaks, das kann überall sein in den Vereinigten Staaten. Niemand ist sicher.

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