Tod eines Jungen in Berlin "Warum? Du wolltest doch nur spielen ..."

Im Märkischen Viertel in Berlin ist ein achtjähriger Junge gestorben, als er von einem Baumstumpf am Kopf getroffen wurde. Menschen haben Blumen und Kerzen am Unglücksort niedergelegt.

(Foto: Verena Mayer)
  • Im Märkischen Viertel in Berlin ist ein achtjähriger Junge gestorben, als er von einem Baumstumpf am Kopf getroffen wurde.
  • Der Stump war aus dem Fenster eines Hochhauses geworfen worden, ob es Absicht war, ist noch unklar.
  • Anwohner berichten, dass in der Vergangenheit schon öfters Gegenstände aus Fenstern geworfen wurden.
Von Verena Mayer, Berlin

Auf dem Gehweg vor dem Hochhaus liegen Blumen und ein Teddybär, Kerzen brennen. Immer wieder bleiben Kinder und Jugendliche davor stehen, sie kommen zu Fuß oder auf Fahrrädern, so wie es üblich ist auf dem Vorplatz einer Hochhausanlage. So war am Sonntagnachmittag auch ein Junge unterwegs, mit einem BMX-Rad, zusammen mit einem Freund, als plötzlich ein Baumstumpf aus einem der Stockwerke über ihm fiel. Das Holzstück traf den Jungen auf dem Kopf, er war sofort tot. Der Junge wurde acht Jahre alt.

"Warum? Du wolltest doch nur spielen ...", steht auf einem blauen Zettel, der zwischen den Kerzen steckt. Warum - das ist auch die Frage, die sich die Ermittler am Montag stellen. Immer wieder gehen Polizisten in das Haus, sie befragen Nachbarn und Passanten, sichern Spuren an Fenstern und auf Balkonen. Gewiss ist bislang nur, dass der Baumstamm etwa 40 Zentimeter lang war, einen Durchmesser von 30 Zentimetern hatte und von einer Birke stammte. Und dass er offenbar geworfen wurde, die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt wegen eines Tötungsdelikts, wie ein Sprecher bestätigte. Von wem er geworfen wurde und ob das sogar in böswilliger Absicht geschah - all das muss die Mordkommission herausfinden. Am Sonntag war sie bis in den späten Abend damit beschäftigt, DNA-Spuren an der Fassade zu sichern.

Es passierte in einem der vielen Hochhäuser, die im Märkischen Viertel so dicht aneinander stehen, dass kaum die Sonne durchkommt. Die Anlage im Berliner Norden ist das, was man einen sozialen Brennpunkt nennt. In den 1960er- und 70er-Jahren hochgezogen, mit Zehntausenden Wohnungen auf engstem Raum, dazwischen sind Parkplätze, schnurgerade Straßen und ein Einkaufszentrum, um das sich eine Bibliothek und ein Schwimmbad gruppieren. In den vergangenen Jahren hat sich hier einiges getan, die oft fünfzehnstöckigen Wohnblöcke wurden hell gestrichen, die Grünanlagen sind gepflegt. Doch die Leute, die an diesem Montagvormittag vor der Hochhausanlage stehen, Blumen vorbeibringen oder mit den Fernsehteams reden, sind sich einig, dass es hier alles andere als lebenswert ist.

"Gibt doch keine Woche, in der nicht die Bullerei kommt", sagt ein junges Mädchen, das einen Säugling auf dem Arm trägt. Ihre Freundin, die ihren Hund spazieren führt, sagt, dass sich in der Gegend immer wieder Leute von den Hochhäusern stürzten. "Bei uns springen sie sogar freiwillig." Am liebsten würden sie wegziehen, "aber woanders finden wir doch keine Wohnung mehr". Eine alte Anwohnerin, die seit dem Bau ihres Blocks in den 70er-Jahren in der Wohnanlage lebt, sagt, dass das Märkische Viertel immer schon einen schlechten Ruf hatte. In letzter Zeit seien aber immer wieder irgendwelche Gegenstände aus den Fenstern geworfen worden, Müll, Windeln, Flaschen.

Frauen und Mädchen mit Kopftüchern kommen vorbei, sie legen Blumen nieder, vielen stehen die Tränen in den Augen. Medienberichten zufolge hieß der getötete Junge Ibrahim und stammt aus einer Familie aus Tschetschenien. Am Sonntag war er mit seiner Familie wie immer draußen unterwegs. Er wollte gerade in die Pedale treten, als der Baumstamm ihn dermaßen zurichtete, dass sogar die eingetroffenen Sanitäter und Feuerwehrleute seelsorgerisch betreut werden mussten. Sein Freund, der auf dem BMX-Rad stand, wurde am Arm verletzt. Dieses Geräusch, wie das Kind getroffen wurde, sagte eine Passantin Berliner Medien später, das werde sie nie vergessen.

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