Anruf bei Wirtin Theresia Raitmayr in Tirol:"Auch die Bevölkerung muss am Wochenende ein lebenswertes Leben haben"

Urlaubsverkehr auf der Brennerpassstraße, 1966

Kilometerlange Staus auf der Brennerpassstraße waren schon 1966 keine Seltenheit.

(Foto: AP)

Theresia Raitmayr ist Wirtin in einem Gasthof an einer Tiroler Landstraße. Das neue Fahrverbot für "Transitfahrer" genießt sie - auch wenn immer noch viel Verkehr ist.

Von Hans Gasser

Der Isserwirt in Lans, einem Ort auf knapp 900 Metern oberhalb von Innsbruck, ist eines der ältesten Gasthäuser Tirols. Es liegt direkt an einer der österreichischen Landstraßen, auf welche Autofahrer immer wieder ausweichen, wenn es auf der Brennerautobahn eng wird. Neben der Blockabfertigung für Lkws hat Tirols Landeshauptmann nun die Schließung der Abfahrten an Wochenenden für sogenannte "Transitfahrer" angeordnet. Wirtin Theresia Raitmayr hat ihre eigene Meinung zu den von Deutschland kritisierten Fahrverboten.

SZ: Frau Raitmayr, blieb die Kundschaft in Ihrem Wirtshaus am Wochenende denn wegen der Fahrverbote aus?

Theresia Raitmayr: Nein, in keiner Weise. Bei uns essen ja auch viele Menschen aus der Umgebung, wir sind nicht nur auf Touristen angewiesen. Unser historisches Wirtshaus war am Samstag und Sonntag sowohl mittags wie abends voll.

Muss man bei der Abfahrt von der Autobahn jetzt eine Reservierungsbescheinigung vorlegen, wenn man bei Ihnen essen will?

Reservieren ist immer besser! Aber wie die Polizei das handhabt, weiß ich nicht. Ich beschäftige mich ja nicht die ganze Zeit mit dieser Verkehrsthematik, habe ja auch noch was anderes zu tun: 140 Gäste im Wirtshaus, dazu die Hotelzimmer.

Anruf bei Wirtin Theresia Raitmayr in Tirol: Theresia Raitmayr ist seit 40 Jahren Wirtin im Gasthof Isserwirt in Lans. Die Landstraße vor ihrem Haus wird oft zur Umgehung von Autobahn-Staus genutzt. Daher begrüßt sie die neue Ausfahrtsschließung für Transitfahrer.

Theresia Raitmayr ist seit 40 Jahren Wirtin im Gasthof Isserwirt in Lans. Die Landstraße vor ihrem Haus wird oft zur Umgehung von Autobahn-Staus genutzt. Daher begrüßt sie die neue Ausfahrtsschließung für Transitfahrer.

(Foto: privat)

Und die Transitfahrer, die sich bei Ihnen vorbeigewälzt haben, sind die nicht auch mal eingekehrt?

Von den Transitfahrern, die nach Italien weiter wollten, blieb nicht einer stehen zum Essen. Die haben vielleicht ihr Müllsackl dagelassen, aber nichts konsumiert.

Nur das Müllsackl?

Entlang der Strecke sieht man wirklich jede Menge Müll. Die Leute sind irrsinnig genervt durch diese Staus in der Hitze, und manche schmeißen halt raus, was sie nicht mehr brauchen. Die standen ja hier auf der Landstraße genauso lang wie auf der Autobahn, das hat ihnen ja nichts genützt.

Hören Ihre Gäste jetzt wieder die Vögel singen?

Na ja, das auch wieder nicht. Es ist schon immer noch genug Verkehr. Aber normaler Ausflugsverkehr: Innsbrucker, die zum Lanser See zum Baden fahren oder zum Patscherkofel, um zu wandern. Aber das vorher war ja nicht mehr normal.

Schildern Sie doch mal, wie das an den Reisewochenenden vor den Sperrungen so war.

Das ging schon um halb sieben in der Früh los, dass die Leute in Hall von der Autobahn abgefahren sind, und dann ist der Autostrom den ganzen Tag nicht abgerissen. Die Autobahn-Flüchtlinge müssen bei uns wieder auf die Straße Richtung Brenner einfädeln, wir sind ja genau an der Kreuzung. Und dann standen sie. Im Endeffekt kamen sie nicht schneller weiter. Übrigens auch nicht mein Koch, der genauso im Stau stand und dann zwei Stunden zu spät kam. Rettungsfahrzeuge und Busse sind auch nicht mehr durchgekommen.

Sie halten also nichts von der Ankündigung des deutschen Verkehrsministers und seines italienischen Amtskollegen, gegen Österreich zu klagen?

Das ist legitim. Aber nein, ich halte nichts davon, weil auch die Bevölkerung am Wochenende ein lebenswertes Leben haben muss. Die haben auch die ganze Woche gearbeitet und brauchen etwas Ruhe.

Viele in Tirol leben ja vom Tourismus. Verstehen Sie, dass manche Gäste verärgert sind?

Ich verstehe den Ärger gut, wenn jemand von weit her kommt und an seinen Urlaubsort will. Aber er steht ja nicht erst bei uns im Stau, sondern schon bei Nürnberg und München, oder? Das Verkehrsaufkommen erfinden ja nicht wir, das entsteht schon oben bei euch. Aber bei euch ist mehr Platz. Bei uns geht das Tal durch und daneben geht der Berg hinauf. Da ist einfach kein Platz mehr.

Und was ist die Lösung?

Die kann ich Ihnen auch nicht sagen. Wenn ich die hätte! Dann wäre ich in der Politik. Als Wirtin sage ich: Vielleicht wär's gut, wenn nicht alle am Samstag fahren. Und klar, der Güterverkehr gehört natürlich auf die Schiene.

Haben Sie manchmal Mitleid mit den Familien, die da im Stau stehen?

Absolut! Ich habe ja selber Enkel. Während einem dieser Megastaus kamen letztens Gäste zu uns - mit der 94-jährigen Oma. Die standen sechs Stunden im Stau. Die alte Frau hat gesagt, sie will jetzt nie mehr wegfahren. Die hat mir sehr leid getan. Aber ich würde auch nicht mit meiner 94-jährigen Oma am Samstag in den Urlaub fahren!

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