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Corona und Humor:"Solange man nicht daran stirbt, kann man auch drüber lachen"

Till Reiners

Der Stand-up-Comedian Till Reiners.

(Foto: Matthias Becker)

Über die Corona-Pandemie können die meisten nicht lachen. Comedian Till Reiners schon. Ein Gespräch über Humor in diesen schwierigen Zeiten. Und über seine Grenzen.

Interview von Leopold Zaak

Till Reiners macht sich beruflich viele Gedanken über das Witzigsein. Wenn er nicht selbst als Stand-up-Comedian oder als Gast bei Sendungen wie "Die Anstalt" oder "ZDF Heute Show" auftritt, spricht der 35-Jährige in seinem Podcast "Jokes" mit anderen Comedians darüber, was sie lustig finden und warum. Er selbst macht gerne ziemlich böse Witze. Auch in der Corona-Pandemie.

SZ: Herr Reiners, worüber haben Sie zuletzt gelacht?

Till Reiners: Über meinen Postboten. Der hat gestern nicht bei mir geklingelt, sondern einen Zettel an die Tür gehängt, wo draufstand, ich sei nicht zu Hause. Ich habe ihn dann später auf der Straße getroffen, in seinem Auto. Ich habe an die Scheibe geklopft und gefragt, warum er nicht geklingelt hat. Ich dachte, dass er mich anlügen wird und sagen, er hätte geklingelt. Und ich dachte, dass ich das dann so stehen lassen werde und mein Paket bekomme. Aber er lässt die Scheibe runter und sagt: "Hau ab."

Und dann?

Er ist einfach gefahren. Mit meinem Paket. Er hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, so zu tun, als ob er kein schlechter Paketbote sei. Da habe ich ziemlich drüber gelacht, weil ich Dinge lieber lustig finde, als mich über sie aufzuregen.

Gilt das auch für die Pandemie?

Mein Alltag und meine Missgeschicke sind absolut coronafähig. Ich hänge noch genauso in Warteschlangen oder vergesse Dinge, nur jetzt eben mit Maske.

Aber trotzdem hat sich der Alltag doch verändert.

Ja, durch den Lockdown light. Aber der wird noch geiler als der erste, glaube ich! Ich habe das Gefühl, dass ich gut in den Modus komme. Ich habe beim ersten Mal ein paar Sachen gelernt, die ich jetzt wieder aus der Schublade hole. Ich koche wieder viel und habe mir Ziele gesetzt. Ich möchte "Game of Thrones" zu Ende schauen zum Beispiel. Es sind kleine Ziele, aber immerhin. Und man hat sich mehr an die Umstände gewöhnt. Man weiß, die Welt geht nicht unter. Oder nicht?

Vielleicht hat man sich daran gewöhnt, aber die Stimmung im März war bei vielen besser.

Im März war der Shutdown noch wie eine coole Indie-Band. Und diese coole Indie-Band hat jetzt eben ein kommerzielles Studioalbum rausgebracht. Das ist vielleicht nicht mehr so cool und aufregend wie zu Anfang, aber jetzt muss man erst recht dabeibleiben. Das mit den Corona-Beschränkungen ist wie mit der Band Die Ärzte. Am Anfang aufregend und mittlerweile oft in der "Tagesschau". Aber ich bin trotzdem noch Fan von den Ärzten. Und vom Shutdown. Was soll der denn auch machen? Er lässt sich eh schon raffinierte Abwechslungen einfallen für uns. Dass man jetzt in Geschäfte darf, ist doch schon was Feines. Oder, dass die Kinder in die Schule können.

In Ihrer Sendung "Homies" auf ZDF Neo haben Sie versucht, Corona zu einem lustigen Thema zu machen. Was genau ist an einer Pandemie lustig?

Wie wir als Land mit dieser Pandemie umgehen, das ist schon sehr lustig. Im Januar haben wir alle noch gesagt: "Das ist ja ein schlimmes Virus in China." Und gleichzeitig machen wir uns überhaupt keine Gedanken, dass es eine Globalisierung gibt und es uns betreffen könnte. Und Ende Februar war es dann genau das gleiche, als es in Italien losging. Und Wochen später saßen wir daheim vor Zoom und haben uns gefragt: "Wie konnte das denn passieren?" Und so ging das weiter. Es war jedem klar, dass es eine zweite Welle geben würde. Und trotzdem sind wir noch überrascht von exponentiellem Wachstum.

Kann man Witze machen über ein Virus, an dem Menschen sterben?

Der Tod ist eigentlich immer ein witziges Thema - wenn man ihn richtig behandelt. Die Art und Weise, wie wir damit umgehen und Angst davor haben, ist etwas, worüber ich gerne Witze mache. Wenn man persönlich davon betroffen ist, dann ist das natürlich nicht lustig und man hat das Gefühl, die Welt bleibt stehen. Aber das tut sie nicht. Der Welt ist es total egal, wenn jemand stirbt. Und mit dieser Brutalität und Banalität kann man nur klarkommen, wenn man humorvoll ist. Wichtig ist nur, dass man dabei stilvoll bleibt. Ich mache mich nie über Leute lustig, die ohnehin diskriminiert werden.

Sie machen auch Witze über Verschwörungsmythen.

Mittlerweile finde ich sie langweilig. Klopapier, Nudeln und Attila Hildmann: All das, was im ersten Shutdown genervt hat, finde ich jetzt nicht mehr witzig.

Kann Humor uns durch diesen Corona-Winter helfen?

Ja, aber nicht weil Corona ist. Humor hat für mich keine Funktion.

Wie meinen Sie das?

Humor ist kein Schraubenzieher, kein Werkzeug, das eine Aufgabe hat. Humor ist etwas, was - Achtung, das klingt pathetisch - das Leben lebenswert macht. Ich bin ja nicht nur lustig, um damit Geld zu verdienen. Sondern weil ich gerne mit meinen Freunden lache. Es ist einfach etwas Verbindendes. Die Leute, die zu meinen Shows kommen, sind sehr verschieden, aber sie teilen eine spezielle Form von Humor. Und dann lachen sie und sehen andere Menschen, die mit ihnen lachen. Das ist toll. Humor ist die Grundhaltung, mit der ich durch die Welt laufe. Corona ist schlimm und auf der Welt passieren traurige Dinge. Und die Antwort, die der Humor geben kann, ist: Lachen wir drüber. Solange man nicht daran stirbt, kann man auch drüber lachen. Das kostet zwar Kraft, aber es lohnt sich.

Was bekommt man dafür?

Eine gute Zeit. Man fühlt sich lebendig. Und genau dieses Leben möchten wir beschützen: ein fröhliches und glückliches. Und deswegen dürfen wir uns von Corona nicht den Spaß verderben lassen, wenn die Pandemie vorbei ist, brauchen wir das wieder. Wir wollen ja nicht für immer ängstlich zu Hause auf unserem gehamsterten Klopapier sitzen.

© SZ/afis
Pressefoto Hazel Brugger - nur zur Verwendung zum Interview!

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