Süddeutsche Zeitung

Flüchtlingsheim:Wie Til Schweigers Vorzeigeprojekt entsteht

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Der Schauspieler und Neu-Aktivist hat angekündigt, ein Flüchtlingsheim zu bauen. Klappt das? Zu Besuch in Osterode am Harz.

Von Thomas Hahn und Marten Rolff

Ursprünglich war der Plot dieser Geschichte ganz harmlos: Ein zwölfjähriges Mädchen bittet einen Schauspieler und Regisseur darum, einen Spendenaufruf für Flüchtlinge auf seiner Facebook-Seite zu teilen. Gefragt, getan. So nett, so gut.

Doch weil das Thema polarisiert, der Filmmann Til Schweiger heißt und seine Seite offiziell 1,3 Millionen Fans hat, dauert es nicht lange, bis sich das Drehbuch angemessen heftig dramatisiert.

Die Action im Zeitraffer: Auf der Facebook-Seite entbrannte binnen Kürze eine unschöne Rassismus-Debatte. Schweiger sah sich gezwungen, besonders aggressive verbale Scharfschützen durch einen gezielten Sondereinsatz aus dem Verkehr zu ziehen ("Verpisst euch von meiner Seite. (. . .) Ihr braucht euren Hass und eure Dummheit nicht bei mir abzulassen.").

Am Wochenende kündigte er dann im Interview mit Bild am Sonntag eine weitere Offensive an: Er verstehe nicht, dass die Deutschen gegen Islamisierung und Radikalisierung auf die Straße gingen und dann "denen, die davor fliehen, nicht helfen", sagte Schweiger.

Wenn er für sein Engagement "viel auf die Fresse" kriege, sei ihm das egal. Er werde jetzt mit Freunden "ein Vorzeigeflüchtlingsheim bauen". Im niedersächsischen Osterode am Harz. In einer ehemaligen Kaserne. Der Vertrag dafür sei "unter Dach und Fach". Darüber hinaus plane er eine Stiftung für traumatisierte Kinder. Ende der Durchsage.

Hilfe oder Eigen-PR?

Danach war Funkstille, weitere Stellungnahmen gebe es nicht, zum Thema sei vorerst alles gesagt, teilte das Büro des Filmemachers am Montag der SZ mit. Und so durfte Deutschland nun rätseln, wie denn das genau gemeint sei mit den schmissigen Ankündigungen zur Flüchtlingshilfe. Und ob es gut oder schlecht sei, wenn sich einer wie Schweiger, ebenso bekannt für seine Rolle als krachiger "Tatort"-Kommissar wie für erfolgreiche Kinokomödien, in die Asyldebatte einmische.

Auch, weil das Engagement von Prominenten stets ein Drahtseilakt ist: Eigen-PR oder Weckruf?

Mehr Prominente sollen sich einbringen

Osterodes Bürgermeister Klaus Becker ist zwar privat "kein großer Schweiger-Gucker", doch sei der Fall für ihn klar: "Es ist gut, dass er sich äußert, und er hat mir aus der Seele gesprochen."

Der Schauspieler möge "etwas ruppig" gewesen sein, "aber es klang aufrichtig", es sei wichtig, dass Prominente sich einbringen in die Flüchtlingsdebatte, bei der so viel falsch laufe, findet der Kommunalpolitiker.

Becker, 55, ist seit elf Jahren Bürgermeister der 22 000-Einwohner-Stadt am Fuße des Harzes. Er sagt, dass er sehr europäisch denke und dass Osterode hart an einer Willkommenskultur arbeite. Es existiere hier "keine braune Szene", die Beziehungen zu beiden Moscheen in der Stadt seien hervorragend, die Sparkasse lade zum Fastenbrechen ein, und für die 250 Asylsuchenden, welche die Stadt bereits aufgenommen hat, gebe es ein ehrenamtliches Patenprogramm.

Der Bürgermeister hat es also befürwortet, als das niedersächsische Innenministerium anregte, in der ehemaligen Rommel-Kaserne in Osterode eine sogenannte Erstaufnahmeeinrichtung für bis zu 600 Flüchtlinge unterzubringen.

Kaserne wird renoviert

Wenn nun der Eindruck entstanden ist, dass Til Schweiger bald mit Baumaterial und Gulaschkanone in den Harz fährt, um Flüchtlinge zu versorgen, dann sei das natürlich nicht ganz richtig, sagt Becker.

"Unter Dach und Fach" ist lediglich eine Vereinbarung zwischen dem Schauspieler und dem Eigentümer der Kaserne, dem auf die Umwidmung von Militärliegenschaften spezialisierten Unternehmen "Princess of Finkenwerder", das die Kaserne Ende 2014 aus einer Konkursmasse erworben hat.

Das Land will die laut Becker als Flüchtlingsunterkunft "sehr gut geeigneten" Gebäude nach der Renovierung von der Firma mieten, das sei üblich. Ein Vertrag sei noch nicht unterzeichnet und nach einem Betreiber, wohl ein Sozialverband, werde per Ausschreibung gesucht, teilt das Ministerium mit.

"Junge Leute für das Thema sensibilisiert"

Die Kooperation mit Til Schweiger begrüße man im Übrigen sehr, sagt Ministeriumssprecher Philipp Wedelich, dessen Telefon in der Sache seit Anfang der Woche nicht mehr stillsteht. Bereits am Montag hat sich Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius für ein Treffen mit dem Schauspieler verabredet.

Und auch beim Flüchtlingsrat Niedersachsen begrüßt man prinzipiell die Einmischung Prominenter in die Diskussion: "Pro Asyl etwa arbeitet mit Bands zusammen, vor allem junge Leute sind so für das Thema sensibilisiert worden", heißt es in der Geschäftsstelle in Hildesheim.

So könnte ein europäisches Modellprojekt aussehen

Wie das Engagement Til Schweigers in Osterode aussehen soll, erläuterte am Montag derweil der Geschäftsführer von "Princess of Finkenwerder", Wolfgang Koch, der dem Schauspieler "freundschaftlich verbunden" ist und mit ihm "nach mehreren Gesprächsrunden eine Allianz geschlossen" hat.

Koch lässt bei seinen Ausführungen zu keiner Zeit einen Zweifel daran, dass das heftige Medien-Echo seine Richtigkeit hat. Denn in der Mache sei nicht irgendeine weitere Wohnstatt für geflüchtete Neuankömmlinge, sondern "aus humanitären Gründen ein Vorzeigeprojekt für Flüchtlinge, das seinesgleichen in Europa sucht". Also: "eine große Sache".

Das Konzept sieht ebenso eine Kinderbetreuung vor wie Sportstätten und Arbeitsplätze in einer Näh- und einer Fahrradwerkstatt, erklärt Koch. Zur Höhe der finanziellen Beteiligung Schweigers macht der Unternehmer keine Angaben. Doch insgesamt koste die bereits laufende Sanierung der Kaserne einen zweistelligen Millionenbetrag.

Ende des Jahres ziehen erste Bewohner ein

In Osterode jedenfalls hofft man nach den Premiumankündigungen nun auch auf Premiumergebnisse. Der Unterschied zwischen einer "vernünftigen Unterkunft" und einer "Vorzeigeeinrichtung" sei groß, sagt Bürgermeister Becker. Es gehe vor allem um eine gute sozialpädagogische Begleitung, um Beschäftigungs- und Gesprächsmöglichkeiten, damit die oft traumatisierten Flüchtlinge angemessen betreut würden.

Becker hofft, dass Schweiger nun den Unterschied macht. Und dass er andere Prominente in die wichtige Flüchtlingsdebatte miteinbezieht.

Wie das Drehbuch ausgeht, steht erst Ende des Jahres fest, wenn die ersten 200 Flüchtlinge einziehen sollen. Klar ist aber: Wie in der Kultur ist Lob in der Politik auch immer eine Hypothek. Mit anderen Worten: Nun wird Schweiger liefern müssen. Man kann ihm nur Erfolg wünschen.

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SZ vom 04.08.2015/kat
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