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Tiktok-Videos:Kühe ärgern und sich dabei filmen

Carolinensiel. 09 JUL 2019. Schwarz-bunte Holstein-Kühe auf dem Deich bei Carolinensiel. OSTFRIESLAND. CAROLINENSIEL. *

Komm mir nicht zu nahe: Kühe können jemanden, der sie ärgert, auch einfach mal niedertrampeln.

(Foto: Imago Images/Priller&Maug)

Das ist der neueste Trend auf der Videoclip-Plattform Tiktok. Nicht nur Landwirte finden: ein Spiel für Hornochsen.

Von Titus Arnu

Kühe sind gar nicht so blöd, wie es immer heißt. Studien haben gezeigt, dass Rindviecher bestimmte Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge verstehen, Hebel und Schalter für Futterautomaten betätigen können und sich über kleine Intelligenztests freuen. Aber dennoch kann man davon ausgehen, dass sie folgende Situation nicht unbedingt kapieren: Ein Mensch baut sich vor ihnen auf, senkt den Kopf, schreit laut "Kulikitaka", wedelt mit den Armen und stürmt dann auf sie zu. Das Ganze wird mit dem Smartphone gefilmt. Auch als Nicht-Kuh stellt man sich verblüfft die Frage: Warum? Und sind diese Kulikitaka-Leute eigentlich komplett irre?

"Kulikitaka" ist ein tanzbarer Song des karibischen Sängers Toño Rosario, auch bekannt als El Kukito, El Rompe Puerta oder El King Kong Del Merengue. Auf der Musikclip-Plattform Tiktok hat sich der Refrain des 2019 erschienenen Lieds zu einem grotesken Hit entwickelt. Unter dem Hashtag #kulikitaka haben Tiktok-Nutzer anfangs noch kurze Tanzvideos zum Song fabriziert. Nun sind sie dazu übergegangen, mit ruckartigen Körperbewegungen, seltsamen Verkleidungen und lauten Kulikitaka-Rufen Tiere zu erschrecken. Besonders beliebt: Kühe schocken und unter #scaringcowchallenge posten.

Neun Todesfälle durch Kuh-Attacken

Mit Tanz-Challenges wie #offthewall oder Angeber-Challenges wie #zeigherdeinesneaker gefährden Jugendliche auf Tiktok nur ihren eigenen Ruf, mit dem Kühe-Erschrecken aber möglicherweise auch ihre Gesundheit. Kühe sind eigentlich friedliche Tiere - aber nur, solange man sie in Ruhe lässt. Wenn Wanderer lärmend auf sie zulaufen, ihnen die Nase streicheln oder freilaufende Hunde die Herde aufscheuchen, kann es sehr gefährlich werden. Mehr als 7000 Verletzungen und neun Todesfälle durch Kühe hat die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau vergangenes Jahr in Deutschland registriert. Meistens handelt es sich bei den aggressiven Kühen um Muttertiere, die ihre Kälber beschützen wollen.

"Grüß euch, liebe gehirnamputierte Vollpfosten auf Tiktok und ich weiß nicht wo noch überall", schimpft der österreichische Landwirt Georg Doppler in einem Instagram-Video. Der neueste "heiße Scheiß auf Tiktok und sonst wo" sei überhaupt nicht lustig, schon gar nicht für die Tiere, sagt Doppler. Auch Oberösterreichs Jungbauern-Landesobmann Christian Lang ist verärgert über den kuhfeindlichen Tanztrend: "Viele haben heutzutage einen respektvollen Umgang mit Tieren verlernt, bei dieser Challenge werden sie böswillig erschreckt, wobei dies zu schwerwiegenden Verletzungen bei Menschen als auch bei Tieren führen kann."

Selbst ohne Kulikitaka kommt es immer wieder zu Kuhattacken auf Wanderer. Auch in den bayerischen Alpen gab es immer wieder Vorfälle, manchmal mit tödlichem Ausgang. Landwirt Doppler erklärt, ihr Instinkt könne die Kühe dazu treiben, die vermeintlich lustigen Kulikita-Tänzer umzurennen, weil sie diese als Bedrohung ansehen. "Schaltet euer Hirn ein!", appelliert der Landwirt und erntet dafür viel Lob in den Kommentaren. 30 Sekunden dauert ein Tiktok-Video - offenbar ist das etwas zu kurz, um nachzudenken.

© SZ/nas
Two women gossiping in studio (B&W)

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