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Tigerattacke in Hamburg:Tigerdompteur in Lebensgefahr

Berufsunfall oder Folge nicht artgerechter Haltung? Nachdem Tiger einen Dompteur lebensgefährlich verletzt haben, entbrennt eine Debatte über wilde Tiere im Zirkus.

Der bei einer Zirkus-Show in Hamburg von Tigern attackierte Dompteur schwebt weiter in Lebensgefahr. "Er liegt nach wie vor auf der Intensivstation", sagte ein Polizeisprecher.

Das Werbeplakat für den "Dinner-Zirkus". Die Veranstaltung findet schon an diesem Mittwoch wieder statt - allerdings ohne Tiger.

(Foto: Foto: ddp)

Der 28-Jährige war am Dienstagabend kurz vor Beginn des "Dinner-Zirkus" in der Alten Hagenbeck'schen Dressurhalle auf dem Gelände des Hamburger Tierparks Hagenbeck von seinen Tigern angefallen worden. Ein Tiger hatte mit der Pranke nach ihm geschlagen und der junge Mann kam ins Straucheln. Daraufhin hatten sich drei der fünf Tiger in der Manege auf den am Boden liegenden Mann gestürzt und ihm vor den Augen der entsetzten Zuschauer schwerste Verletzungen an Brust, Bauch und Kopf zugefügt.

Während einer Notoperation musste dem Tierlehrer die völlig zerfleischte linke Hand amputiert werden.

Peta fordert Verbot für Wildtiere im Zirkus

Dass die Tiger den Dompteur Christian Walliser, der in der vergangenen Saison mit ihnen im Winterprogramm des Münchner Circus Krone aufgetreten war, so schwer verletzt haben, löste eine Diskussion über Wildtiere im Zirkus und in Zoos aus.

Die Tierrechtsorganisation Peta forderte schnelle Konsequenzen und wies darauf hin, dass es bereits in elf europäischen Ländern ein Verbot für Wildtiere im Zirkus gebe - das sei in Deutschland längst überfällig.

Tiger, Löwen, Elefanten und Giraffen könnten in einem Zirkus niemals art- oder verhaltensgerecht untergebracht werden. Und man dürfe nicht vergessen, dass das Verhalten dieser Wildtiere aufgrund der fehlenden Anpassung an den Menschen unberechenbar sei. "Tiger sind und bleiben wilde Tiere und gehören nicht in die Manege", sagte ein Sprecher der Tierschutzorganisation "Vier Pfoten".

"Viele Dompteure wollen die Öffentlichkeit glauben machen, dass sie ein besonderes Vertrauensverhältnis zu ihren Großkatzen haben", sagte Ursula Bauer von der "Aktion tier". Aber das entspreche nicht den Tatsachen. "Tiger sind und bleiben gefährliche Wildtiere, auch wenn sie in Gefangenschaft geboren und aufgewachsen sind", sagte die Biologin. Der direkte Umgang mit ihnen sei lebensgefährlich. Ein Moment der Schwäche oder der Unaufmerksamkeit könne den Tod bedeuten.

Zwang und Gewalt in der Dressur

Wildtiere ließen sich nicht wie Hunde mittels eines Rucksacks voller Belohnungshappen dressieren, ihnen werde in den meisten Fällen Zwang und Gewalt angetan, sagte Peta-Sprecherin Carola Schmitt "Den Tieren wird der eigene Wille regelrecht rausgeprügelt." Zirkusveranstalter würden immer wieder versuchen, Unfälle mit Aussagen wie "die Tiger wollten nur spielen" zu bagatellisieren.

Nach Angaben der Tierschutzorganisation ist der Unfall bei der Dinner-Show in Hamburg kein Einzelfall. "Die tatsächliche Anzahl der Angriffe von Raubkatzen auf Dompteure oder Pflegepersonal in Zirkussen wird tunlichst verschwiegen", sagte der Verein. Nur die spektakulären Zwischenfälle vor Publikum wie die Attacke auf den Magier Roy Horn gelangten in die Öffentlichkeit.

"Allein in den letzten vier Jahren hat 'Vier Pfoten' zehn Vorfälle gezählt, bei denen in Deutschland Menschen von Wildtieren im Zirkus verletzt wurden", erklärte die Stiftung. Hinzu kämen 33 Ausbrüche von Wildtieren. "Diese Vorfälle zeigen, dass die Haltung von Wildtieren im Zirkus mit unkalkulierbaren Sicherheitsrisiken verbunden ist, die Menschenleben gefährden", sagte Tierschützerin Yvonne Nottebrock.

"Tiger wollten die Situation abchecken"

Der Berufsverband der Tierlehrer hat die Attacke der drei Tiger dagegen als "Resultat eines Unfalls" gewertet. "Ich bin sicher, dass die Tiere den Mann nicht angreifen, sondern testen wollten, was mit ihm los war", sagte der Verbands-Vorsitzende Claus Kröplin der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Für die Tiger sei der 28-jährige Dompteur ihr "Alpha-Tier" gewesen, das sie bis dahin nur stehend oder höchstens in gebückter Haltung erlebt hätten. Als die Tiere ihn flach auf dem Rücken liegen sahen, nachdem er gestolpert war, hätten sie die Situation abchecken wollen. "Wenn sie den Mann hätten angreifen wollen, hätten sie ihn auseinandergerissen", meinte Kröplin.

Der Experte betonte, dressierte Wildtiere seien zahm, "besonders dann, wenn sie schon als Jungtiere manipuliert worden sind". Von einem Wildtierverbot im Zirkus halte er absolut nichts.

"Ein Tier kennt keine Rache"

Verbesserungsvorschläge zu Haltung oder Dressur seien aber jederzeit willkommen. Das 28-jährige Opfer der Tigerattacke, ein gelernter Tierpfleger, sei durchweg qualifiziert gewesen, auch nach Kriterien des Tierschutzes, betonte der Verbands-Chef.

"Das ganze war ein Berufsunfall und es gibt gefährlichere Berufe, als den des Raubtierdompteurs - man denke nur an die Lkw-Fahrer auf der Autobahn", erklärte Kröplin. Gleichzeitig warnte er davor, das Verhalten von Tieren mit menschlichem gleichzusetzen.

Es sei Unsinn zu behaupten, die Tiger hätten sich für ihre Gefangenschaft oder ihre Dressur rächen wollen. "Ein Tier kennt keine Rache", sagte der Experte.

© dpa/ehr
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