Tierschutz Zu viel des Guten

"Es verletzt das Rechtsempfinden vieler Menschen, wenn an dem Hund die Todesstrafe vollstreckt wird." Heiko Schwarzfeld, Geschäftsführer des Tierschutzvereins Hannover, besucht Chico in seinem Tierheim-Zwinger.

(Foto: Imago)
  • Tierschützer fordern, Hunden, die Menschen totgebissen haben, eine "Chance auf Resozialisierung" einzuräumen.
  • Diese Vermenschlichung einzelner Tiere sieht eine Tierethikerin in einer Entfremdung des Menschen von der Natur und einem schlechten Gewissen begründet.
  • Die Zahl überreagierender Tierschützer sei gewachsen.
Von Martin Zips

Das sieben Monate alte Baby starb am Montagabend, der Hund hatte ihm im Wohnzimmer der Familie im hessischen Bad König in den Kopf gebissen. Es soll sich um einen Staffordshire-Mischling gehandelt haben. Ein Staffordshire-Terrier, Chico, war es auch, der vergangene Woche in Hannover seinen Besitzer, einen 27-jährigen Mann, und dessen 52-jährige Mutter totgebissen hatte.

Nun überlegen die Behörden, die Hunde einzuschläfern. Doch sie haben die Rechnung ohne die Tierschützer gemacht. Die Online-Petition "Lasst Chico leben!" verfügt schon über mehr als 270 000 Unterschriften. Vor dem Veterinäramt in Hannover protestierten Dutzende mit "Free Chico"-Plakaten. Zuvor hatten Unbekannte versucht, in das Tierheim einzudringen, in dem Chico untergebracht ist. Offenbar, um ihn zu befreien. Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, betonte: "Hunde sind Mitgeschöpfe, die die Chance zur Resozialisierung verdient haben."

Vermenschlichung von Tieren ist Ausdruck einer Entfremdung

Haben sie das? Die Mannheimer Philosophin und Tierethikerin Ursula Wolf erklärt sich die "immer größer werdende Aufmerksamkeit", die Tieren in unserer Gesellschaft zuteil wird, mit dem "schlechten Gewissen", welches beispielsweise durch die moderne Massentierhaltung bei einem Teil der Bevölkerung ausgelöst wird. Dieser Teil versuche dann, das empfundene Schuldgefühl für das tierische Elend durch die Vermenschlichung einzelner Exemplare wettzumachen.

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Eine Überreaktion, die letztlich nichts anderes sei als ein Ausdruck der immer größer werdenden Entfremdung von Mensch und Natur - und bei einigen zu der völlig verfehlten Annahme führe, Mensch und Tier seien gleichwertige Lebewesen. Das drückt sich dann zum Beispiel in der Wortwahl aus: "Es verletzt das Rechtsempfinden vieler Menschen, wenn an dem Hund die Todesstrafe vollstreckt wird", sagte beispielsweise Heiko Schwarzfeld, Geschäftsführer des Tierschutzvereins Hannover, im NDR.

Todesstrafe? Für einen Vierbeiner? (Laut Bürgerlichem Gesetzbuch sind auf Tiere "die für Sachen geltenden Vorschriften" anzuwenden, "soweit nicht etwas anderes bestimmt ist".)

"Seit 35 000 Jahren leben Menschen mit Wölfen und Hunden zusammen", erklärt der österreichische Verhaltensforscher Kurt Kotrschal, Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle. "Das ist eine lang gewachsene Freundschaft. Man sollte aber nicht den Fehler begehen, das Hundewohl über das Menschenwohl zu stellen." Kotrschal rät in Fällen wie in Bad König oder Hannover, "nicht lange rumzufackeln", sondern die Hunde einfach einzuschläfern. Das sei auch aus Tierschutzgründen sinnvoll, "schließlich leidet auch ein Hund darunter, ein Leben lang weggesperrt zu sein".