Süddeutsche Zeitung

Tierhaltung in Aquarien:Sturm im Delfinbecken

  • Gegner von Aquarien für Delfine beschreiben die Situation als katastrophal: zu wenig Platz, artfremdes Verhalten, hohe Sterberaten, Medikamentenmissbrauch.
  • Ein Delfinpfleger und eine Tierärztin sehen das anders. Zu Besuch im Duisburger Zoo.

Thomas Lange lehnt mit dem Rücken an der Glasscheibe. "Es ist noch nicht so weit, dass ich auf Partys meinen Job leugnen muss", sagt er und atmet tief aus. Das Ausatmen klingt ein wenig wie: "Aber bald könnte es so weit sein." Lange ist Delfinpfleger im Duisburger Zoo, aus dem grün-blau leuchtenden Pausenraum blickt er jetzt ins Wasser des Aquariums.

Es sind noch ein paar Minuten bis zur Fütterung. Lange und Tierärztin Kerstin Ternes stellen erst mal die beiden Delfine vor, die gerade vorbeischwimmen: "Das ist Ivo, unser Männchen, daneben ist Pepina."

Die Frage, die nun in dem Pausenraum mit Unterwasserblick steht, ist, ob Thomas Lange und Kerstin Ternes böse sind. Man muss die Frage so krass stellen, weil es viele Menschen gibt, die das glauben.

Ivo stupst mit der Schnauze an die Scheibe, und das ist auch der Grund, warum viele so über Lange und Ternes denken. In der Freiheit des Meeres gibt es keine Scheiben. Neben Ivo und Pepina ziehen noch Delphi und Daisy durchs Wasser. Sie lächeln, aber das tun sie natürlich nur, weil ihr Schnabel so geformt ist. Delfine lächeln nicht wirklich. Aber sind sie deshalb unglücklich? Geht es dem Delfin-Quartett von Duisburg in seinem Becken schlecht?

Kritiker beanstanden den engen Raum

Einer, der das behauptet, arbeitet in einem Büro in Hagen. Im Delfinarium nennen sie Jürgen Ortmüller meist "den Steuerberater", das ist sein Hauptberuf. Nebenbei ist er Geschäftsführer des Wal- und Delfinschutzforums, einer gemeinnützigen Unternehmergesellschaft.

Er fordert die Schließung der beiden verbliebenen deutschen Delfinarien in Duisburg und Nürnberg. Ortmüller ist nicht der Einzige, der das tut. Aber er tut es am lautesten.

"Die Situation ist nach wie vor katastrophal", sagt er am Telefon, die Stimme fest. Zu wenig Platz für die Delfine, artfremdes Verhalten, hohe Sterberaten, Medikamentenmissbrauch. Wenn man Ortmüller so zuhört, könnte man Lange und Ternes tatsächlich für Tierquäler halten.

Die Sterblichkeit sei in freier Wildbahn genauso hoch, sagt die Tierärztin

Wenn man Kerstin Ternes anruft und fragt, ob man sich das Duisburger Delfinarium mal anschauen dürfe, wirkt sie fast erleichtert. Sie steht am Zoo-Eingang, kurze Haare, blaue Jacke. Auf dem Weg zum Delfinarium rennt sie fast und redet viel. Sie nimmt den Hintereingang, vor einer Wand von Bildschirmen bleibt sie stehen. "Unser Überwachungsraum."

Wenn ein Weibchen trächtig ist, wird es hier 24 Stunden lang beobachtet. In dem Becken hinter den Bildschirmen schwimmen drei gesunde Delfinkinder. Aber das ist die Ausnahme. "Die Sterberate bei jungen Delfinen ist sehr hoch." Von 26 Geburten hätten 18 Tiere das erste Jahr nicht überlebt. Also stimmt es, was Ortmüller schreibt?

"Nein, nein", sagt Ternes. Die Zahlen klängen natürlich erschreckend. Aber die Sterblichkeit in freier Wildbahn sei nachweislich genauso hoch. Und im Gegensatz zu frei lebenden Delfinen seien Schwangerschaften in Gefangenschaft eben besser dokumentiert. In die Statistik fließen auch Fehlgeburten ein, die man in freier Wildbahn nie mitbekommen würde.

Delfine - Übertiere?

Ternes geht weiter in die Futterküche, wo die Eimer mit den Fischen stehen. An der Wand der Taucher-Dusche: ein Autogramm von Günther Jauch. "Er hat mal bei ,Stern TV' gesagt, er würde niemals ein Delfinarium betreten", sagt Ternes.

Sie führt durch die Filteranlagen und erklärt, warum gesichert ist, dass die Tiere keinen Lärm bemerken, und warum hier nicht mit Chlor gefiltert wird. Dann kommt sie in den Pausenraum und setzt sich auf einen Stuhl.

"Wir müssen uns auch davon verabschieden", sagt sie und holt Luft, "in Delfinen diese Übertiere zu sehen. Die sind unserer Erfahrung nach nicht intelligenter als andere Tiere." Sie seien unglaublich lernbereit, das schon. Tatsächlich ist die Frage nach der Intelligenz höchst umstritten. Zu jeder Studie, die das eine sagt, gibt es eine Studie, die das andere behauptet.

Und der Platz? Das enge Becken? Das kann doch nicht richtig sein für ein Tier, das im offenen Meer täglich mehrere Hundert Kilometer weit schwimmt? Ternes schaut zu Lange. "Willst du die Platzfrage beantworten?" Lange will. Delfine, sagt er, schwimmen die vielen Kilometer nicht, weil sie es wollen, sondern weil sie es müssen.

Es gäbe gut untersuchte Delfingruppen, die ihr ganzes Leben in Buchten verbringen würden. Die beiden verbliebenen Wildfänge in Duisburg kämen aus einer solchen Bucht. Er zuckt mit den Schultern. "Klar, größer ist immer besser." Aber man fordere die Tiere hier körperlich und geistig, man habe keine Anzeichen dafür, dass es ihnen schlecht gehe.

Medikamentenvergabe sei unverhältnismäßig und skandalös

Das sieht Jürgen Ortmüller natürlich ganz anders. Sein stärkstes Argument: Psychopharmaka-Missbrauch. Werden die Delfine unter Drogen gesetzt, damit sie die Gefangenschaft ertragen? Ortmüller bezieht sich auf tiermedizinische Aufzeichnungen des Tiergartens Nürnberg, die öffentlich geworden waren, er findet, die Akten läsen sich wie ein "Bericht von der Intensivstation".

Die Tiere würden Diazepam erhalten, auch bekannt unter dem Namen Valium. Ortmüller nennt die Medikamentenvergabe "unverhältnismäßig und skandalös".

Der Tiergarten Nürnberg hält dagegen, es handele sich um normale tiermedizinische Behandlungen, die von Tierschützern schlicht skandalisiert würden. "Wir sind dazu verpflichtet, die uns anvertrauten Tiere tiermedizinisch zu versorgen", sagt Dag Encke, der Direktor des Nürnberger Tiergartens. Da würden sich fachfremde Menschen zu fachlichen Fragen äußern.

Die wissenschaftliche Fundierung könnte wirklich ein wunder Punkt in Ortmüllers Argumentation sein. Die Nürnberger Aufzeichnungen etwa hat eine junge Biologin ausgewertet, die zwar mit Schweinswalen forscht, aber keinen Veterinärbezug hat.

Sie selbst hält sich gerade deswegen für unabhängig. Der Zoo hält sie für nicht qualifiziert. Ein anderer Experte, auf den sich Ortmüller - etwa in Sachen Platzbedarf - immer wieder bezieht, ist Altphilologe und publiziert über Friedrich Schiller und Hildegard von Bingen.

Was nicht heißt, dass es keine Wissenschaftler gibt, die sich gegen Delfinhaltung aussprechen würden. Es sind nur erstaunlich wenige. Laut Ortmüller liegt das an einem Komplott zwischen Tierärzten und Forschern, die alle von der Delfinhaltung profitieren würden.

Wie Wellensittiche oder Katzen

Einer der Walforscher, die sich öffentlich gegen die Haltung aussprechen, ist Karsten Brensing. Er hat ein Buch über die "Persönlichkeitsrechte" von Tieren geschrieben. Tierärztin Ternes teilt seine Position nicht, sagt aber, er sei "sicherlich kein dummer Mensch". Auch der Nürnberger Encke hat sich mit Brensing schon zu Diskussionen getroffen.

Ternes will unbedingt den Eindruck vermeiden, dass man in Duisburg oder Nürnberg nicht kritikfähig sei. "Klar kann man über Tierhaltung diskutieren", sagt sie, immer noch mit Blick auf das Delfinbecken. "Aber dann auf wissenschaftlicher Basis und mit gleichen Maßstäben für alle Tiere."

Wenn man die Delfinhaltung aus den üblicherweise genannten Gründen verbieten wolle, dürfe man konsequenterweise auch keine Wellensittiche in Käfigen oder Katzen in Stadtwohnungen halten, ergänzt Thomas Lange.

Was sie sich wünschen, sagen Ternes und Lange, sei eine sachliche Debatte. Ihr Image, das wüssten sie natürlich, habe schon ziemlich stark gelitten. Einige Naturschutzgruppen wollen vom Zoo Duisburg keine Spenden mehr annehmen.

"Vorwürfe sind immer schnell in den Raum geworfen", sagt Ternes und wirkt jetzt ein wenig müde. "Ob etwas dahintersteckt, ist die andere Frage."

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SZ vom 17.12.2014/frdu
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