bedeckt München
vgwortpixel

Tierhaltung in Aquarien:Delfine - Übertiere?

Ternes geht weiter in die Futterküche, wo die Eimer mit den Fischen stehen. An der Wand der Taucher-Dusche: ein Autogramm von Günther Jauch. "Er hat mal bei ,Stern TV' gesagt, er würde niemals ein Delfinarium betreten", sagt Ternes.

Sie führt durch die Filteranlagen und erklärt, warum gesichert ist, dass die Tiere keinen Lärm bemerken, und warum hier nicht mit Chlor gefiltert wird. Dann kommt sie in den Pausenraum und setzt sich auf einen Stuhl.

"Wir müssen uns auch davon verabschieden", sagt sie und holt Luft, "in Delfinen diese Übertiere zu sehen. Die sind unserer Erfahrung nach nicht intelligenter als andere Tiere." Sie seien unglaublich lernbereit, das schon. Tatsächlich ist die Frage nach der Intelligenz höchst umstritten. Zu jeder Studie, die das eine sagt, gibt es eine Studie, die das andere behauptet.

Und der Platz? Das enge Becken? Das kann doch nicht richtig sein für ein Tier, das im offenen Meer täglich mehrere Hundert Kilometer weit schwimmt? Ternes schaut zu Lange. "Willst du die Platzfrage beantworten?" Lange will. Delfine, sagt er, schwimmen die vielen Kilometer nicht, weil sie es wollen, sondern weil sie es müssen.

Es gäbe gut untersuchte Delfingruppen, die ihr ganzes Leben in Buchten verbringen würden. Die beiden verbliebenen Wildfänge in Duisburg kämen aus einer solchen Bucht. Er zuckt mit den Schultern. "Klar, größer ist immer besser." Aber man fordere die Tiere hier körperlich und geistig, man habe keine Anzeichen dafür, dass es ihnen schlecht gehe.

Medikamentenvergabe sei unverhältnismäßig und skandalös

Das sieht Jürgen Ortmüller natürlich ganz anders. Sein stärkstes Argument: Psychopharmaka-Missbrauch. Werden die Delfine unter Drogen gesetzt, damit sie die Gefangenschaft ertragen? Ortmüller bezieht sich auf tiermedizinische Aufzeichnungen des Tiergartens Nürnberg, die öffentlich geworden waren, er findet, die Akten läsen sich wie ein "Bericht von der Intensivstation".

Die Tiere würden Diazepam erhalten, auch bekannt unter dem Namen Valium. Ortmüller nennt die Medikamentenvergabe "unverhältnismäßig und skandalös".

Der Tiergarten Nürnberg hält dagegen, es handele sich um normale tiermedizinische Behandlungen, die von Tierschützern schlicht skandalisiert würden. "Wir sind dazu verpflichtet, die uns anvertrauten Tiere tiermedizinisch zu versorgen", sagt Dag Encke, der Direktor des Nürnberger Tiergartens. Da würden sich fachfremde Menschen zu fachlichen Fragen äußern.

Die wissenschaftliche Fundierung könnte wirklich ein wunder Punkt in Ortmüllers Argumentation sein. Die Nürnberger Aufzeichnungen etwa hat eine junge Biologin ausgewertet, die zwar mit Schweinswalen forscht, aber keinen Veterinärbezug hat.

Sie selbst hält sich gerade deswegen für unabhängig. Der Zoo hält sie für nicht qualifiziert. Ein anderer Experte, auf den sich Ortmüller - etwa in Sachen Platzbedarf - immer wieder bezieht, ist Altphilologe und publiziert über Friedrich Schiller und Hildegard von Bingen.

Was nicht heißt, dass es keine Wissenschaftler gibt, die sich gegen Delfinhaltung aussprechen würden. Es sind nur erstaunlich wenige. Laut Ortmüller liegt das an einem Komplott zwischen Tierärzten und Forschern, die alle von der Delfinhaltung profitieren würden.

Wie Wellensittiche oder Katzen

Einer der Walforscher, die sich öffentlich gegen die Haltung aussprechen, ist Karsten Brensing. Er hat ein Buch über die "Persönlichkeitsrechte" von Tieren geschrieben. Tierärztin Ternes teilt seine Position nicht, sagt aber, er sei "sicherlich kein dummer Mensch". Auch der Nürnberger Encke hat sich mit Brensing schon zu Diskussionen getroffen.

Ternes will unbedingt den Eindruck vermeiden, dass man in Duisburg oder Nürnberg nicht kritikfähig sei. "Klar kann man über Tierhaltung diskutieren", sagt sie, immer noch mit Blick auf das Delfinbecken. "Aber dann auf wissenschaftlicher Basis und mit gleichen Maßstäben für alle Tiere."

Wenn man die Delfinhaltung aus den üblicherweise genannten Gründen verbieten wolle, dürfe man konsequenterweise auch keine Wellensittiche in Käfigen oder Katzen in Stadtwohnungen halten, ergänzt Thomas Lange.

Was sie sich wünschen, sagen Ternes und Lange, sei eine sachliche Debatte. Ihr Image, das wüssten sie natürlich, habe schon ziemlich stark gelitten. Einige Naturschutzgruppen wollen vom Zoo Duisburg keine Spenden mehr annehmen.

"Vorwürfe sind immer schnell in den Raum geworfen", sagt Ternes und wirkt jetzt ein wenig müde. "Ob etwas dahintersteckt, ist die andere Frage."

© SZ vom 17.12.2014/frdu
Zur SZ-Startseite