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Gestohlene Zootiere:Wanted: Flamingo

Flamingo gestohlen: Tierpark Hamm glaubt nicht an ein Wiedersehen

Weiblich, ca. 30 Jahre alt, rosa Federkleid: So lautet die Beschreibung des vermissten Flamingos aus dem Tierpark Hamm.

(Foto: Tierpark Hamm/dpa)

Seit fast zwei Wochen vermisst der Tierpark Hamm ein Flamingo-Weibchen. Vermutlich wurde es gestohlen, es wäre nicht der erste Fall von Zootier-Entführung. Aber was könnte das Motiv der Diebe sein?

Von Jana Stegemann, Düsseldorf

Seit der Flamingo verschwunden ist, sehen die Menschen ihn überall. Sie rufen dann beim Zoo im westfälischen Hamm an, schicken Fotos und Hinweise. Sven Eiber, der Geschäftsführer des Tierparks, macht sich jedes Mal Hoffnung. "Am Wochenende meldete sich jemand und sagte, er habe einen großen Vogel auf einem Hochhausdach in Hamm gesehen", sagt Eiber. "Ich habe gedacht: Wie soll unser flugunfähiger Flamingo da hochgekommen sein? Aber man weiß ja nie, also sind wir hingefahren." Die Feuerwehr ließ eine Drohne aufsteigen - und fand nichts. Gut möglich, dass es sich bei der Sichtung um einen Graureiher handelte.

Der Chileflamingo, weiblich, ca. 30 Jahre alt, 1,20 Meter groß, hellrosa Federkleid, rotgefärbte Knochengelenke, ist vermutlich gestohlen worden, in der Nacht vom 27. auf den 28. März. Eine Tierpflegerin bemerkte sein Fehlen bei der morgendlichen Kontrollrunde, die Täter kamen laut Polizei vermutlich über einen Zaun. Und seither fehlt von dem Vogel jede Spur.

Sven Eiber will sich nicht beschweren über Menschen, die einen Reiher für einen Flamingo halten, er freut sich über jeden Hinweis. Denn wenn der Vogel nicht wieder auftaucht, könnte das gravierende Auswirkungen haben. "Wir überlegen hin und her, aber es könnte sein, dass wir unsere dann nur noch aus vier Tieren bestehende Gruppe ganz auflösen werden." Flamingos sind Koloniebrüter, "sie brauchen eine gewisse Gruppengröße, um in Balz- und Brutstimmung zu kommen". Es gibt Zoos, die hängen Spiegel auf, damit die Flamingos denken, sie wären doppelt so viele.

3000 Euro auf dem Schwarzmarkt

Das zweite Dilemma: Der Tierpark Hamm hat keine Voliere und bräuchte zur Vergrößerung der Gruppe also einen Vogel, der nicht wegfliegen kann. Doch das Kupieren ist seit einigen Jahren aus Tierschutzgründen nicht mehr erlaubt, und ältere Flamingos mit gestutzten Flügeln sind schwer zu kriegen. "Solche Tiere werden so gut wie nie von anderen Zoos abgegeben", sagt Eiber, und aus privater Zucht sind die Vögel teuer. Seit Monaten finanzielle Einbußen wegen Corona und jetzt viel Geld für einen Flamingo ausgeben? "Schwierig", sagt Eiber nur. "Ich fürchte, wir werden den Flamingo nicht wiedersehen."

Aber warum stiehlt eigentlich jemand einen Flamingo? "Es gibt einen florierenden Sekundärmarkt für Flamingos mit hohen Preisen. Da kostet so ein Chileflamingo schon mal 3000 Euro", sagt Eiber. Daher könnte es sich um einen Auftragsdiebstahl handeln. Und was will man privat mit einem Flamingo? "Ich weiß es nicht", sagt Eiber. "Aber Sie könnten sich den sogar in den Garten stellen, der fliegt Ihnen ja nicht mal weg."

Besonders ärgerlich: Aktuell wird im Tierpark Hamm im großen Stil in die Sicherheitsausstattung investiert, die Kameraüberwachung ausgeweitet. Für das Flamingo-Weibchen kommt das zu spät. Was ihm wohl auch zum Verhängnis wurde: Chileflamingos sind umgängliche, entspannte Tiere, "die setzt ein Diebstahl zwar innerlich unter Stress, aber sie wehren sich nicht". Nebenan bei den Kronenkranichen wäre es anders ausgegangen, glaubt Eiber. "Die sind extrem wehrhaft und hätten sich das nicht gefallen lassen."

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Hyazinth-Aras sind die größte Papageienart der Welt und wahrlich hübsch anzuschauen. Auf dem Schwarzmarkt können sie schon mal 30 000 Euro einbringen.

(Foto: J. Bitzer/imago/blickwinkel)

Die Causa Flamingo ist nicht der einzige Fall von Zoo-Diebstahl, immer wieder kommen Tiere abhanden. Im Dezember 2015 zum Beispiel wurden zwei kobaltblaue Hyazinth-Aras aus dem Krefelder Zoo entführt. Im Schlaf wurde das Papageien-Pärchen wohl überwältigt. "Man kann die Aras so irritieren, dass sie leicht handelbar sind. Daher gehen wir davon aus, dass es Profis waren", sagt Petra Schwinn. Die Biologin und Pressesprecherin des Krefelder Zoos kennt sich aus mit gestohlenen Zootieren und illegalem Tierhandel - meist hängt beides zusammen. "Solche Diebstähle werden blitzschnell abgewickelt, die Tiere werden so schnell wie möglich außer Landes gebracht, wo ihnen die Chips entfernt und sie mit gefälschten Papieren nachträglich legalisiert werden", sagt Schwinn: "Die Aras könnten auf dem Schwarzmarkt etwa 30 000 Euro gebracht haben." Die größte Papageienart der Welt gilt als stark gefährdet.

Monate zuvor waren drei Löwenkopf-Äffchen ebenfalls aus dem Krefelder Zoo entführt worden. Die Täter griffen sich nachts die Schlafbox der Äffchen mit den auffälligen Frisuren. "Es gibt Diebe, die auf Krallenäffchen spezialisiert sind, weil die klein, niedlich und ziemlich nett sind", sagt Schwinn, "es wird vergessen, dass es sich um exotische Tiere handelt, die besondere Bedürfnisse haben."

Die Löwenäffchen aus dem Krefelder Zoo wurden vermutlich nach Osteuropa verkauft.

(Foto: Steffen Schmidt/AP)

Monate später meldeten sich Informanten in Krefeld, die die Tiere bei illegalen Händlern in Osteuropa gesehen hatten. "Uns wurde gesagt, es sei sehr gefährlich, mit diesen Leuten Kontakt aufzunehmen, sie würden auch vor Waffengewalt nicht zurückschrecken", sagt Schwinn. Zwei Verdächtige seien ausfindig gemacht worden, hätten sich aber der deutschen Gerichtsbarkeit entziehen können.

Die Liste der gestohlenen Zootiere der vergangenen Jahre ist lang: Humboldt-Pinguine, Äffchen, Papageien, Flamingos und Reptilien - vor allem hochbedrohte Arten. "Es kommt immer mal wieder vor. Es ist sehr, sehr ärgerlich, weil es die Zuchtbemühungen unterbricht. Aber von einem Trend würden wir nicht sprechen", sagt Sebastian Scholze vom Verband der Zoologischen Gärten in Berlin. Ob auch schon mal eine Raubkatze verschwunden ist? "An die Tiger traut sich bisher niemand heran."

im Nürnberger Tiergarten steht das Rotkopfschaf Rosi mit seinem Lamm in seinem Gehege

Happy End: Das Rotkopfschaf Rosi (links) wurde 2015 aus dem Tiergarten Nürnberg entwendet und später von der Polizei bei einer Drogenrazzia in einem Münchner Bordell wiederaufgegriffen.

(Foto: Daniel Karmann/dpa)

Die meisten Zootiere tauchen nie wieder auf oder werden tot gefunden. Aber es gibt sie auch, die Geschichten mit dem guten Ende, zum Beispiel vom Lamm Rosi aus dem Nürnberger Zoo, das in einem Münchner Bordell entdeckt wurde. Und die von Spornschildkröte Luise aus dem Mannheimer Luisenpark. Die immerhin 50 Kilo schwere Schildkrötendame war 1995 während eines Parkfestes gestohlen worden. Zwei Wochen nach dem Diebstahl wurde in einem Zug Richtung Saarbrücken eine herrenlose Tasche gefunden. Luise schaute heraus, auf ihrem Panzer klebte ein Zettel mit der Aufschrift "Ich gehöre dem Luisenpark Mannheim". Der Saarbrücker Zoo nahm Luise auf und schickte sie später mit dem Männchen Manni zurück. Manni ist längst tot, Luise, heute 66 Jahre alt, lebt noch immer im Mannheimer Zoo. Die Diebe wurden nie gefasst.

© SZ/ick
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