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Wildtiere:Sie sind wieder da

Entlaufene Wölfe im Bayerischen Wald

Lange war ließen sich Wölfe nicht in deutschen Wäldern blicken. Jetzt sind sie wieder da.

(Foto: Anett Kalmar/dpa)

Der Mensch hat sie vertrieben, verjagt, getötet. Nun sind Wolf, Luchs, Biber und Co. plötzlich wieder da. Wo sie sich aufhalten und wer sie verfolgt.

Von Helena Ott

Thüringen hat nach 167 Jahren wieder einen: Der Luchs ist zurück. In dieser Woche lief das scheue Tier im Thüringer Wald in die Fotofalle eines Naturschützers. Somit hat sich die Raubkatze das neunte Bundesland zurückerobert. Der Luchs ist nicht die einzige Art, die Deutschland eine zweite Chance gibt: Auch Wolf, Biber, Seeadler und Kegelrobbe sind wieder da.

Lange Zeit wollte der Mensch das Tier vor allem beherrschen, hat es domestiziert und ausgerottet, sein Fell über die eigene Haut gezogen. Mit Biberfleisch durfte im Mittelalter selbst das Fasten gebrochen werden, der Papst erklärte den Nager einfach zum Fisch. Erst Ende des 20. Jahrhunderts bemerkte der Mensch, dass es einsam um ihn werden könnte, wenn er weiter meuchelt.

Und dass Wildtiere aus gutem Grund ihren Platz im Ökosystem haben. Statt zu schießen begann er zu hegen. Die Anstrengungen der Naturschützer hatten Erfolg: 1990 kamen die ersten Arten zurück nach Deutschland - ein Überblick.

Der Wolf

Warum war er weg? Er wurde verfolgt, weil Märchenerzähler, Bauern und Theologen ihn als bösartig verunglimpften.

Wolf im Wildpark

Sinistres Wesen? Der Wolf ist zurück.

(Foto: Alexander Heinl/dpa)

Warum ist er wieder da? Seit 1992 wird er durch eine EU-Richtlinie geschützt.

Wofür brauchen wir ihn? Er reißt kranke Tiere und gilt laut Bundesamt für Naturschutz als Gesundheitspolizei.

Beziehungstyp: Monogam. Und wenn der Partner passt, gründet er ein Rudel.

Komfortzone: Große Territorien mit viel Wild und ungestörten Plätzen für die Jungen-Aufzucht.

Größte Feinde: Wilderer, Autofahrer, wütende Landwirte. Letzteren gilt er als Bedrohung des Viehs; manche unterstellen ihm ein sinistres Wesen. Gerade wurde übrigens ein Wolf auf einer Landstraße bei Hannover überfahren. Er ist der achte verkehrstote Wolf in diesem Jahr

Der Luchs

Warum war er weg? Er galt als Jagd-Konkurrenz, 1850 wurde der vorerst letzte Luchs in Deutschland getötet.

Luchse im Harz

Scheu und polyamor: der Luchs.

(Foto: Holger Hollemann/dpa)

Warum ist er wieder da? Seit 1970 wird er von Naturschützern in Wälder ausgewildert, um ihn wieder anzusiedeln.

Wofür brauchen wir ihn? Er reguliert die Wildpopulation im Wald und frisst schwache Einzeltiere.

Beziehungstyp: Scheuer Einzelgänger, vor der Paarung wird der Partner mit leidenschaftlichem Köpfe-Reiben begrüßt; er lebt eher polyamor.

Komfortzone: Große Wälder. Ein Revier kann bis zu 450 Quadratkilometer groß sein, das entspricht etwa der Gesamtfläche von Köln.

Größte Feinde: Wilderer und Autofahrer. Bauern und Schäfer fürchten vor allem um ihr Vieh. Jäger sehen ihn als Konkurrenten. In den Jahren 2015 und 2016 wurden insgesamt 22 tote Luchse gefunden.

Seeadler, Biber und Kegelrobbe

Seeadler und Nebelkrähe zanken um die Lufthoheit

Ein Seeadler und eine Nebelkrähe zanken um die Lufthoheit.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

Der Seeadler

Warum war er fast weg? Durch Jagd und Umweltbelastung wurde er stark zurückgedrängt.

Warum ist er wieder da? Durch Verbot des Insektizids DDT und Schutzgebiete konnte sich die Art erholen.

Wofür brauchen wir ihn? Er ist ein imposanter Greifvogel und Wappentier.

Beziehungstyp: Lebt in Dauerehe mit seinem Partner. Männchen und Weibchen kümmern sich beide um den Nachwuchs.

Komfortzone: Küsten, Täler von Flüssen und große Seegebiete.

Größte Feinde: Umweltverschmutzer, Wilderer, Windräder. Seeadler sterben häufig an Bleivergiftung, etwa beim Fressen von angeschossenen Wildtieren.

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Biber ohne Burg am Bach.

(Foto: Heinz Hudelist/imago stock&people)

Der Biber

Warum war er weg? Er wurde von Menschen vor allem wegen seines warmen Fells und des delikaten Fleisches gejagt.

Warum ist er wieder da? Durch Auswilderung gelangte er zurück nach Deutschland, inzwischen steht er unter Artenschutz.

Wofür brauchen wir ihn? Er ist Gestalter, staut Bäche, die sich neue Wege suchen. In den Tümpel, die dabei entstehen, siedeln sich Amphibien und Libellen an.

Beziehungstyp: Das Biberpaar lebt mit seinen Jungtieren, bis sie eine eigene Familie gründen.

Komfortzone: Selbstgebaute geräumige Biberburgen am Ufer fließender oder stehender Gewässer.

Größte Feinde: Autofahrer, Angler, übellaunige Landschaftsplaner. Auch runde Fischernetze, in denen die Biber ertrinken. Oder die Bebauung der Fluss-Auen.

Kegelrobbe

Kegelrobbe an der Ostsee.

(Foto: Stefan Sauer/dpa)

Die Kegelrobbe

Warum war sie weg? Sie wurde ausgerottet, weil der Mensch keine Konkurrenz im Fischfang duldete.

Warum ist sie wieder da? Dank internationaler Schutzmaßnahmen in der Ostsee. Außerdem erfolgte eine natürliche Ausbreitung in der Nordsee.

Wofür brauchen wir sie? Weil sie einen mit ihren schönen großen Augen ansieht. Und Gemütlichkeit vorlebt.

Beziehungstyp: Polyamor. Lebt zur Paarungszeit mit vielen Artgenossen in Kolonien zusammen.

Komfortzone: Sandige Küsten mit hochwassersicheren und ruhigen Wurfplätzen.

Größte Feinde: Fischer, Urlauber, Umweltverschmutzer. Immer wieder geraten Tiere in Fischernetze. Mütter verstoßen Jungtiere, weil Spaziergänger ihnen am Strand zu nahe kommen.

© SZ vom 17.03.2018

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