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Tibet:Drei sind keiner zu viel

Kann eine Frau zwei Männer lieben? In Tibet gibt es noch Vielmännerei: Die alte Tradition hat auch ökonomische Gründe - deshalb funktionieren in den Bergen oberhalb des Jangtse Ehen, die sonst nur Stress bedeuten

Rongchalong, im Juli. Achu hat zwei Ehemänner, und das gefällt ihr sehr gut. "So ist das Leben nicht ganz so bitter", sagt die 23-jährige Tibeterin. Mit nur einem Mann auszukommen, das könne sie sich nicht vorstellen. Warum auch? Sie hat nun mal zwei geheiratet, Achun und Yixinimai.

Achu und ihre beiden Ehemänner Achun (links) und Yixinimai vor dem gemeinsamen Haus in Rongchalong.

(Foto: Bork)

Und alle drei sind zufrieden. Die Vielmännerei, bei der eine Frau zwei oder mehr Ehemänner heiratet, war früher in Tibet weit verbreitet. Heute kommt sie nur noch in wenigen, besonders abgelegenen Bergdörfern vor.

Rongchalong heißt das Dorf, in dem Achu und ihre Männer leben. Es krallt sich wie ein Adlernest in einen Felshang oberhalb des reißenden Goldsandflusses, wie der Jangtse an seinem Oberlauf heißt, knapp hundert Kilometer südlich von Batang. Das Dorf gehört gerade noch zur Provinz Sichuan.

Auf der anderen Seite des Flusses beginnt die ,,autonome Provinz Tibet'', wie Peking sie nennt. Zwei Tagesreisen über Bergstraßen, vorbei an schwindelerregenden Abhängen, umgestürzten Überlandbussen und schneebedeckten Siebentausendern trennen das Dorf vom nächstgelegenen Flughafen in Chengdu.

Die beiden Ehemänner sind Brüder. Achun, der ältere, ist 24, Yixinimai ist 19 Jahre alt. Die Tradition schreibt vor, dass Brüder in Rongchalong stets gemeinsam eine Frau heiraten. Mehr als zehn Familien in dem nur 380 Einwohner zählenden Dorf leben in "fraternaler Polyandrie'', wie Völkerkundler diese seltene Form der Gruppenehe nennen.

Die Brüder auf dem Dach

Achuns und Yixinimais Vater hat die Braut ausgewählt, als sie 15 Jahre alt war. Als Achu 17 war, hat man es ihr gesagt. Zunächst war sie entsetzt. "Als ich es hörte, hatte ich nur Angst'', sagt sie. Fünf Monate nach dem Umzug ins Elternhaus ihrer Männer lief sie davon, rannte die hundert Meter den Berg hinauf, zurück zu ihrer Mutter.

Jetzt aber, sechs Jahre später, ist Achu glücklich. "Jetzt finde ich es richtig gut'', sagt sie. Sie schlägt dabei unter ihrem weißen Strohhut verlegen die Augen nieder. Eine Weile lang kaut sie nur noch auf ihrem Kaugummi herum, bevor sie ganz leise weiterspricht. "Wir haben so viel Arbeit, und zwei Männer im Haus sind eine große Hilfe. So geht es uns wirtschaftlich besser als anderen Familien, in denen es nur einen Mann gibt."

Die Eltern wollten es so

Eigentlich aber habe sie sich die Frage nach dem Warum nie gestellt. "Unsere Eltern wollten es so, und es ist wichtig, die Eltern zu respektieren." Auch die beiden Männer nennen die Tradition und finanzielle Gründe, warum sie beide mit einer gemeinsamen Frau zufrieden sind. Wo es zwei Männer gibt, kann schon mal einer als Hilfsarbeiter in die Kreisstadt, um Geld zu verdienen.

Den ganzen Februar über hat Achun in Batang auf dem Bau Zement gemischt. 30 Yuan, rund drei Euro, hat er da pro Tag verdient. "In der Zeit habe ich allein die Kühe gehütet und im Wald das Brennholz geschlagen'', sagt sein Bruder Yixinimai. Ursprünglich ist die Sitte der Vielmännerei wohl ein Relikt aus der tibetischen Feudalzeit, und erklärt sich aus den damaligen Abhängigkeitsverhältnissen.

Fraternale Polyandrie war damals nicht unter den Ärmsten der Armen, den landlosen Bauern oder Nomaden, verbreitet. Sie kam vor allem in der Klasse der ,,Treba'' vor. Das waren landbesitzende, aber dennoch leibeigene Bauern, die ihren Feudalherren ab und zu Frondienste leisten mussten. Dank der Vielmännerei konnte ein männliches Mitglied des Haushalts zur Sklavenarbeit eingezogen werden, ohne dass Frau und Kinder schutzlos zurückblieben.

Auch konnte nach dem Tod des Familienvorstandes die Aufteilung des Grundbesitzes unter den Söhnen - und damit in noch winzigere Parzellen von Gerstenfeldern - vermieden werden. "Wenn jeder von uns eine Frau wollte, dann bräuchten wir jeder ein Haus, Felder, Kühe und Schweine'', sagt Achun.

Der Boden, das Quellwasser und alle anderen Ressourcen sind rar an den Berghängen oberhalb des Goldsandflusses, der sich im Laufe der Jahrtausende eine tiefe, aber nicht sehr breite Schlucht in das tibetische Hochland gegraben hat. Nur zwei "mu'' Land, also gut 1300 Quadratmeter, gehören Achu und ihren zwei Männern am Hang unterhalb ihres Hauses. Dort bauen sie Mais, Gerste und ein wenig Weizen an.

Das "Ehebett'' der drei ist eine Baumwollmatte, die auf dem Dach des dreistöckigen Steinhauses liegt, unter einem Giebelvorsprung. Achu schläft hier alleine, wie es in tibetischen Familien Sitte ist, egal wie viele Ehemänner es gibt. Die Brüder haben jeder ein eigenes Zimmer im zweiten Stock des Hauses. Zum ehelichen Beischlaf besuchen sie ihre Frau.

"Wenn ich Lust habe, steige ich einfach aufs Dach'', sagt Yixinimai. Achun hält es genauso. Die Frage, ob es eine zeitliche Absprache gebe, erregt zunächst nur Stirnrunzeln. Schließlich antwortet Achun: "Für diese halbe Stunde?'' Eifersucht scheint es nicht zu geben, jedenfalls streiten dies alle drei unabhängig voneinander ab. So etwas gebe es unter Brüdern nicht, sagen die Männer.

"Wenn ein dritter Mann käme, wäre das natürlich etwas völlig anderes'', sagt Yixinimai. Seine Augen blitzen dabei gefährlich. Die Männer in diesem Teil Tibets sind für ihren Mut und ihre Kampflust bekannt. Achu selbst fängt bei dieser Frage an zu blinzeln, spielt mit ihrem Pferdeschwanz und sagt kaum noch hörbar: "Ich muss beide gleich behandeln. Sonst könnte es großen Ärger geben.''

Das Kind zweier Väter

Das kann aber nicht ganz einfach sein, denn der Charakter der beiden Brüder könnte kaum unterschiedlicher sein. Achun, der ältere, hat glatte, schwarze Haare, ist kleiner und stämmiger. Er wirkt ruhig, erwachsen, solide. Abends spielt er gerne auf der Erhu, einer zweisaitigen Fidel.

Zwischen ihm und Achu ist es noch nie zum Streit gekommen. Auf die Frage, ob er seine Frau liebt, nickt er stumm, aber mit Nachdruck. Yixinimai, der jüngere, ist einen Kopf größer und schlanker als sein Bruder und auch viel hitzköpfiger. Zwischen ihm und Achu gibt es schon mal Streit. Auf die Frage, ob er seine Frau liebt, nickt er nicht bloß, sondern sagt laut: "Ich liebe sie.''

Die Tochter der Familie ist fünf Jahre alt. Sie heißt Yizhun. Wer ihr biologischer Vater ist, weiß niemand. Es scheint auch niemanden groß zu interessieren. Die Kinder werden erzogen, beide Väter mit dem gleichen Respekt zu behandeln. Oder ihre drei oder vier Väter, wenn sich noch mehr Brüder eine Frau teilen. Als Familienoberhaupt und damit nominell als Vater gilt stets der Älteste der Brüder.

Wie alle anderen tibetischen Frauen in ihrer Gegend darf auch Achu höchstens drei Kinder zur Welt bringen. Die Geburtenkontrollpolitik der kommunistischen Regierung ist für ,,nationale Minderheiten'' seit langem abgeschwächt worden. Auch für die Tibeter gelten großzügigere Regeln als die übliche "Ein-Kind-Politik''.

Und die Vielmännerei wirkt ganz nebenbei als eine Art natürliche Geburtenkontrolle: Wenn sich mehrere Männer eine Frau teilen, werden weniger Kinder geboren, als wenn diese Männer jeweils eine eigene Familie gründeten. Die Dorfbewohner glauben, dass die chinesische Regierung aus diesem Grund die uralte Sitte der Vielmännerei duldet, obwohl sie nicht mit den Heiratsgesetzen der Volksrepublik zu vereinbaren ist.

Allerdings duldet Peking auch die in anderen Gegenden Tibets ebenfalls verbreitete Sitte der Vielweiberei, wo ein meist reicher Mann mehrere Schwestern heiraten kann. Den Kindern des Dorfes scheint es nicht zu schaden, dass sie von mehr als zwei Erwachsenen erzogen werden.

"Wenn ich nicht zwei Väter gehabt hätte, hätte ich wohl nie zur Schule gehen können'', sagt der 20-jährige Adrol aus der Nachbarfamilie. Es hätte nicht für das Schulgeld gereicht. So aber konnte Adrol in Batang zur Mittelschule gehen. Nun ist er der Erste aus dem Dorf, der außerhalb eine gut bezahlte Arbeit gefunden hat.

Er trägt ein sauber gewaschenes weißes Hemd und neue Turnschuhe, und hebt sich damit modisch von den anderen Dörflern deutlich ab. "Ich liebe meine Väter beide'', sagt er. Adrol hat sich in der Kreisstadt selbst eine Freundin gesucht. Er kommt nicht für eine Gruppenehe in Betracht, weil er keinen Bruder hat. Er würde sie aber wohl auch dann ablehnen, wenn er einen Bruder hätte. Die Tradition der Vielmännerei verschwindet nach und nach.

"Alle im Dorf haben heute einen Fernseher und eine Satellitenantenne'', sagt Adrol. "Im Fernsehen laufen ständig romantische Liebesfilme.'' Achu steigt mit einem Bündel Stroh auf dem Rücken die Holzleiter ins Erdgeschoss des Hauses hinab, das als Viehstall dient. Die fünf Kühe, zwei Schweine und der Hirtenhund müssen gefüttert werden.

Dann muss sie Brennholz nachlegen, die Glut unter dem Herd neu entfachen, den Yakbutter-Tee und das Essen für die Familie kochen. Für romantische Gedanken, Eifersüchteleien oder Träume ist hier sicherlich nicht allzu viel Zeit, chinesische Spielfilme hin oder her. Trotzdem - kann eine Frau zwei Männer gleichzeitig lieben? Oder liebt sie einen der beiden Brüder mehr als den anderen?

Achus Gesicht verdunkelt sich bei dieser Frage zum ersten Mal. "Tief in meinem Herzen gibt es solche Gedanken", sagt Achu. "Darüber aber darf ich nie im Leben reden."

© SZ vom 17.7.2007

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