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THW-Chef zu Todesstürmen:"Orkanwarnung gilt auch für Europäer"

Damit Orkane wie Xynthia keine Katastrophen werden, muss ein besseres Warnsystem her - sagt THW-Präsident Broemme.

Katarina Lukac

Das Orkantief Xynthia hat in Westeuropa mehr als 60 Menschen in den Tod gerissen. Allein in Frankreich sind 53 Menschen ums Leben gekommen, viele weitere wurden schwer verletzt. Bis zu 180 Stundenkilometer schnelle Böen rasten auch über Deutschland. Hier starben sieben Menschen. Es entstanden Schäden in Millionenhöhe. Der Präsident des Technischen Hilfswerks (THW) erklärt, wie es zu solchen Opferzahlen kommen kann und fordert eine bessere Koordinierung der Frühwarnsysteme.

sueddeutsche.de: Mehr als 60 Menschen sind mitten in Europa wegen eines angekündigten Orkans ums Leben gekommen. Funktionieren unsere Warnsysteme?

Albrecht Broemme: Die technischen Voraussetzungen sind im Grunde da: Die Wetterdienste machen ihren Job immer präziser und mit immer weniger Fehlern, so dass man eine Unwetterwarnung ernst nehmen kann und muss. Die Medien geben diese schnell weiter. Das Problem ist, dass die Warnungen in den Köpfen der Menschen nicht immer ankommen.

Die Besonderheit von Xynthia war, dass sich der Sturm innerhalb von nur einem Tag zum Orkan entwickelte. Beim Orkan Kyrill vor drei Jahren hatten wir fast drei Tage Vorlauf, damals konnten die Warnungen sogar noch in der Zeitung gedruckt werden. Diesmal zeichnete sich am Samstagnachmittag erstmals ein möglicher Orkan ab, am Abend war klar, dass er kommen würde und noch Samstagnacht gab der Deutsche Wetterdienst seine Warnung heraus. Die Medien haben richtig reagiert, viele Menschen aber nicht.

sueddeutsche.de: Die Leute begeben sich absichtlich in Gefahr?

Broemme: Wir müssen der Bevölkerung klarmachen: Wir leben in einem sicheren Europa, aber auch Naturgewalten können uns den Garaus machen. Wir geben uns alle Mühe, dass es keinen Fehlalarm gibt. Wenn aber tatsächlich eine Warnung herausgegeben wird, müssen die Menschen eben zu Hause bleiben. Bei einer Orkanwarnung geht man nicht joggen.

sueddeutsche.de: Wie könnte man das Warnsystem verbessern?

Broemme: Die Sturmwarnungen müssen international besser koordiniert werden, so dass jeder Europäer weiß, was in so einem Moment zu tun ist. Ein gutes Beispiel ist Madeira. Die Menschen im Tal haben sich erst in dem Moment, als die Überschwemmung kam, überlegt, was zu tun ist: Wegrennen? Oder links und rechts vom Tal den Berg hochrennen? Wenn man das nie vorher gemacht hat, wird es einem im Notfall nicht einfallen. Da ist man ja wie gelähmt.

sueddeutsche.de: Sind solche Katastrophen überhaupt planbar?

Broemme: Durchaus, das sieht man am Beispiel der USA. Dort hat man regelmäßig die Hurrikans, die früher - bis auf Ausnahmen wie Katrina - viel mehr Todesopfer gefordert haben. Es wurden Bunker gebaut und Rettungswege geplant, die vor allem richtig beschildert sind. Jeder Amerikaner weiß: Wenn die Sirene heult, muss evakuiert werden - ohne zu fragen, weshalb und ob man nicht doch zu Hause bleiben kann. Dahinter steckt Informationsarbeit, da wurde nicht nur ein System hingestellt, sondern ein großer organisatorischer Aufwand betrieben - bis hin zu Schildern, auf denen die Rettungswege aufgezeichnet sind. Die Amerikaner steigen in so einer Situation ins Auto und fahren auf festgelegten Routen aus der Gefahrenzone. Letztlich ist das eine politische Frage, ob man ein europäisches Warnsystem einrichten will. Die gemeinsame europäische Notrufnummer 112 geht in die richtige Richtung.

sueddeutsche.de: Ist die Politik bereit für die Einführung eines solchen Systems?

Broemme: Dass die Alarmbereitschaft der Bevölkerung verbessert weden muss, ist ein anerkanntes Problem. Die Politik will dies auch lösen - nur darf es nicht zu viel Geld kosten. Da sind in Brüssel auch sehr schnell Lobbyisten am Start, die den Politikern die angeblich besten Sirenen und Ähnliches verkaufen wollen. Das ist aber der falsche Ansatz. Nur ein vernetztes System mit verschiedenen technischen Möglichkeiten kann eine Lösung sein. Im Notfall SMS an die Bevölkerung zu verschicken ist schön und gut, aber meine Mutter zum Beispiel ist 90 Jahre alt und hat kein Handy. Per SMS würde ich sie nie erreichen - da muss jemand bei ihr zu Hause anrufen, oder der Nachbar muss klingeln. So einfach das klingt: Das muss erst organisiert werden.

sueddeutsche.de: Warum merken die Menschen nicht von alleine, dass sie bei einem Sturm daheim bleiben müssen?

Broemme: Früher hatten die Menschen Barometer vor dem Haus und wussten, wenn es stark fällt, passiert bald etwas. Heute ist das Interesse an der Natur selbst für viele Menschen auf dem Land erschreckend gering. Unsere Vorfahren hatten bessere eigene "Antennen". In Mecklenburg-Vorpommern haben wir bei einem Schneesturm Autofahrer befragt, weshalb sie sich trotz der Warnungen überhaupt auf den Weg gemacht hatten. Es stellte sich heraus, dass die Hälfte nicht wirklich reisen musste an diesem Tag. Die zweite Hälfte schob Vorwände vor wie den Geburtstag der Tante. Die große Herausforderung ist, einem Mitteleuropäer klarzumachen, dass es Naturunglücke gibt, die selbst ihn dazu zwingen, sein geplantes Verhalten zu ändern.

sueddeutsche.de: Wie reagieren diese Menschen, wenn Ihre Mitarbeiter eintreffen?

Broemme: Alle sind dankbar. Manche geben zu, dass es eine blöde Idee war, sich auf den Weg zu machen. Manchmal gibt es auch welche, die sich beschweren, dass der Kaffee nicht früher gebracht wurde. Aber im Allgemeinen ist schon ein Lerneffekt da.

© sueddeutsche.de/bgr
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