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Reemtsma-Entführer:Das vorläufige Ende einer kriminellen Weltreise

25. Jahrestag Entführung des Millionärs Reemtsma

Auslieferung, die Erste: Im Juli 2000 wurde Thomas Drach von Argentinien nach Deutschland gebracht und wegen der Reemtsma-Entführung zu 14 Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Nun sitzt er abermals in Untersuchungshaft.

(Foto: Carsten Rehder/dpa)

Thomas Drach, Drahtzieher der Reemtsma-Entführung vor 25 Jahren, wird von den Niederlanden nach Deutschland ausgeliefert. Wegen dreier Raubüberfälle soll ihm der Prozess gemacht werden.

Von Peter Burghardt, Hamburg

Nun wird der Mann, der Jan Philipp Reemtsma entführt hatte, also wieder nach Deutschland zurückkehren. Diesmal in die rheinische Heimat, wo sein Leben vor 60 Jahren begann und seine Verbrecherkarriere ihren Lauf nahm. Am Dienstagnachmittag gab die Amsterdamer Justiz wie erwartet bekannt, dass sie Thomas Drach ausliefert, es gab offenbar keine Einwände. Er wird aus der niederländischen Untersuchungshaft in die deutsche Untersuchungshaft überstellt, offenbar in den Kölner Nordwesten.

Ende Februar dieses Jahres war Drach in den Niederlanden festgenommen worden. Ermittler haben den starken Verdacht, dass er 2018 und 2019 Geldtransporter sowie eine Ikea-Filiale in Köln und Frankfurt überfallen und dabei zwei Wachleute angeschossen hat. Die Kölner Staatsanwaltschaft beantragte die Auslieferung, dem gab die Justiz in Amsterdam jetzt, zehn Wochen später, statt.

So wird Thomas Drach bald in einer Zelle sein, die seiner Geburtsstadt recht nahe liegt. 1961 kam er in Erftstadt zur Welt, eine halbe Autostunde südwestlich von Köln. Von dort bis in die JVA Ossendorf, wo er in Untersuchungshaft auf seinen nächsten Prozess warten wird, war es allerdings ein weiter Weg. Drachs kriminelle Tour führte über Hamburg, Venezuela, Uruguay, Argentinien, Ibiza, das Rheinland und die Niederlande.

Reemtsma hatte gewarnt: Drach ist noch immer gefährlich

"Ich hab's gesagt, so wird es kommen", sagte Jan Philipp Reemtsma in einem Interview, nachdem die Nachricht von Drachs neuerlicher Verhaftung die Runde gemacht hatte. Er hatte geahnt, wie gefährlich Drach in all den Jahren geblieben war.

33 Tage lang hatte der Entführer den Soziologen, Publizisten und Millionenerbe vor einem Vierteljahrhundert in einem Kellerverlies festgehalten. Am 25. März 1996 wurde Reemtsma auf seinem Grundstück in Hamburg-Blankenese verschleppt, am 26. April 1996 kam er frei. Die Entführer erpressten 15 Millionen Mark und 12,5 Millionen Schweizer Franken.

Rädelsführer Drach flüchtete nach Südamerika, bewohnte unter falschem Namen eine teure Luxusvilla im uruguayischen Jetset-Badeort Punta del Este und wurde von Zielfahndern im März 1998 in einem Hotel in Buenos Aires gestellt, als er ein Konzert der Rolling Stones besuchen wollte. Im Juli 2000 überstellte ihn Argentinien an Deutschland, in Hamburg wurde er zu 14 Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Jan Philipp Reemtsma hatte als Nebenkläger mit seinem Anwalt vergeblich Sicherungsverwahrung gefordert, im Oktober 2013 wurde Drach entlassen. Er zog zu einem Kumpanen auf die Balearen, der Spiegel berichtete von mutmaßlichen Kontakten zu Drogenhändlern, die in großem Stil mit Kokain dealten.

Rätsel um das Lösegeld

Bei den Überfällen in der Gegend von Köln und Frankfurt, an denen Drach beteiligt gewesen sein soll, ging es um vergleichsweise kleine Summen. Mal sollen ein paar hundert, mal knapp 60 000 Euro erbeutet worden sein. Doch Drach soll Schusswaffen benutzt und Wachpersonal schwer verletzt haben, ein Komplize wurde unterdessen ebenfalls in den Niederlanden verhaftet.

Was ist mit dem Vermögen aus der Reemtsma-Entführung passiert? Zuletzt wurden vor acht Jahren ungefähr 460 000 Euro in einem Schließfach in Uruguay gefunden. Der Rest, so hieß es, sei verprasst worden oder für Helfer und Geldwäsche draufgegangen, doch ganz sicher scheint das nicht zu sein. Jedenfalls: "Er hat dieses Lösegeld offensichtlich nicht mehr, er muss weitere Verbrechen begehen", vermutete Jan Philipp Reemtsma. "Und er wird immer älter und ungeduldiger und gefährlicher." Bald wird wieder ein Fall Drach vor Gericht verhandelt.

© SZ/nas
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