Prozess in Köln:Einer der gefährlichsten Verbrecher Deutschlands

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Prozess in Köln: Thomas Drach bei seiner Ankunft im Kölner Landgericht. Er ist unter anderem wegen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung und schweren Raubes angeklagt.

Thomas Drach bei seiner Ankunft im Kölner Landgericht. Er ist unter anderem wegen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung und schweren Raubes angeklagt.

(Foto: Alexander Franz/dpa)

Thomas Drach, der vor 26 Jahren Jan Philipp Reemtsma entführte, steht erneut vor Gericht, wegen mehrerer Raubüberfälle auf Geldtransporter. Zu den Vorwürfen schweigt er, aber sein Auftritt spricht Bände.

Von Peter Burghardt, Köln

"Drach ist im Haus", sagt der Gerichtssprecher am Dienstag um kurz vor zehn, als es schon längst hätte losgehen sollen. Das ist beruhigend, nur beginnen kann der Prozess in diesem Moment noch nicht. Am Morgen wurde Thomas Drach aus der JVA Ossendorf zum Kölner Justizzentrum gefahren, in einer von drei dunklen Limousinen mit Blaulicht. Auf seine Anreise im Hubschrauber hatte die Polizei dann doch verzichtet, es war ja nicht weit. Aber ein paar Straßen in der Umgebung wurden sicherheitshalber gesperrt, und auch sonst ist beim Start der Strafsache Drach manches etwas kompliziert.

Der Pulk von Reportern und ein paar weitere Zuschauer müssen zwei gründliche Kontrollen über sich ergehen lassen, ehe sie das erste Stockwerk des Landgerichts Köln erreichen. Drach hatte vor einem Vierteljahrhundert den Hamburger Mäzen, Philologen und Sozialwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma 33 Tage lang in ein Verlies gesperrt und mehr als 30 Millionen Mark erpresst, er gilt seitdem als einer der gefährlichsten Verbrecher Deutschlands. Diesmal soll er vier Geldtransporter überfallen und zwei Menschen angeschossen haben. Weil die Gefahr besteht, dass er fliehen oder befreit werden könnte, wird das Verfahren gut bewacht.

Plötzlich steht der Angeklagte im Saal 112, aber da sind Publikum, Berichterstatter und Gericht noch nicht bereit. SEK-Beamte führen ihn wieder hinaus. Dann, es ist bereits nach halb elf, klopft es an der Tür, hereinkommt ein kräftiger, etwas untersetzter Mann mit Halbglatze, graumelierten Schläfen und Bart, sofern man den hinter der Maske erkennen kann. Kameras klicken. Thomas Drach ist inzwischen 61 Jahre alt, nun dürften ihm weitere lange Jahre im Gefängnis bevorstehen, vielleicht kommt er gar nicht mehr frei.

Der mutmaßliche Komplize verlangt nach einer Kopfschmerztablette

Bevor die Verhandlung in dem stickigen Raum wirklich anfangen kann, verlangt Drachs mutmaßlicher Komplize W. über seinen Anwalt eine Kopfschmerztablette. W. ist Niederländer, Anfang fünfzig. Es wird unterbrochen, bis die Kopfwehtablette wirkt, dann werden mit zweistündiger Verzögerung die Personalien geprüft. Vorneweg also Thomas Drach, geboren 1960 in Köln, Deutscher, ledig, ohne festen Wohnsitz. Seine aktuelle Adresse ist seit seiner Auslieferung aus Amsterdam nach seiner Festnahme vor fast einem Jahr die Kölner Haftanstalt. Zu den Vorwürfen schweigt Drach - aber er erhebt doch die Stimme: "Ich will Strafantrag gegen die Staatsanwältin stellen, wegen Urkundenfälschung", sagt er mit rheinischem Ton, ihm missfällt offenbar die Übersetzung eines Rechtshilfeersuchens. Drach klingt kurz, als sei er der Ankläger.

Das erinnert an seine Krawallauftritte beim Hamburger Prozess nach der Reemtsma-Entführung 2000/2001, bevor er zu 14 Jahren und sechs Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Der Vorsitzende der Kammer bleibt ruhig und verschiebt diesen und andere Anträge nach hinten. Der 59 Jahre alte Jörg Michael Bern ist seit 29 Jahren Richter, er hatte unter anderem ein ebenfalls medienträchtiges Verfahren wegen einer Schießereien unter Rockern in Köln und unter Beteiligung von SEK-Leuten geleitet. Einen Profi wie ihn wird man im Fall Drach in diesen Monaten brauchen.

Schließlich verliest die Staatsanwältin Anja Heimig die Anklageschrift. Drach werden für die Zeit zwischen Frühjahr 2018 und Herbst 2019 unter anderem versuchter Mord, gefährliche Körperverletzung und Verstöße gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz zur Last gelegt sowie ihm und dem mutmaßlichen Mittäter W. schwerer Raub.

Er schoss dem Geldboten ins Bein, der Mann musste notoperiert werden

"Waffe her, Geld her", soll er den Ermittlern zufolge im März 2018 einem Geldtransportmitarbeiter vor einer Kölner Ikea-Filiale entgegengerufen und ihm eine AK-47 vors Gesicht gehalten haben, der dachte erst an einen Scherz. Drach und sein Helfer verschwanden mit der Geldkassette, darin 76 175 Euro. "Sie sollten diesen kleinen Koffer runternehmen und sich hinlegen", befahl Drach laut Anklageschrift im März 2019 einem Geldtransporteur am Flughafen Köln-Bonn. Dann schoss er ihm ins rechte Bein und verletzte ihn schwer, der Angreifer und sein Gehilfe nahmen 400 Euro in Münzen mit. "Hände hoch, Geld, Geld, Geld", rief Drach im November 2019 vor einem Frankfurter Ikea und riss 58 600 Euro an sich. Ein Schuss des Geldboten verfehlte Drach, der jagte ihm eine Kugel in den Oberschenkel, der Getroffene verlor viel Blut und musste notoperiert werden. Ein Teil des Projektils blieb in der hinteren Tür eines vorbeifahrenden Autos stecken, auf der Rückbank saß ein zwölfjähriger Junge. Im September 2018 in Limburg soll Drach 89 850 Euro erbeutet haben. Stets flüchteten die Männer mit gestohlenen Fahrzeugen, die sie anschließend in Brand setzten. Zurückblieben traumatisierte, zum Teil bis heute arbeitsunfähige Opfer, so die Staatsanwaltschaft.

Sie erkennt bei Drach einen "Hang zu schweren Straftaten" und hält Sicherungsverwahrung für angebracht. 53 Prozesstage sind angesetzt, am ersten klingelt dann noch das Handy eines Anwalts, man hört die Melodie vom "Tatort", also dem aus dem Fernsehen.

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