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Theater in Schweden:"Auch Babys wollen Kunst erleben"

In Schweden läuft erfolgreich das Theaterstück "Babydrama", eine Inszenierung speziell für Säuglinge. Die sind von der Vorführung begeistert.

Theater für Babys macht in Schweden Furore. Kristina Richter (24), Studentin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, schreibt ihre Magisterarbeit über dieses weltweit einzigartige Projekt. Ihr Beitrag "Babydrama in Schweden" wird am Freitag in der Sendung Notizbuch (10.05 Uhr bis 12 Uhr) auf Bayern2Radio ausgestrahlt.

Theater für Babys

(Foto: Foto: oh)

sueddeutsche.de: Wie läuft eine Vorstellung ab?

Kristina Richter: Da kommt es erstmal zu einem kurzem Versteckspiel hinter einem Vorhang. Im Theaterraum sitzen die Babys auf dem Schoß ihrer Eltern - von da aus sehen sie auf die Bühne.

Das Stück lebt von viel Gesang, Reimen, Wortspielen. Es ist ein sinnliches Erlebnis. Die professionellen Schauspieler machen akrobatische Kunststücke, tanzen, nutzen den ganzen Raum.

Im Bühnenbild und bei den Kostümen dominieren die Farben rot, schwarz und weiß. Auf diese Kontraste reagieren Babys besonders gut.

sueddeutsche.de: Wer hatte die Idee zum Babydrama?

Richter: Die Regisseurin Suzanne Osten, sie ist in Schweden sehr bekannt. Seit über 30 Jahren leitet sie das Kinder- und Jugendtheater Unga Klara in Stockholm. Sie ist aber auch Film- und Theaterregisseurin und Professorin im Fach Regie am Dramatiska Institutet in Stockholm.

Suzanne Osten beauftragte Ann-Sofie Bárány, eine Kinderpsychoanalytikerin, den Theatertext zu schreiben. Das Theater, in dem Babydrama aufgeführt wird, gehört übrigens zum Stockholmer Stadsteater, das von der Stadt Stockholm und vom schwedischen Staat gefördert wird.

sueddeutsche.de: Ist Babydrama nicht einfach ein Gag, um die Eltern ins Theater zu locken?

Richter: Nein, das ist absolut ernst gemeint. Die Regisseurin steht vollkommen hinter ihrer Idee. Sie fordert, dass Babys in der Gesellschaft ernst genommen werden.

Osten sagt: Babys sind kompetenter als man glaubt - sie haben ein Bedürfnis, Kunst zu erleben. Die Eltern sind einfach die Begleiter, die ihren Kindern das bestmöglichste Theatererlebnis bieten - und ebenfalls die Erkenntnis haben sollen, dass ihre Kinder denken können, wie Osten sagt.

sueddeutsche.de: Sollen die Babys dabei auch etwas lernen?

Richter: Nein, ein didaktisches Ziel haben die Theatermacher nicht. In dem Stück geht es um die Zeugung, Schwangerschaft und Geburt, also ein eher ungewöhnliches Thema für ein Theaterstück.

Es macht auch Erwachsenen Spaß, da zuzuschauen. Viele Eltern sind gespannt, ob sich ihre Babys mehr als eine Stunde auf das Geschehen konzentrieren können.

sueddeutsche.de: Und wie reagieren die Babys?

Richter: Denen gefällt es. Viele sind richtig begeistert: Sie lachen, brabbeln und wollen am liebsten selber auf die Bühne krabbeln.

Besonders angetan sind sie von den Schaukeln im Theaterraum, auf denen sie während der Vorstellung auf und ab hüpfen können. Schlafende Babys hab ich nur im Foyer gesehen, bevor die Vorstellung anfängt. Wenn es losgeht, sind fast alle hellwach.

Ich habe mich mit Eltern unterhalten, die die Vorstellung schon öfter gesehen hatten. Viele meinten, dass die Babys nach der Vorstellung immer total müde sind.

Das wundert mich bei den vielen Reizen nicht. Natürlich gibt es auch mal ein Baby, das anfängt zu schreien.

sueddeutsche.de: Und wenn das Geschrei zu laut wird?

Richter: Das hab ich in den fünf Wochen, in denen ich das Spektakel beobachtet habe, nicht einmal erlebt. Ganz erstaunlich. Es gibt auch eine Szene mit Masken - wo sich viele Erwachsene nach ihren eigenen Aussagen etwas beängstigt fühlten - den Säuglingen dagegen hat es gefallen.

sueddeutsche.de: Wie sind Sie auf das Thema Ihrer Magisterarbeit gestoßen?

Richter: Ich habe ein halbes Jahr als Austausch-Studentin in Stockholm studiert, in der Zeit hatte die Vorstellung Premiere. Ich konnte mir unter Babydrama nichts vorstellen und wurde neugierig.

Beugen sich die Schauspieler etwa über Kinderwagen und ziehen Grimassen, hab' ich mich gefragt. Und kriegen die Babys überhaupt etwas von dem Bühnengeschehen mit?

Schließlich hab ich die Vorstellung besucht - das geht auch ohne Baby - und war erstmal total überrascht. Ich hätte nicht erwartet, dass auf der Bühne soviel gesprochen wird, dass es tatsächlich einen Text zu der Vorstellung gibt.

Und wie die Babys da mit so langen Giraffen-Hälsen auf dem Schoß ihrer Eltern saßen, war schon ein Erlebnis. Mit dem Thema wollte ich mich gerne länger beschäftigen und habe deshalb Interviews mit den Beteiligten der Produktion und den Eltern geführt. . sueddeutsche.de: Gibt es schon Nachahmer, vielleicht in Deutschland?

Richter: Nein, nicht das ich wüsste. Aber die Deutschen bekommen ja auch nicht so viele Babys wie die Schweden.

Das könnte sich mit so einer Aufführung in Deutschland aber ändern. Ein Radioreporter in Schweden hat mal gesagt: "Dieses Stück ist ein Grund, Kinder zu zeugen."

© sueddeutsche.de

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Babytheater in Schweden

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