Thalys-Attentäter Radikalisiert im Gefängnis

Die Hinweise auf einen islamistischen Hintergrund des Angreifers im Thalys-Zug verdichten sich. Er ist offenbar im Gefängnis unter den Einfluss von Dschihadisten geraten.

Von Christian Wernicke, Paris

Nach der vereitelten Attacke auf die Passagiere eines Thalys-Schnellzuges hat die Pariser Staatsanwaltschaft am Dienstag ein Strafverfahren wegen Mordversuchs und Terrorismus gegen den mutmaßlichen Täter Ayoub el-Khazzani eingeleitet. Zugleich wurden zusätzliche Details über den Lebenslauf des 25 Jahre alten Marokkaners und den Hergang der Tat bekannt. Der Mann war 2007 im Alter von knapp 18 Jahren nach Europa gekommen und hatte dort zusammen mit seinen Eltern im südspanischen Algeciras gelebt, ehe er 2014 nach Frankreich abwanderte.

Staatsanwalt François Molins bestätigte am Dienstag vor der Presse den Tatverlauf. Demnach hat Ayoub el-Khazzani am Abend des vergangenen Freitags auf der Fahrt von Brüssel nach Paris ein Sturmgewehr hervorgeholt und geschossen, ehe mehrere Passagiere ihn überwältigten. Der Staatsanwalt zählte das martialische Waffenarsenal auf: Neben einer Kalaschnikow ("Kaliber 7.62, ostdeutscher Herkunft") trug der mutmaßliche Attentäter neun Magazine mit je 30 Schuss Munition bei sich, ebenso eine automatische Pistole vom Typ Luger M80 mit einem Magazin. Plus eine Flasche mit einem halben Liter Benzin. Die Ermittlungen ergaben zudem, dass der Täter, der zuletzt als Obdachloser in Brüssel gelebt haben will, am Freitagnachmittag ein Erste-Klasse-Ticket für 149 Euro gekauft hatte. Im Zug sah er sich dann auf seinem Handy offenbar ein Video mit dschihadistischen Gesängen an. Das Handy soll el-Khazzani erst wenige Stunden vor der Tat aktiviert haben. Ermittler deuten dies als eine für Terroristen typische Vorgehensweise. Molins verwies auch auf das "entschlossene" Vorgehen des Mannes, der bei dem Angriff alle Waffen gezogen hatte. Spanische wie französische Medien berichten, Ayoub el-Khazzanis habe in seiner Jugend in Algericas "nichts Auffälliges" an sich gehabt. Der Vater des jungen Mannes sagte der französischen Zeitung Libération, sein Sohn sei "zu dem Zeitpunkt, als er Algeciras verließ und nach Frankreich ging, nicht radikalisiert gewesen". Auch in der Moschee in Algeciras, die der mutmaßliche Thalys-Attentäter damals regelmäßig besuchte, wollen laut Le Monde Gemeindemitglieder keine extremistischen Äußerungen vernommen haben. Allerdings soll die Moschee seit Jahren unter dem Einfluss von Salafisten gestanden haben. Der Bruder des verhinderten Attentäters soll im Vorstand des Trägervereins der Moschee tätig gewesen sein. Der Fernsehsender BFM-TV will aus Ermittlerkreisen zudem erfahren haben, dass die Radikalisierung von el-Khazzani bereits 2012 begonnen habe, als dieser in der spanischen Exklave Ceuta wegen Drogenhandels im Gefängnis gesessen habe und dort unter Einfluss von Islamisten geraten sei.

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Staatsanwalt Molins bestätigte am Dienstag, el-Khazzani habe 2014 "zwischen fünf und sieben Monate lang" in Aubervilliers gelebt, einem Vorort im ärmlichen Norden von Paris, wo viele Menschen arabischer Herkunft leben. El-Khazzani arbeitete im benachbarten Vorort Saint-Denis für den Mobiltelefonbetreiber Lycamobile und versuchte, neue Kunden zu werben. Nach Aussagen früherer Kollegen leistete der spätere Täter, der fließend Arabisch, aber nur gebrochen Französisch spricht, "sehr gute Arbeit". Sein auf drei Monate befristeter Vertrag endete verfrüht Anfang April 2014, als der Arbeitgeber feststellte, dass el-Khazzani keine Arbeitserlaubnis hatte.

Angriff zumindest "nicht spontan" gewesen

Offenbar verfolgen die französischen Anti-Terror-Spezialisten mit großer Energie Spuren von mutmaßlichen Komplizen. Dazu werten sie auch ein Facebook-Konto aus, das auf den Namen des Marokkaners registriert war und kurz vor der Tat geschlossen worden sein soll. Besonders interessierten sich die Ermittler für eine Reise des Mannes in die Türkei - es besteht der Verdacht, dass er von dort aus in das Bürgerkriegsland Syrien reiste, das in Teilen von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) kontrolliert wird. El-Khazzani hat im Verhör bestritten, Hintermänner gehabt zu haben. Seine Anwältin sagte am Wochenende, ihr Mandant habe lediglich einen Raubüberfall auf die Zugpassagiere geplant, mit seinen Waffen habe er nur drohen wollen.

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