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Terrorverdacht in Chemnitz:Al-Bakr war dieses Jahr offenbar monatelang in der Türkei

Ob der Terrorverdächtige auch nach Syrien gereist ist, ist bislang unklar. Einer der drei Syrer, die ihn in Leipzig überwältigt haben, erzählt, wie al-Bakr versuchte, sie zu bestechen.

Am Sonntag, einen Tag nach seiner Flucht aus Chemnitz, weiß niemand, ob der bundesweit zur Fahndung ausgeschriebene Terrorverdächtige Dschaber al-Bakr bewaffnet ist oder Sprengstoff bei sich hat. Doch es sind keine monatelang ausgebildeten GSG-9-Leute mit Sturmhauben und Schnellfeuerwaffen, die ihn festsetzen. Sondern es sind drei Männer aus Syrien, die al-Bakr offenbar mit bloßen Händen überwältigen, ihn festhalten und anschließend mit Kabeln gefesselt der Polizei übergeben.

Jetzt muss sich die sächsische Polizei fragen lassen, warum sie den seit Wochen Beobachteten zunächst entwischen ließ. Die drei Landsleute von al-Bakr dagegen scheinen alles richtig gemacht zu haben. Auf Anfrage verschiedener Medien haben sie Einzelheiten über die Aktion erzählt.

Schon am Samstag - dem Tag des Polizeizugriffs auf seine Wohnung in Chemnitz - habe sich der 22-jährige al-Bakr in einem Online-Netzwerk syrischer Flüchtlinge nach einem Schlafplatz in Leipzig erkundigt, berichtet Mohammed A. der Bild-Zeitung. Al-Bakr habe geschrieben, er suche dringend eine Unterkunft und befinde sich am Leipziger Hauptbahnhof. "Wir sind dann hingefahren und haben ihn mitgenommen. Wir waren erst bei einem Freund in dessen Wohnung, haben dort Reis mit Lammfleisch gegessen. Dann sind wir zu einem anderen Kumpel gefahren, weil es dort mehr Platz gab. Dort hat der Terrorist übernachtet", zitierte das Blatt den 36-jährigen A. Am Sonntag habe er al-Bakr dann auf dessen Wunsch die Haare abgeschnitten.

Im Laufe des Tages sahen Mohammed A. und ein Freund den Schilderungen zufolge auf Facebook Fahndungsaufrufe. Al-Bakr habe ihnen erzählt, er sei gerade erst aus Syrien angekommen und habe in Leipzig Aussicht auf einen Arbeitsplatz. Doch man habe ihm nicht mehr geglaubt.

Als al-Bakr sich am Sonntagabend wieder schlafen gelegt habe, hätten sie ein Foto von ihm auf Facebook gepostet und mit anderen Syrern diskutiert, ob er der gesuchte Terrorist sei. Dann hätten sie ihn mit mehreren Verlängerungskabeln gefesselt.

Al-Bakr bot den drei Männern Geld, damit sie ihn freilassen

Dem Fernsehsender RTL erzählte Mohammed A., al-Bakr habe dann versucht, seine Freilassung zu erkaufen. "Er hat versucht, uns mit Geld zu bestechen", sagte der Syrer. "Wir haben ihm gesagt, du kannst uns so viel Geld geben wie du willst, wir lassen dich nicht frei", sagte Mohammed A. in dem Interview, bei dem er nur von hinten gezeigt wurde. Er sei "total wütend" auf al-Bakr gewesen. "So was akzeptiere ich nicht, gerade hier in Deutschland, dem Land, das uns die Türen geöffnet hat", fügte der Syrer hinzu.

Sein Anruf bei der Polizei sei zunächst erfolglos geblieben, weil er zu wenig Deutsch kann. Daraufhin sei er kurz vor Mitternacht mit einem Foto von al-Bakr zu einem Polizeirevier gefahren, während die beiden anderen Männer den Gefesselten bewacht hätten. Mohammed A. habe den Beamten gesagt, dass sie doch bitte in ihre Wohnung kommen sollten, berichtete später der Präsident des sächsischen Landeskriminalamts, Jörg Michaelis, "was wir auch unverzüglich getan haben".

Verdächtiger war im Sommer monatelang in der Türkei

Einem Medienbericht zufolge hat al-Bakr sich in diesem Jahr monatelang in der Türkei aufgehalten. Er habe Deutschland wohl bereits im Frühjahr verlassen, berichtet die Welt unter Berufung auf Ermittlerkreise. Erst Ende August soll der mutmaßliche Extremist, der den Ermittlungen zufolge IS-Kontakte hatte, wieder nach Deutschland zurückgereist sein. Anschließend habe der Syrer nach einer Wohnung in Sachsen gesucht.

Dem Bericht zufolge soll er dabei andere Asylbewerber um Hilfe gebeten haben, die allerdings misstrauisch wurden. Al-Bakr habe über auffällig viel Bargeld in US-Dollar verfügt und betont, er wolle eine Wohnung für sich alleine. Die Ermittler gehen derzeit offenbar der Frage nach, was al-Bakr während seines Türkei-Aufenthalts genau machte. Unklar sei beispielsweise, ob er nicht vielleicht auch nach Syrien reiste und sich dort in einem Ausbildungslager für Terroristen schulen ließ.

Frühere Nachbarn haben inzwischen ausgesagt, dass der Verdächtige offenbar vor seiner Festnahme in seine alte Wohnung in Eilenburg bei Leipzig gelangen wollte. Dort lebte er dem sächischen Innenministerium zufolge seit März 2015. Wie die Leipziger Volkszeitung berichtet, kam er einer Nachbarin zufolge am Samstagabend nicht hinein, weil das Türschloss ausgetauscht worden war. Er müsse einen Begleiter gehabt haben, da sie leises Getuschel im Treppenhaus wahrgenommen habe, so die Frau, die mit ihrem Lebensgefährten in dem Haus lebt. Eine weitere Nachbarin berichtete der Zeitung, dass der eher ruhige Hausbewohner vor etwa einem Jahr mit Rucksack und zwei Taschen bepackt ausgezogen war.

© SZ.de/dpa/ewid/kjan/anri/olkl

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