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Chronologie der Terrorserie:Stationen der Angst

Am Anfang stand der rätselhafte Mord an einem Soldaten in Zivil, am Ende ein Land in Terrorangst auf der Jagd nach einem unbekannten Serientäter. Morde, Trauer und die Belagerung eines Wohnhauses in Toulouse folgten, wo sich der mutmaßliche Attentäter verschanzt hat: Die wichtigsten Stationen der Terrorserie von Toulouse im Überblick.

Mohammed Merah, ein 23-jähriger Franzose algerischer Herkunft, der behauptet, Verbindungen zur islamistischen Terrororganisation al-Qaida zu haben: Nach Wochen alarmierter Fahndung hat der Attentäter, der Frankreich in Angst und Schockstarre versetzt hatte, erstmals ein Gesicht. Er soll vier Erwachsene und drei Kinder getötet haben, wahllos, wie es zunächst schien. Die wichtigsten Stationen des Falls im Überblick.

[] Am 11. März wird in Toulouse auf offener Straße ein Soldat in Zivil erschossen, er ist maghrebinischer Herkunft. Noch handelt es sich um einen rätselhaften Einzelfall, der keine übermäßige Aufmerksamkeit erfährt.

[] Nur vier Tage später liegen in Montauban, einem Städtchen 50 Kilometer nördlich von Toulouse, zwei Fallschirmjäger tot auf der Straße. Erschossen. Ein dritter Soldat wird schwer verletzt. Die Männer sind nordafrikanischer und karibischer Herkunft. Rasch stellen die Ermittler einen Zusammenhang zu der Tat vom Sonntag her. "Es besteht eine unbestreitbare Verbindung", sagt der zuständige Staatsanwalt Michel Valet: In beiden Fällen war der Mann auf einem Motorroller unterwegs, die Schüsse wurden aus der gleichen Waffe abgegeben. Medien berichten, der Täter sei kaltblütig an seine Opfer herangetreten und habe aus nächster Nähe mehrmals auf sie geschossen. Zum ersten Mal fällt auch das Wort Terrorakt.

[] Eine jüdische Schule in einem ruhigen Wohngebiet von Toulouse, kurz vor Schulbeginn am 19. März. Ein Mann mit Motorradhelm fährt auf einem Roller vor, eröffnet das Feuer. Ein Religionslehrer, seine zwei kleinen Kinder und ein siebenjähriges Mädchen sterben. Ein 17 Jahre alter Teenager wird schwer verletzt. Der Schütze entkommt.

[] Im Laufe des Tages wird bekannt, dass es sich wahrscheinlich um den gleichen Täter wie bei den Soldatenmorden handelt. Doch außer der Waffe, die er benutzte, und dem Typ Motorroller, den er fuhr, wissen die Ermittler nichts über ihn. Zwar gibt es Aufnahmen einer Überwachungskamera der Schule, doch das Gesicht des Täters lässt sich darauf nicht erkennen. Frankreich steht unter Schock.

[] "Terrorakt" ist keine These unter vielen mehr, sondern Realität: Zum ersten Mal in der Geschichte ruft Präsident Nicolas Sarkozy die Terrorwarnstufe "écarlate" aus, scharlachrot, die höchste Alarmstufe des nationalen Antiterrorplans "Vigipirate". Der Plan ermöglicht den kombinierten Einsatz von Polizei und Militär in gefährdeten Gebieten, in diesem Fall: in Toulouse.

[] Wenige Wochen vor der Präsidentschaftswahl beteuern die Hauptkontrahenten, der amtierende Staatschef Nicolas Sarkozy und sein sozialistischer Herausforderer François Hollande öffentlich, den Wahlkampf vorerst ruhen zu lassen. Doch ist dieser pietätvolle Waffenstillstand nur ein vordergründiger. Nur einen Tag nach der Bluttat von Toulouse beginnen die Sticheleien erneut, nutzen beide Männer die Gedenkveranstaltungen zu Ehren der getöteten Kinder, um sich als sorgender Landesvater zu präsentieren.

[] Wer ist der unheimliche Unbekannte? Ermittler wie Medien stellen Spekulationen um Identität und mögliche Motive des Mannes an. Seine Taten waren detailliert geplant, sein Vorgehen laut Augenzeugenberichten brutal und eiskalt. Vieles deute auf einen Profi hin, verlautet aus Ermittlerkreisen. Das französische Wochenmagazin Le Point stellt eine Verbindung zu einem Vorfall von 2008 her. Damals wurden drei Soldaten nach neonazistischen Parolen und Gesten aus dem 17. Fallschirmjäger-Regiment entlassen - der Einheit, der die drei ersten Todesopfer angehörten. Bei den Taten könne es sich um einen Rachefeldzug von einem der drei damals entlassenen Männer handeln.

[] Auch die These vom rassistischen Einzeltäter taucht auf. Die Toten waren nordafrikanischer und karibischer Herkunft beziehungsweise jüdischen Glaubens. Es wird bekannt, dass der Mann bei der Schießerei am Montag eine Kamera um den Hals getragen haben soll. Die Ermittler scannen das Netz nach möglichen Bekennervideos.

[] Um elf Uhr am Tag nach der Tat wird in Frankreichs Schulen der Opfer des Attentäters mit einer Schweigeminute gedacht. Wenige Stunden später werden die Leichen der jüdisch-französischen Kinder und ihres Lehrers nach Israel überführt. An Bord der Maschine sind Vertreter der jüdischen Gemeinde Frankreichs und Außenminister Alain Juppé.

[] In den frühen Morgenstunden des 21. März fallen Schüsse in einem Wohnviertel von Toulouse. Spezialeinheiten umstellen ein Wohnhaus, in dem sich der mutmaßliche Attentäter befindet. Bei dem Schusswechsel werden zwei Polizisten verletzt. Ein Beamter erleidet einen Knieschuss, einen zweiten getroffenen Polizisten bewahrt seine schusssichere Weste vor schweren Verletzungen. Erstmals werden Details zu ihm bekannt: Mohamed Merah soll 23 Jahre alt sein, Franzose algerischer Herkunft und hat nach eigenen Angaben Verbindung zum Terrornetzwerk al-Qaida. Er habe "Rache für die palästinensischen Kinder nehmen" wollen, die im Nahen Osten getötet wurden, soll er gesagt haben. Er hält sich in dem Gebäude verschanzt und will sich angeblich am Nachmittag den Behörden stellen.

[] Im Austausch gegen ein Telefon übergibt Merah der Polizei später einen Colt - die mögliche Tatwaffe bei den Morden an insgesamt sieben Menschen in Südfrankreich in den vergangenen Tagen.

[] Elitepolizisten versuchen mehrere Male vergeblich, in die Wohnung in einem Mehrfamilienhaus einzudringen. Jedes Mal drängt der mutmaßliche Attentäter er sie mit Schüssen aus schweren Waffen zurück.

[] Im Tagesverlauf bringt die Polizei alle Hausbewohner in Sicherheit, nachdem sie zuvor auf eine Evakuierung zunächst verzichtet hatte. Das umstellte Gebäude befindet sich in einem ruhigen Wohnviertel der südfranzösischen Stadt.

[] In den Abendstunden bleibt die Lage angespannt: Merah hat sich nicht gestellt. Die Einsatzkräfte dementieren eine Stürmung des Hauses, sie setzen stattdessen auf die Zermürbung des Täters. Die Polizei versucht den Verdächtigen mit zahlreichen Explosionen einzuschüchtern, bis zum Morgen des 22. März werden mindestens 14 gezählt. Gas und Strom im Haus und auch die Straßenbeleuchtung werden abgeschaltet. Der Nervenkrieg zwischen Polizei und mutmaßlichem Attentäter in Toulouse geht in den zweiten Tag.

[] Schüsse am Vormittag: Mehrere Minuten lang, so meldeten Agenturen, waren am Donnerstag Schüsse aus dem Gebäude zu hören, in dem sich Merah versteckt hält. Den letzten Kontakt hatten die Beamten am späten Mittwochabend. Das französische Innenministerium zitierte den mutmaßlichen Täter, er habe erklärt "mit seinen Waffen in den Händen" sterben zu wollen.

[] Die Einsatztruppe stürmt die Wohnung: Um 10.30 Uhr überschlagen sich am Donnerstag die Ereignisse. Die Polizei dringt durch die Fenster und Türen in die Wohnung Merahs ein.

[] Der mutmaßliche Attentäter Mohammed Merah ist tot: Nach einem mehrminütigen Feuergefecht, so bestätigt der französische Innenminister Claude Guéant, kommt Merah ums Leben. Nachdem er mit mehreren Waffen das Feuer auf die Beamten eröffnet hatte, sei er aus dem Fenster des Badezimmers gesprungen. "Er wurde tot auf dem Boden gefunden", so Guéant. Nach TV-Angaben wurden beim Schusswechsel auch drei Polizisten verletzt, einer davon schwer.

© Süddeutsche.de/leja/holz/grc

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