Terror in Toulouse:"Das ganze Land weint um seine Kinder"

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Um elf Uhr steht das Leben an Frankreichs Schulen still. Schüler und Lehrer gedenken der Opfer des Anschlags auf eine jüdische Schule in Toulouse. Am Tag nach der Tragödie steht das Land noch immer unter Schock.

Um elf Uhr an diesem Dienstag steht in Frankreichs Schulen alles still. Kein Getuschel, kein Unterricht der Lehrer, kein Ball, der durch die Turnhalle fliegt. Mit einer Schweigeminute gedenken Schüler und Lehrkräfte der drei Kinder und des Religionslehrers, die am Montag beim Anschlag auf eine jüdische Schule in Toulouse ums Leben kamen.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und sein Bildungsminister Luc Chatel nehmen in einer Schule in der Region Paris an dem Gedenken teil. Auch der sozialistische Präsidentschaftskandidat François Hollande hat angekündigt, gemeinsam mit Schülern innezuhalten.

"Es ist ein Drama, eine grauenvolle Tragödie, die Frankreich aus der Bahn wirft und die zuvorderst die Schulen der Republik trifft", sagte Minister Chatel dem Rundfunksender RMC. "Die Schule ist der Inbegriff der Institutionen und Werte unserer Republik", fügte Chatel später auf RTL hinzu, "deswegen ist es sehr wichtig, sich den Taten zu stellen, zu antworten, zurückzuschlagen." Der Unterricht an Frankreichs Schulen würde weiterlaufen, "weil dort die Werte vermittelt werden können, die in der Schweigeminute Ausdruck finden".

Trauer und Ratlosigkeit

Solcher Beschwörung republikanischer Werte zum Trotz steht Frankreich am Tag nach der Tragödie noch immer unter Schock. "Nicht nur die jüdische Gemeinde trauert seit gestern. Das ganze Land weint um seine Kinder", heißt es etwa in der Tageszeitung Sud-Ouest. "Das französische Volk ist verletzt. In Angst und Schrecken. Wer konnte eines schönen Morgens im Monat März Kinder angreifen?", fragt das Blatt Midi-Libre. Der Ohnmacht, die in den Zeitungskommentaren mitschwingt, entspricht die Ratlosigkeit der Ermittler, was den Täter und sein Motiv angeht.

Der Schockzustand ist aus den Augenzeugenberichten der Schüler herauszulesen, die zugegen waren, als am Montagmorgen gegen acht Uhr ein Mann auf einem Motorroller vor der Schule Ozar Hatorah zum Stehen kommt, zuerst auf einen Lehrer schießt und dann auf dem Schulgelände auf alles feuert, "was er sah, Kinder und Erwachsene", wie es die Staatsanwaltschaft formuliert.

"Da war viel Blut", berichtete ein Mädchen der örtlichen Zeitung La Dépeche du Midi. "Jeder weinte. Ich habe viel Blut gesehen." Eine zwölf Jahre alte Schülerin bereitete sich dem Blatt zufolge gerade auf ein Gebet vor, als sie einen Knall hörte. "Wir wussten nicht, was das war. Wir dachten nicht, dass es Schüsse waren." Die Schülerin fährt fort: "Doch dann haben wir ein Mädchen hereinkommen sehen, die Hand ganz rot."

Nicht nur den jungen Augenzeugen, dem ganzen Land fällt es schwer zu begreifen, was da am Montag geschehen ist. In der Zeitung Le Figaro versucht ein Psychiater, Erklärungsansätze zu liefern: "Ein Ereignis dieser Art wird sehr viel schmerzhafter in einem Land wie unserem erlebt, wo man in Sicherheit und Frieden lebt. Unsere Gewissheiten könnten sich auflösen", erläutert Christian Navarre. "Wenn nicht eine Naturkatastrophe den Tod bringt, sondern die Tat eines Menschen, ist das noch schockierender. Und wenn Kinder betroffen sind, die für Unschuld und Zukunft stehen, trägt das zusätzlich zum Trauma bei."

Trauerzug zur Bastille

Die Verarbeitung dieses nationalen Traumas begann am Montagabend mit einer Gedenkfeier in einer Pariser Synagoge. Mehr als 1000 Menschen nahmen an der Veranstaltung teil, Tausende, die keinen Platz mehr im Innern gefunden hatten, verharrten vor dem Gebetshaus. Mehrere tausend Trauernde zogen vom Platz der Republik zur Bastille. Viele der meist jungen Teilnehmer schwenkten zum Zeichen der Einheit französische Fahnen.

In Israel mischen sich indes auch Wut und Unverständnis in die Trauer. EU-Außenministerin Catherine Ashton hatte die Toten von Toulouse Israels größter Tageszeitung Haaretz zufolge mit den Opfern des norwegischen Attentäters Anders Behring Breivik in Verbindung gebracht - und mit Kindern im Gaza-Streifen: "Wenn wir an junge Menschen denken, die unter den verschiedensten schrecklichen Umständen zu Tode gekommen sind - die belgischen Kinder, die ihr Leben in einer schrecklichen Tragödie verloren haben, wenn wir daran denken, was heute in Toulouse geschah und vor einem Jahr in Norwegen, in dem Wissen, was in Syrien passiert, im Gaza-Streifen und anderswo - dann erinnern wir uns an junge Menschen und Kinder, die ihr Leben verloren haben." Israels Außenminister Avigdor Lieberman reagierte empört auf diese Äußerung: Ashton müsse ihren "unpassenden" Vergleich zurückziehen, forderte der Politiker.

Die vier Leichen der Todesopfer, des 30 Jahre alten Religionslehrers, seiner zwei Kinder und eines siebenjährigen Mädchens, sollen noch an diesem Dienstag nach Israel überführt werden. Der französische Außenminister Alain Juppé wird die Särge bei der Überführung begleiten, wie ein Außenamtssprecher in Paris mitteilte. Die Leichen sind nach einer Trauerfeier in der Schule in Toulouse derzeit auf dem Weg nach Paris. Dort wollte Präsident Sarkozy den Toten am Nachmittag die letzte Ehre erweisen.

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