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Tempelhofer Feld:Flüchtlinge mitten ins Berliner Leben

Das Tempelhofer Feld auf einer Luftaufnahme

(Foto: AP)

Der Berliner Senat plant Flüchtlingsunterkünfte auf dem Tempelhofer Feld. Das ist eine reizvolle Idee.

Finger weg vom Tempelhofer Feld: Diese Botschaft sendeten die Berliner dem Senat vor etwa eineinhalb Jahren sehr deutlich, als sie eine Bebauung der riesigen freien Fläche per Volksentscheid abschmetterten. Da sorgt es schon für Aufregung, dass die Politik die Finger wieder nach dem ehemaligen Flughafengelände ausstreckt. Der Senat will dort Flüchtlingsunterkünfte - genauer: Traglufthallen - errichten.

Berlin hat, wie viele Städte in ganz Deutschland, seit Monaten damit zu kämpfen, die vielen ankommenden Flüchtlinge unterzubringen. Dass die Berliner Verwaltung unterbesetzt und die Stadt chronisch pleite ist, verstärkt das Problem - das zeigt die andauernd angespannte Lage am Landesamt für Gesundheit und Soziales in Moabit. Da ist es kein Wunder, dass der Senat allein aus pragmatischen Gründen die größte freie Fläche in der Stadt in seine Überlegungen einbezieht.

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Ein Feld für alle Berliner - und alle anderen

Muss das sein?, fragen trotzdem viele. Berechtigterweise. Denn in Berlin gibt es durchaus noch freie Flächen und Gebäude, die sich ebenfalls eignen könnten. Der Senat tut gut daran, die anderen Optionen sorgfältig zu prüfen, bevor er den mühsam befriedeten Konflikt um das Tempelhofer Feld wieder entfacht. Und doch ist die Idee von Flüchtlingswohnungen auf dem Tempelhofer Feld auch abgesehen von pragmatischen Gründen reizvoll. Sie ist auch nicht zu vergleichen mit den früheren Plänen des Senats, dort Wohnungen und eine Bibliothek zu bauen, die viele Kritiker als überdimensioniert empfanden.

Das Tempelhofer Feld war immer mehr als eine leere Fläche und ist es bis heute. Es ist ein Ort der Bürgerbeteiligung, der Begegnung, der sozialen Teilhabe, ein Ort, der für alle Berliner da sein soll. Das alles macht es zum vielleicht schönsten Ort in Berlin.

Eine Befürchtung, die den Widerstand gegen die Bebauungspläne des Senats förderte, war, dass dieser spezielle Charakter verlorengehen könnte, wenn das Feld mit teuren Wohnungen für Besserverdiener zugebaut würde. Was für ein überwältigendes, geradezu gegenteiliges Zeichen wäre es da, auf dem Tempelhofer Feld ausgerechnet Flüchtlingen einen Platz zum Leben zu geben. Es hieße, Menschen an Berlins schönstem Ort teilhaben zu lassen, die mit buchstäblich nichts in der Tasche in die Hauptstadt kamen.

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Integration statt Gentrifizierung

Das kann übrigens auch auf die umliegenden Stadtteile ausstrahlen. Die Menschen dort klagen seit Jahren, die Gentrifizierung vertreibe sozial schwache Bewohner aus den angesagten Kiezen. Ein Flüchtlingsheim in dieser besten Berliner Lage würde zeigen: Es entscheidet doch nicht nur Geld darüber, wer in den beliebten Stadtvierteln leben darf.

Die bisherigen Erfahrungen in der Flüchtlingskrise zeigen außerdem, dass es keine gute Idee ist, Flüchtlinge einfach da unterzubringen, wo gerade Platz ist - zum Beispiel in Siedlungen, in denen es ohnehin schon soziale Spannungen gibt. Flüchtlinge brauchen mehr als nur ein Dach über dem Kopf mit vier Wänden drum herum. Flüchtlinge brauchen eine engagierte, offene und großzügige Nachbarschaft, die bereit und auch fähig ist, sie aufzunehmen, ihnen das Ankommen zu erleichtern. Die gibt es auf dem Tempelhofer Feld. Schon jetzt sind zahlreiche soziale Projekte der umliegenden Stadtteile dort aktiv.

Die Berliner haben in der Flüchtlingskrise viel Tatkraft und Herzlichkeit bewiesen. Vielleicht ist das Tempelhofer Feld genau der Ort, an dem sie dieser Tatkraft und dieser Herzlichkeit ein Denkmal setzen könnten.

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