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Ted Conference in Kanada:Die verlorene Ehre der Monica L.

Former White House intern Monica Lewinsky speaks at the TED2015 conference in Vancouver

Monica Lewinsky während ihres Vortrag auf der Ted Conference in Vancouver.

(Foto: REUTERS)

Zehn Jahre hatte sie sich zurückgezogen. Nun spricht Monica Lewinsky auf der Ted Conference in Kanada über Cybermobbing und ihre Beziehung zu Bill Clinton. Für amerikanische Feministinnen ist sie eine Heldin.

Von Andrian Kreye, Vancouver

Lewinskys Auftritt bei der Ted Conference

Es ist ein weiter Weg vom Treppenwitz der Geschichte zur Hoffnungsträgerin. Und weil es sich bei Monica Lewinsky um die Schlüsselfigur im vielleicht albernsten Politskandal der vergangenen Jahrzehnte handelt, der den damaligen US-Präsidenten Bill Clinton fast das Amt kostete, würden einem ja schon ein paar lustige Anekdoten einfallen.

Aber es geht nur vordergründig um eine dieser amerikanischen Fabeln von der zweiten Chance. Mit den Witzen fängt es ja meist an, das Problem des Cybermobbings, jener Hetzjagd im Internet, die so vielen Nerven, Ruf und manchen auch das Leben kostet. Nach gut zehn Jahren Schweigen hat sich Lewinsky jedenfalls vorgenommen, vielleicht nicht die Geschichte Amerikas, aber zumindest ihre eigene umzuschreiben. Nicht ganz leicht. Ein Auftritt in der ironiefreien Welt des Ideenfestivals Ted Conference ist dann schon mal ein Anfang.

Da steht sie also am Donnerstag im gedeckten Business-Anzug auf der Bühne. Mit 22 Jahren habe sie sich in ihren Boss verliebt, sagt sie, mit 24 habe sie dann die Konsequenzen zu spüren bekommen. Ihr Boss sei nunmal der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika gewesen. Deswegen ist ihr nun lebenslanger Ruhm garantiert. Sogar im Kanon Popkultur - sie kommt in mehr als 40 Poptexten vor, in Songs von Beyoncé und Eminem, von Nicki Minaj und Kanye West.

"Ich war mit einem Mal die Tusse, das Flittchen, die Schlampe"

Monica Lewinski hatte bis zu jenem Morgen des 17. Januar 1998 das privilegierte Leben einer Tochter aus allerbestem Hause geführt. Aufgewachsen war sie in Beverly Hills, jener Enklave der Reichen und Berühmten im Nordwesten von Los Angeles, der Vater war Onkologe, die Mutter Autorin eines Buches über die Drei Tenöre. Mit den guten Beziehungen ihrer Familie hatte sie nach der Schule ein Praktikum im Weißen Haus ergattert. Und über zwei Jahre hinweg amtlich verbürgte neun "untunliche Begegnungen" mit Bill Clinton gehabt.

Clintons Mannschaft hatte sie dann vorsorglich ins Pentagon versetzt, wo sie sich einer Kollegin namens Linda Tripp anvertraute. Die zeichnete die Telefongespräche mit der vom Liebeskummer geplagten Monica heimlich auf. Der Gerüchtekönig der Hauptstadt Matt Drudge bekam dann Wind von der Geschichte und katapultierte damit seine Webseite "The Drudge Report" ins Zentrum der Weltpresse.

Das war der Beginn, nicht nur ihrer eigenen Skandalgeschichte, sondern eben auch eines Phänomens, das inzwischen hartnäckig zu den Schattenseiten der digitalen Kultur gehört. Sie sei der Indexpatient in der Seuche der digitalen Erniedrigung und Hetze gewesen, sagt sie. Matt Drudges Geschichte über den Skandal war damals der erste Fall, in dem eine Webseite die traditionellen Medien abhängte. "Ich war mit einem Mal die Tusse, das Flittchen, die Schlampe. Da konnte ich mich bald kaum noch daran erinnern, wer ich wirklich war."

Die Zeit nach der Affäre mit Bill Clinton

Die Monate danach waren fürchterlich. "Jeden Abend saß meine Mutter damals beim Einschlafen an meinem Bettrand", erzählt sie. Wie bei einem kleinen Kind. "Monatelang durfte ich nur bei offener Badezimmertüre duschen." Damit sie sich nichts antat.

Doch die Hetze hörte nicht auf. Hetze von Rechten, die Bill Clinton an den Kragen, Hetze von Linken, die ihn schützen wollten, Hetze von Hillary Clinton, die dann doch mal die Schnauze voll hatte von den Eskapaden ihres Mannes. Vor zehn Jahren ungefähr tauchte Monica Lewinski unter. Sie studierte an der London School of Economics Psychologie, lebte in New York, Portland und Los Angeles. Der Ruf und die Hetze sind ihr geblieben. Bis heute tut sie sich schwer, einen Job zu finden. Und eine große Liebe, nach der sie sich so sehnt, kam auch nie.

Das Prinzip "Cybermobbing"

Wie so vielen, die als Indexpatienten eines gesellschaftlichen Phänomens keine Vorläufer und damit auch keine Vorbilder oder Ratgeber haben, tat sie sich besonders schwer. "Es gab ja noch keine Begriffe für Cybermobbing" sagt sie, und auch nicht für das "Slutshaming", mit denen Frauen und Schwulen das Leben im Netz zur Hölle gemacht wird. Seit dem nun historischen "Monica-Lewinsky-Skandal" entwickelte sich Cybermobbing zum digitalen Alltag. Das Trolling gehört dazu und der Shitstorm. Tendenz steigend. Sie hat Zahlen dafür. Alleine von 2012 bis 2013 habe es beim Cybermobbing einen Anstieg von 87 Prozent gegeben.

Zahlen gibt es viele. Eine Auswertung von Untersuchungen des amerikanischen Bundesamtes für Statistik und des US-Gesundheitsamtes hat ergeben, dass 52 Prozent aller amerikanischen Teenager schon Erfahrungen mit Cybermobbing gemacht haben. Es trifft vor allem, aber nicht nur Jugendliche. Das deutsche Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik kam bei einer Untersuchung von 14- bis 39-jährigen immerhin noch auf einen Wert von zwölf Prozent.

Darum nimmt die Öffentlichkeit Cybermobbing nicht ernst

Die breitere Öffentlichkeit nimmt Cybermobbing nicht ernst. Es schreit ja niemand jemanden an, es wird nicht geschubst, nicht geschlagen. Aber da gibt es noch diese Studie aus den Niederlanden, die nachweist, dass die Zahl der Suizide wegen Cybermobbings jetzt erstmals höher ist als die wegen Mobbings im Büro, auf dem Schulhof oder sonstwo in der analogen Welt.

"Für so viele Eltern ist es heute zu spät", sagt Monica Lewinski. "Für die gibt es keine Hoffnung mehr, dass wir das Problem in den Griff kriegen." Und dann redet sie sich in Rage. Spricht über die "Kultur der Erniedrigung", die zwar nicht im Internet erfunden, dort aber zementiert worden sei, über das Geschäft mit der Hetze, die Millionen, die Klatschseiten und soziale Medien damit umsetzten, die Wucht, mit der diese Hetze ein Leben so nachhaltig aus den Angeln heben könnte, dass es niemals wieder so sein könne wie zuvor. Das ist auch der Titel ihres Vortrags: "The Price of Shame".

Warum Lewinsky für amerikanische Feministinnen eine Heldin ist

Kann man so einer Biografie in einer Viertelstunde eine neue Richtung geben? Die Ted Talks genannten Vorträge der Ideenkonferenz funktionieren als Internetvideos auf ihre Weise ganz ähnlich, wie der Monica-Lewinsky-Skandal damals. Streng genommen war Monica Lewinsky das erste Mem. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Nachricht über ihren Skandal verbreitete, nennt man heute "viral".

Der Auftritt am Donnerstag wäre dann so etwas wie ein klassisches Gegengift. Für die amerikanischen Feministinnen der heute älteren Generation, für Gloria Steinem oder Erica Jong etwa, ist sie schon jetzt eine Heldin. Sie haben sie moralisch unterstützt bei ihren Vorbereitungen für den Dornenweg zurück in die Öffentlichkeit. Würde es klappen, wäre Monica Lewinski nicht nur das erste öffentliche Gesicht eines Phänomens, für das bisher nur die Toten standen. Sie wäre auch eine Frontkämpferin gegen die sexuellen Aggressionen, die das Mobbing gegen Frauen auf allen Kanälen noch verstärken.

Das Internet vergisst allerdings nichts und schon gar nicht seinen Hass. Als Monica Lewinsky im vergangenen Sommer einen ersten Versuch der Rückkehr in die Öffentlichkeit wagte und einen Essay für die Zeitschrift Vanity Fair schrieb, kamen die Hetzer gleich wieder aus ihren Nischen. Sie solle doch endlich mal Ruhe geben, war da einer der harmloseren Kommentare. Nein, sagt Monica Lewinski dann noch, ein Interview mag sie doch nicht geben. Und dann schaut sie wieder auf den Schirm ihres Telefons mit dem rosaweißen Plastikrand.

© SZ.de/jana

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