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Tatorte:Aus Luftbildern, Geländemodellen und Bauplänen wird ein 3-D-Modell

Das virtuelle Modell der von Menschen gemachten Hölle auf Erden besteht aus vier Elementen. Entzerrte Luftbilder, auf denen die Gebäudegrundrisse zu erkennen sind, und ein digitales Geländemodell stellte das örtliche polnische Vermessungsamt zur Verfügung. Franz Weber und seine Mitarbeiter suchten im Archiv Baupläne von gesprengten Gebäuden, den Gaskammern und Krematorien vor allem. Die noch stehenden Gebäude, Baracken und Wachtürme, scannte Ralf Breker mit einer Kollegin ein. Eineinhalb Stunden brauchten sie für eine Baracke. Nach fünf Tagen waren sie fertig.

Nationalsozialismus Rädchen in der Vernichtungsmaschinerie Auschwitz
Auschwitz-Prozess in Detmold

Rädchen in der Vernichtungsmaschinerie Auschwitz

In Detmold ist der frühere SS-Wachmann Reinhold Hanning zu fünf Jahre Haft verurteilt worden. Die Richterin betont, dass der Prozess "das Mindeste ist, was eine Gesellschaft tun kann".   Von Hans Holzhaider

Dann begann die Arbeit am Computer. Im Münchner BLKA wurden aus den Messpunkten Flächenmodelle, diese wurden mit einer Genauigkeit von 25 Zentimetern auf die Grundrisse eingefügt. Und dann pflanzte Breker die Bäume. Bäume, die es am Ort des Todes auch gab. "Wo sie standen, wissen wir aus historischen Aufnahmen genau", sagt der Diplomingenieur. "Problematisch war die Höhe." Das alles dient als Basis zur Beantwortung der möglicherweise prozessentscheidenden Frage: Was konnte ein Wachmann vom millionenfachen Mord sehen?

Was Johann Breyer wirklich gesehen hat, wird für immer sein Geheimnis bleiben. Und doch, sagen die Weidener Strafverfolger, habe sich der Ermittlungsaufwand gelohnt. Das 3-D-Modell, das ebenfalls von der Staatsanwaltschaft in Auftrag gegebene historische Gutachten, das klärt, wie der Wachdienst in Auschwitz-Birkenau organisiert war, das am Ende erfolgreiche Auslieferungsersuchen an die USA - als das BLKA sein virtuelles Modell Ermittlern aus der ganzen Republik zeigt, sind die Staatsanwälte beeindruckt. Viele hätten gar nicht gewusst, das so etwas technisch möglich sei, sagt Breker.

Jeder Blickwinkel kann nachvollzogen werden

Es wäre noch mehr möglich: ein Rundgang durch Auschwitz-Birkenau mit einer Virtual-Reality-Brille. "Das Modell ermöglicht eine gute Vorstellung davon, was wie von welchem Punkt in einem bestimmten Blickwinkel gesehen werden konnte oder was verdeckt war", sagt Jens Rommel, Leitender Oberstaatsanwalt und Chef der Ludwigsburger Zentralstelle.

Im Detmolder Prozess wurde das Modell herangezogen. Die Richterin Anke Grudda sagte in der mündlichen Urteilsbegründung zum Angeklagten Hanning: "Wir halten es für ausgeschlossen, dass Sie nicht ein einziges Mal gesehen haben, wie die ahnungslosen Deportierten in die Gaskammern geschickt wurden." Nichts gesehen: Diese Ausrede fängt nicht mehr. Die BLKA-Ermittler können zeigen, was SS-Wachmänner sahen. Jeder Staatsanwalt, jeder Nebenkläger, jeder Richter kann es sehen.

Und vielleicht bald Besucher der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. "Das ist natürlich auch unsere Intention," sagt Ralf Breker, der Mann, der Auschwitz-Birkenau gescannt hat.

Nationalsozialismus Frauen-KZ Ravensbrück: Das Grauen am Schwedtsee
Nationalsozialismus

Frauen-KZ Ravensbrück: Das Grauen am Schwedtsee

In Ravensbrück betrieben die Nazis das einzige Konzentrationslager nur für Frauen. Die Häftlinge mussten Zwangsarbeit leisten, wurden erniedrigt und gefoltert, Zehntausende starben.   Von Ludger Heid