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Großbritannien:Verstörende Tonaufnahme

London - Kind in die Tiefe gestoßen

Ein Jugendlicher soll im August ein sechsjähriges Kind von der Aussichtsplattform des Tate Modern gestoßen haben. Er hat die Tat gestanden.

(Foto: Yui Mok/dpa)

Im August 2019 warf ein psychisch kranker Mann in der Tate Modern Gallery einen sechsjährigen Jungen über ein Geländer. Jetzt zeigt eine Tonaufnahme: Er hat seine Tat einem Sozialarbeiter angekündigt.

Von Cathrin Kahlweit, London

In den nächsten Tagen beginnt vor einem Londoner Strafgericht der Prozess gegen einen 18-jährigen jungen Mann namens Jonty Bravery. Die Öffentlichkeit wird das Verfahren aufmerksam verfolgen, so wie sie die Berichterstattung über den Fall vor einem Dreivierteljahr verfolgte. Dabei sitzt der Täter seit einem halben Jahr wegen versuchten Mordes in Untersuchungshaft; es bestehen kaum Zweifel daran, dass er verurteilt wird.

Er hatte seine Tat lange geplant, er wurde dabei beobachtet, er hat sie gestanden. Und er hatte vorher sogar anderen Menschen davon berichtet. Gehindert wurde er an seinem Vorhaben nicht.

Braverys Tat hatte im vergangenen August Entsetzen ausgelöst. Er war stundenlang im zehnten Stock der Gemäldegalerie Tate Modern im Londoner Zentrum herumgestreift; er war Besuchern aufgefallen, die sich darüber wunderten, warum einer stundenlang herumsteht, anstatt Bilder anzuschauen. Schließlich griff sich Bravery wahllos einen sechsjährigen Jungen, der gerade aus Frankreich mit seiner Familie auf Besuch in London war - und warf ihn über das Geländer.

Der Junge überlebte, wird aber wahrscheinlich nie wieder gesund werden. Seit August 2019 liegt er in einem Londoner Krankenhaus und macht winzige Fortschritte. Seine Familie ist verzweifelt; die Eltern haben per Crowdfunding immerhin etwa 180 000 Euro für die Krankenhauskosten gesammelt. Ansonsten müssen sie mit den Folgen der Tat eines psychisch kranken jungen Mannes leben.

Warum durfte er alleine in die Stadt?

Denn: Bravery ist autistisch und hat laut psychologischen Gutachten eine Zwangsstörung. Er lebte zum Zeitpunkt der Tat in einer psychiatrischen Wohngemeinschaft und wurde - theoretisch - rund um die Uhr betreut. Lange Zeit durfte er nicht unbegleitet ausgehen. Aber obwohl er zuvor zu einer Bewährungsstrafe wegen eines Angriffs auf einen Sozialarbeiter verurteilt worden war und offen über Gewaltfantasien sprach, wurden die Regeln gelockert, er durfte allein in die Stadt.

Kurz vor dem Prozess hat die BBC jetzt Tonaufnahmen veröffentlicht, die dem Sender von einem Betreuer Braverys übergeben worden waren. Darin beschreibt er den ungefähren Ort des geplanten Verbrechens und erklärt seine Motivation: irgendwo in der Londoner Innenstadt wolle er zuschlagen, vielleicht am Shard, einem berühmten Hochhaus. Er wolle jemanden irgendwo hinunterwerfen. Von einer Fallhöhe von etwa 30 Metern an sei man tot, das wisse er.

Der Mitarbeiter der Firma, welche die WG betreute, sagt, er habe damals einem Kollegen und einem Vorgesetzten die Aufnahme mit Braverys Gedanken vorgespielt. Exakt das, was er darin ankündigte, setzte er später in die Tat um: Er fuhr in die Stadt, warf jemanden von einem hohen Gebäude und kam ins Gefängnis. Er wollte gesehen werden, hatte er gesagt, wollte in den Nachrichten vorkommen.

In den Akten fehlt die Audiodatei

Geschehen, so der Sozialarbeiter, sei trotz der Aufnahmen aber nichts. Die Betreuungsfirma dementiert, dass das Tondukument bekannt gewesen sei; auch in den Akten des damals 17-Jährigen tauchten keine Warnungen auf. Die Causa wird nun untersucht. Eine Erklärung, warum man ihn allein durch die Stadt habe streifen lassen, gab es nicht. Es sei unangemessen, heißt es, die Ergebnisse der internen Untersuchung vorwegzunehmen.

Abgesehen von den dramatischen Folgen der Ereignisse für die französische Familie, aber auch für Jonty Bravery und dessen Angehörige, hat die Tat erneut eine Debatte über die völlige Überforderung und Unterfinanzierung der psychosozialen Dienste in Großbritannien ausgelöst. Weil im vergangenen Jahrzehnt unter den Tories aufgrund rigider Sparmaßnahmen die Budgets von Kommunen und Gesundheitsversorgern um Milliarden gekürzt wurden, wurden zunehmend Aufgaben an Privatfirmen ausgelagert, die mit einem geringeren Aufwand an Kosten und Personal ihre schwierige Aufnahme meistern sollten.

Die Firma, die sich um Jonty Bravery kümmerte, hatte einen vergleichsweise guten Ruf. Dennoch wird nun darüber debattiert, ob nicht nur Fahrlässigkeit, sondern wohl auch ein eklatanter Mangel an Fachpersonal der Grund war, warum der psychisch schwer auffällige Patient allein auf Ausflüge geschickt wurde.

© SZ/nas/lot
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