Taifun "Haiyan" Wenn der Sturm zu mächtig ist

Der Taifun Haiyan mit einer solchen Gewalt über die Philippinen hinweg gefegt, dass selbst hohe Schutzwälle wohl nicht viel gegen die Zerstörung geholfen hätten.

Der Taifun "Haiyan" hat auf den Philippinen Chaos und Verwüstung hinterlassen, und der nächste Sturm rollt bereits auf die Inselgruppe zu. Im Gespräch mit Süddeutsche.de nimmt ein deutscher Hochwasser-Experte das Krisenmanagement vor Ort unter die Lupe.

Von Felix Frieler

Johannes Anhorn ist Geograph am Südasien-Institut der Universität Heidelberg, Spezialgebiet Hochwasser- und Erdbebenschutz. Ein halbes Jahr lang forschte er auf den Philippinen in den Regionen Leyte und Samar - dort wo der Taifun "Haiyan" jetzt die verheerendsten Schäden angerichtet hat.

Süddeutsche.de: Herr Anhorn, brauchen die Philippinen Deiche?

Johannes Anhorn: In Einzelfällen könnten die Philippinen vielleicht tatsächlich etwas mit einem Deich anfangen. Allerdings muss man wissen: Die Philippinen haben etwa 35.000 Kilometer Küste. Haiyan hatte einen Durchmesser von mehreren hundert Kilometern. So lange Deiche können dort nicht einfach gebaut werden. Außerdem wird ein Deich immer für eine bestimmte Höhe geplant. Dabei orientiert man sich an vergangenen Höchstständen. In Extremfällen kann das Wasser aber noch höher steigen und dann hilft mir dieser Deich überhaupt nichts mehr. Beim Taifun "Haiyan" trafen zum Beispiel bis zu fünf Meter hohe Wellen auf die Küste.

Wie schützen sich die Menschen auf den Philippinen dann vor Taifunen?

Es gibt Notunterkünfte. Das sind normale öffentliche Gebäude wie Schulen oder Rathäuser, die aber höher gelegen und besonders befestigt sind. Solche Gebäude werden auf den Philippinen auch gelegentlich auf Stelzen gebaut, damit sie besonders hochwassergeschützt sind. Das ist aber bislang nicht die Regel. Für die Zukunft ist es mit Sicherheit sinnvoll, noch mehr von diesen erhöhten Schutzgebäuden zu bauen. Um dem enormen Wind- und Wasserdruck standzuhalten, müssen sie aber sehr stabil sein.

War nicht vorauszusehen, dass es irgendwann zu einem Taifun wie "Haiyan" kommen würde?

Das ist schwer zu sagen. Man weiß, dass pro Jahr etwa 20 Taifune die Philippinen treffen, mit unterschiedlicher Stärke natürlich. Problematisch bei "Haiyan" war, dass er vor allem Regionen heimgesucht hat, die zu den ärmsten der Inselgruppe gehören. Die Infrastruktur ist nicht gut ausgebaut, viele Gebäude sind mangelhaft befestigt. Dass ein Sturm dieser Intensität genau diese Region treffen würde, konnte man nicht präzise voraussagen. Es bleibt eben ein Extremereignis.

Nach "Haiyan" gab es heftige Kritik am Krisenmanagement des philippinischen Regierungschefs Benigno Aquino. Wurden Fehler gemacht?

Soweit ich das über die Nachrichten verfolgen konnte, würde ich sagen: Gemessen an der Größe und Intensität von "Haiyan" sowie dem Ausmaß der Zerstörung, vor allem im Bereich der Verkehrsinfrastruktur, ist das Krisenmanagement nicht schlecht. Es sind zum Beispiel viele Hilfsgüter bereits im Land, die zum Teil von Regierung selbst bereitgehalten wurden: Trinkwasser, Nahrungsmittel, Medikamente. Sie gelangen aber eben nur schwer in die betroffenen Regionen.

Taifun "Haiyan"

Das Elend nach dem Sturm

Warum ist das so problematisch?

Der einzige Flughafen in der Region ist völlig zerstört, er liegt auf einer schmalen Landzunge, sehr niedrig. Da ist der Taifun einfach darüber hinweg gefegt. Jetzt müssen Hilfsgüter teils mühsam auf dem Seeweg und weiter mit dem Hubschrauber ins Katastrophengebiet gebracht werden. Daran kann selbst das beste Krisenmanagement nichts ändern. Was vor "Haiyan" auf jeden Fall funktioniert hat, sind die Frühwarnsysteme. Die Experten wussten Bescheid, dass es ein mächtiger Taifun werden würde.

Warum wurden die Menschen dann nicht früher in Sicherheit gebracht?

Man kann die Zugbahn eines Taifuns erst sehr spät genau voraussagen. Wenn man zu früh anfängt, die Menschen zum Beispiel Hunderte Kilometer nach Norden oder nach Süden zu bringen, kann das auch fatal sein - nämlich dann, wenn der Sturm seine Route noch einmal ändert. Auch im Landesinneren ist es nicht unbedingt sicherer: Durch starke Regenfälle kann es gefährliche Erdrutsche geben und der Wind weht bei einem Taifun auch dort noch mit extrem hohen Geschwindigkeiten.