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Taifun "Haiyan":Kinder der Katastrophe

Typhoon Haiyan aftermath in the Philippines

Kinder leiden in der ersten Zeit am meisten unter einer Katastrophe wie "Haiyan".

(Foto: dpa)

Das SOS-Kinderdorf in Tacloban wurde zum Zufluchtsort, als Taifun "Haiyan" über die Stadt hinwegfegte und Hunderte Menschen in den Tod riss. Jetzt müssen die Kinder von dort weggebracht werden - zu ihrem eigenen Schutz.

Das todbringende Unwetter ist weitergezogen - doch in ihrer Erinnerung ist es quälend präsent. Unter Katastrophen wie dem Wirbelsturm Haiyan leiden zunächst vor allem die Kinder. "Sie können das Erlebte nicht einfach zur Seite schieben", sagt Louay Yassin, Pressesprecher der SOS-Kinderdörfer weltweit. Sie seien nicht wie Erwachsene, die verdrängen können, was sie gesehen und gehört haben - die es oft auch verdrängen müssen, wenn sie ihre Familie am Leben halten wollen. "Erwachsene suchen nach Wasser, nach Nahrung, kümmern sich um den Wiederaufbau", sagt Yassin, "Kinder sitzen erst einmal verstört da und bewegen sich nicht mehr."

Das SOS-Kinderdorf in Tacloban - jener Stadt auf der Insel Leyte, die durch den Taifun so schwer getroffen wurde wie keine andere - hat schon während des Sturms am 8. November Menschen aus der Umgebung aufgenommen. Hunderte kamen, um im Kreis der 15 massiven Einfamilienhäuser Schutz zu suchen. Ihre eigenen Holz- und Wellblechhütten vor den Toren der Hilfseinrichtung waren wie Kartenhäuser zusammengeklappt. "Wir bauen möglichst stabil, egal in welchem Teil der Erde sich das jeweilige Kinderdorf befindet", sagt Yassin. Auf dem Gelände des Dorfes sei deshalb niemand schwerer verletzt worden, und das obwohl Haiyan irgendwann auch hier Dächer von Gebäuden riss und die auf den Dachböden zusammengekauerten Kinder ihres Schutzes beraubte.

150 Menschen leben normalerweise im Kinderdorf von Tacloban, in den Tagen nach dem Sturm sind es mehrere Hundert. Wasser und Lebensmittel sind knapp, aber eine Grundversorgung ist mittlerweile möglich. "Wir schauen zuerst, dass die Familien zu trinken und zu essen haben" sagt Emily Torculas. Die Leiterin des weiter nördlich auf der Nachbarinsel Samar gelegenen Kinderdorfs von Calbayog ist am Tag nach dem Sturm mit ihrem Team die etwa 170 Kilometer nach Tacloban gefahren. Zwölf Stunden haben sie für die normalerweise dreistündige Tour gebraucht. Was sie bei ihrer Ankunft erwartete, kann Torculas am Telefon kaum in Worte fassen.

Rettung aus dem Elend

Überall Trümmer, Tote, traumatisierte Menschen, das Gebiet um das Kinderdorf ist vollkommen verwüstet. Insgesamt stehen in Tacloban nur noch 20 bis 30 Prozent der Gebäude. 300 Einwohner des ärmlichen Viertels, um die sich die Mitarbeiter des Kinderdorfs normalerweise kümmern, werden noch vermisst. Auf dem Gelände der Hilfsorganisation liegen immer noch zwei Leichen, niemand weiß, wie sie hierher gelangt sind. Das ist kein Ort mehr für Kinder.

"Wir haben viele mitgenommen", sagt Torculas, "alle im Alter zwischen zwölf Monaten und 13 Jahren, 74 an der Zahl". Schon der Totengeruch, der sich über die 200.000-Einwohnerstadt gelegt habe, sei ihnen nicht zuzumuten. Die Kinder bräuchten dringend seelischen Schutz. Noch mehr von ihnen sollen in den kommenden Tagen aus Tacloban herausgeholt werden - denn außerhalb der Mauern des Kinderdorfs werden die Durst und Hunger leidenden Menschen immer aggressiver.

Louay Yassin glaubt zwar nicht, dass es zu einem Zwischenfall kommen wird. Das Kinderdorf kümmere sich seit Jahren um die Nachbarn im Viertel, das Verhältnis sei immer gut gewesen. Dennoch sollen etwa 50 weitere Kinder weggebracht werden. "Die Kollegen vor Ort sind vorsichtig geworden", berichtet der Pressesprecher. "Keiner von ihnen geht mehr ohne Grund nach draußen."

Trinken, essen, wieder lachen

Was mit den Kindern geschehen wird, beschreibt Yassin auf Basis seiner Erfahrungen aus anderen Katastrophengebieten. In einem Kinderdorf auf Haiti, berichtet er, seien nach dem Erdbeben im Januar 2010 etwa 700 zusätzliche Katastrophenwaisen aufgenommen worden. Zunächst habe man sie mit dem Nötigsten versorgt, dann sei die Suche nach Eltern und weiteren Verwandten angelaufen. Selbst anderthalb Jahre später konnten noch Familien zusammengeführt werden. Trotzdem blieben am Ende etwa hundert Kinder übrig, für die ein neues Kinderdorf gebaut wurde.

Bis die Helfer auf den Philippinen an diesem Punkt angelangt sind, dürfte es noch einige Zeit dauern. Emily Torculas' eigenes Kinderdorf in Calbayog hat keinen Strom, auch hier mangelt es an Trinkwasser und Lebensmitteln. Die Kinder aus Tacloban können gerade so versorgt werden. Vor kurzem hätten sie ein paar Spielsachen bekommen, berichtet Torculas.

Die Möglichkeit zu spielen, wieder zur Schule zu gehen, der Einsatz von Psychologen und Sozialpädagogen sowie ein liebevolles Umfeld seien wichtig für die Kinder, um aus ihrer Starre aufzuwachen, sagt Louay Yassin. Am Ende seien sie es, die am ehesten wieder lachen könnten. "Eigentlich ist es erstaunlich, wie schnell es geht", sagt Yassin.

Auf dieses Lachen gilt es jetzt in den philippinischen Katastrophengebieten hinzuarbeiten.