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Taifun "Hagupit": "Dieser Sturm sieht erstaunlich gefährlich aus"

Super Typhoon Hagupit Bearing Down on the Philippines

Taifun Hagupit aus dem All gesehen.

(Foto: dpa)
  • Der gewaltige Taifun Hagupit tobt über die Philippinen - erst vor gut einem Jahr hatten bei einem ähnlichen Sturm Tausende Menschen ihr Leben verloren.
  • Dieses Mal will der philippinische Staat, der vergangenes Jahr wegen seines mangelhaften Katastrophenschutzes kritisiert worden war, nichts dem Zufall überlassen.

Stürme können im Menschen alles Mögliche wachrütteln: Angst, Verzweiflung, Gottesfurcht, Egoismus, Nächstenliebe. Oder auch blanken Sarkasmus: Es fühle sich an wie im Film "Groundhog Day", hatte der Vize-Bürgermeister von Tacloban in den Stunden vor dem großen Sturm gesagt. "Und täglich grüßt das Murmeltier." Viele kennen die Komödie. Aber zum Lachen war niemandem mehr zumute.

Im US-Film soll Fernsehjournalist Phil, gespielt von Bill Murray, über Murmeltiere als glückliche Frühlingsboten berichten. Doch dann erlebt er ein und denselben Tag immer wieder aufs Neue. Auf den Philippinen sind es keine putzigen Nager, die ständig widerkehren. Es sind verheerende Naturgewalten, die Jahr für Jahr über die Menschen hereinbrechen, wie ein grausiges Déjà-vu.

Traumata wachgerüttelt

Vergangenes Jahr war es Haiyan, nun ist es Hagupit, den sie auf den Philippinen Ruby nennen. Seit Samstagabend, 9.15 Ortszeit, tobt der Taifun über die Inseln. Am Morgen danach versuchen die Behörden, sich einen ersten Überblick über die Zerstörungen zu verschaffen. Dies ist schwierig, weil Telefonnetze im Katastrophengebiet teils zusammen gebrochen sind, vielerorts gibt es keinen Strom.

Sicher ist bislang nur, dass Ruby der schlimmste Sturm ist, den die Philippinen seit Haiyan vor 13 Monaten erleben. Das alleine bedeutete schon massive psychische Belastungen für alle, die damals gelitten haben. Der Wind rüttelt Traumata wach, zum Beispiel in Tacloban, der Hafenstadt auf Leyte, die im November 2013 von meterhohen Wellen verschluckt wurde. Noch haben die Menschen die Folgen der Katastrophe gar nicht überwunden, da müssen sie schon mit dem nächsten Desaster kämpfen.

Mindestens 7000 Menschen starben damals durch das Wüten des Windes, vier Millionen wurden obdachlos. Der Staat war schlecht gewappnet. Seither leben noch immer Zehntausende in Behelfsunterkünften, die sie jetzt wieder wegen Hagupit hastig verlassen mussten. Der Sturm traft etwas weiter nördlich als Haiyan auf die Küsten. Erste Bilder vom Sonntagmorgen von der betroffenen Insel Samar zeigten Menschen, die durch überflutete Straßen wateten, geknickte Strommasten waren zu sehen, peitschende hohe Wellen und abgedeckte Häuser. Mindestens zwei Menschen starben bisher im Norden Samars. Die Behörden sammeln unterdessen Informationen über massive Schäden der Infrastruktur.

Mindestens zehn Millionen Menschen betroffen

Nach UN-Angaben sind mindestens zehn Millionen Menschen den Gefahren von Hochwasser und hohen Windgeschwindigkeiten in den betroffenen Gebieten ausgesetzt: Am Montagmorgen soll der Taifun etwa 120 Kilometer südlich der Metropole Manila weiter Richtung Westen durchziehen.

Fischer der Inseln Leyte und Samar hatten noch versucht, ihre Boote so gut zu sichern wie möglich. Viele haben gebetet. "Ayaw gad, Ginoo!" Lieber Gott, bitte nicht! Mit diesen Worten flehte auch Elenito Bajas aus Palo zum düsteren Himmel. Der 65-jährige Fischer hatte vergangenes Jahr seine Frau, seinen zweieinhalbjährigen Sohn und seinen Vater durch den Taifun Haiyan verloren. "Nun bitte ich Gott, mich und mein Dorf zu verschonen", sagte der Witwer dem Philippine Enquirer wenige Stunden bevor Hagupit auf die Küsten schlug.

Seelischer Beistand kam auch von oben aus dem All. Nasa-Astronaut Terry Virts von der Raumstation ISS twitterte Fotos vom rasenden Wirbelsturm, wie er über die Philippinen zog und schrieb: "Dieser Sturm sieht erstaunlich gefährlich aus. Bete für die Menschen auf den Philippinen."

Klügerer Katastrophenschutz

Etwa eine Million Menschen waren auf der Flucht, sie suchten in ausgewiesenen Gebäuden oder in Gebieten außerhalb der Gefahrenzone Schutz. Familien öffneten überall ihre Häuser, um Verwandte, Nachbarn, Freunde und manchmal auch Fremde vor dem rasenden Sturm aufzunehmen. In Tacloban zogen sich manche Bewohner in ein Mausoleum auf dem chinesischen Friedhof zurück, weil sie sich dort am sichersten fühlten.

Der philippinische Staat, der vergangenes Jahr heftig wegen seines mangelhaften Katastrophenschutzes kritisiert worden war, wollte dieses Mal nichts dem Zufall überlassen. Viele Vorratslager waren angelegt worden, die Armee ist in Alarmbereitschaft versetzt und hat Truppen als Hilfsmannschaften stationiert, aber auch, um mögliche Plünderungen zu verhindern, wie sie 2013 in Tacloban zu beobachten waren.

Präsident Benigno Aquino versuchte, mit Drohungen Druck auf seinen Apparat zu machen, keinesfalls werde er hinterher Ausreden akzeptieren, wenn etwas schieflaufe beim Katastrophenmanagement. Er ließ sich schon vor Ankunft des Sturmes fast stündlich über die Vorkehrungen unterrichten. Sein Innenminister war nach Samar gereist, um dort selbst die Arbeit der Behörden zu überwachen. Aquino betonte, dass Fehler dieses Mal unverzeihlich seien.