Am Mittwoch ist Internationaler Tag des Kaffees. Höchste Zeit, mal in Turku nachzufragen, warum die Finnen weltweit am meisten Kaffee trinken. Die Sachbuch-Autorin Satu Jaatinen hat ein Buch über die finnische Liebe zum Bohnenheißgetränk geschrieben.
SZ: Guten Tag, Frau Saatinen, wie viele Tassen Kaffee hatten Sie bisher heute?
Satu Jaatinen: Ich glaub vier.
Ist das Durchschnitt?
Schwer zu sagen. Unsere Großeltern haben ihren Kaffee aus fingerhutkleinen Tässchen getrunken, wir laufen heute alle mit diesen schüsselgroßen Mugs herum. Im Durchschnitt trinken Finnen jedenfalls acht bis neun Kilo Röstkaffee pro Jahr. Dazu kommt noch hektoliterweise Instantkaffee.
Oh, fast doppelt so viel wie wir Deutschen mit unseren 4,8 Kilo. Mir ist aufgefallen, dass einem jeder und jede in Finnland zu Beginn eines Gesprächs einen Kaffee anbietet.
Das bedeutet, dass man bereit ist, sich mit Ihnen zu unterhalten. Wenn Sie irgendwo klingeln und Ihnen wird kein Kaffee angeboten, heißt das: Bitte gehen Sie. Die finnische Version von Get out of here! Aber was antworten Sie, wenn man Ihnen einen Kaffee anbietet?
Na so was wie: „Gern, danke.“ Warum?
Total verkehrt. Sie müssen noch Kursailu lernen, den finnischen Höflichkeitsslalom. Wenn Ihnen in Zukunft jemand Kaffee anbietet, sagen Sie: „Oh, also wirklich nur, wenn Sie zufällig gerade einen aufgebrüht haben sollten. Machen Sie sich auf gar keinen Fall nur wegen mir irgendwelche Umstände.“
Gut, wird gemacht. Aber warum trinken die Finnen so wahnsinnig viel Kaffee?
Zum einen wärmt es, was ja schon mal guttut in unseren Breiten. Und dann hilft uns Kaffee mit unserer schweigsamen Schüchternheit.
Inwiefern?
Wenn man irgendwo mit einem Kaffee sitzt, sinkt die Gefahr, dass man angesprochen wird, weil: Man hat ja zu tun. Angesprochen zu werden ist so ziemlich das Schlimmste, was einem Finnen passieren kann. Als unser Premier Harri Holkeri mal von einer Journalistin gefragt wurde, ob er bei den Präsidentschaftswahlen kandidieren werde, blaffte er sie nur an: „Ich trinke gerade meinen Kaffee.“ Die Journalistin hat sofort verstanden, was das bedeutet: keine weiteren Fragen.
Holkeri hat dann nicht kandidiert. Apropos wählen: Warum posten alle Finnen Fotos von ihrer Kaffeetasse am Tag der Wahl?
Weil das eine Art Beweisfoto ist: Ich war wählen, jetzt trink ich den Kaffee danach, den sogenannte „vaalikahvi“. Es gibt den saunakahvi, den talkookahvi, wenn man was erledigt hat, für das man mehr als drei Leute benötigt und man will ihnen danken, etwa wenn man umzieht. Am wichtigsten ist der kahvitunti, also die Kaffeepause. Allen Angestellten stehen zwei solche 15-Minuten-Pausen am Tag zu.

All das erklärt aber immer noch nicht, warum der Kaffee in Finnland so außerordentlich populär ist.
Als sich der Kaffee im 18. und 19. Jahrhundert in Finnland verbreitete, waren wir eine bäuerliche, sehr arme Gesellschaft. Der Kaffee hat da eine der drei Mahlzeiten ersetzt. Wenn du isst, bist du danach müde, wenn du Kaffee trinkst, macht dich das wach, du kannst deine schwere Feldarbeit machen und sparst dabei ein Essen.
Er hat sich also so besonders intensiv verbreitet, weil das Land früher so arm war?
Ja. Für Kaffee wird in Finnland bis heute das Synonym „Sumppi“ verwendet. So heißt eigentlich der Kaffeesatz. Damals hat man den Kaffee drei- bis viermal verwendet. Entsprechend fad hat das dann geschmeckt.
Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber für mich ist das größte Rätsel, warum der Kaffee in Finnland bis heute meistens so öd und wässrig schmeckt.
Weil wir keine Ahnung haben von Savoir vivre. Hauptsache preiswert. Als wir mit meiner Schwiegermutter nach Italien gereist sind, hatte sie ihren grässlichen finnischen Kaffee dabei und hat die italienische Espressokanne mit Verachtung gestraft. Und wenn ich Freunden frisch gemahlenen Kaffee mitbringe, stellen sie den irgendwo hinten ins Regal und machen ihn nach einem Jahr auf. Vielleicht denken sie, dass er mit der Zeit besser wird, wie guter Wein. Aber es gibt Hoffnung, die jüngere Generation macht überall Röstereien und Espressobars auf.
Ich hab’ in Nordfinnland mal drei Kinder gesehen, die Milchkaffee vor sich stehen hatten. War das Zufall oder ist das normal?
Ich selbst war jedenfalls so jung, dass ich mich nicht dran erinnern kann, wann ich meinen ersten Kaffee hatte. So mit vier oder fünf. Und eine Freundin erzählte von einer anderen Freundin, die als Kind in Kaffeestreik getreten ist. Sie hatte Streit mit ihren Eltern und weigerte sich, weiterhin Kaffee mit ihnen zu trinken. Das Mädchen war da sieben.
Aber ist das heute immer noch so?
Jedenfalls war ich mit meiner Tochter kürzlich bei Freunden und die fragten entgeistert: Trinkst du immer noch Saft? Meine Tochter ist zwölf. Aber das zeigt, wie schwer wir uns mit der Vorstellung tun, dass jemand was anderes trinken könnte als Kaffee. Wir wissen immer, welcher verrückte Mensch in unserem Freundeskreis der ist, der lieber Tee mag.
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