Tafel in Essen "Die helfen uns, und dann sollen sie Nazis sein?"

Ein Fahrzeug der Essener Tafel wurde mit Graffiti beschmiert. Die Ehrenamtlichen sehen sich mit heftigen Vorwürfen konfrontiert.

(Foto: Roland Weihrauch/AFP)
  • Die Entscheidung der Essener Tafel keine Ausländer mehr als Neukunden aufzunehmen, hatte zu unterschiedlichen Reaktionen geführt. Zurücktreten will der Vorsitzende der Tafel Jörg Sator aber nicht.
  • Der Bundesverband nennt die Situation "äußert unglücklich", sieht aber gleichzeitig vor allem Bundessozialministerin Katarina Barley in der Pflicht.
Von Christian Wernicke, Essen, und Ulrike Heidenreich

Eigentlich hatte Jörg Sartor sich geschworen zu schweigen. Seit Tagen dieser Presserummel, am Wochenende die "Nazi"-Schmierereien auf den Lkws und an der Tür der Essener Tafel - "ich sag' nix mehr, mir reicht's", schimpft der Chef der Hilfsinitiative. Sartor hockt auf seinem Bürostuhl, alle zwei Minuten klingelt das Handy. Er geht nicht ran. Aber dann muss er doch ein paar Worte loswerden. Das Gerücht, er wolle sein Ehrenamt hinschmeißen angesichts der Flut von Kritik über die Essener Entscheidung, vorerst nur noch notleidende Neukunden mit deutschem Personalausweis anzunehmen, sei Quatsch: "Ich habe gesagt, ich hab' keinen Bock mehr auf dieses Theater." Rücktritt? Sartor schüttelt seinen mächtigen Kopf: "Ich höre nur auf, wenn unsere Mitglieder und Helfer das verlangen."

Dazu wird es nicht kommen. Draußen vor der Tür, wo den Tafelkunden Schneeflocken um die kalten Ohren wehen, stehen die Menschen zu Sartor und seinem Verein: "Die helfen uns, und dann sollen sie Nazis sein?", wundert sich eine Türkin, die mit einem schwarz-gelben BVB-Schal dem Wind trotzt. Und drinnen, wo Helfer in roten Fleece-Jacken Fladenbrot, Bananen und am Montag sogar mal Kuchen verteilen, ist die Stimmung eindeutig: "Einen besseren als den haben wir nicht."

Der Beschluss, vorübergehend keine Berechtigungskarten mehr an Nichtdeutsche zu verteilen, weil seit 2015 der Ausländeranteil unter den Bedürftigen von 35 auf 75 Prozent gestiegen war, sei kein Alleingang von Sartor gewesen. Eine, die da zugestimmt hatte, ist Rita Nebel. Die 68-jährige Rentnerin ist verzagt. Die Graffiti machen ihr Angst: "Wer weiß, was für Attacken als Nächstes kommen?" Das Gespräch im Hausflur der Vereinszentrale wird immer wieder von Anrufen unterbrochen, Rita Nebel hat das Tafel-Telefon übernommen, um Sartor zu entlasten. "Danke für Ihren Zuspruch," antwortet sie mit sanfter Stimme einem Anrufer, "aber ich muss Sie korrigieren: Wir sind weiterhin für alle Bedürftigen da - nicht nur für Deutsche." Auch nach dem Aufnahmestopp sind noch 71 Prozent der Tafelbesucher Menschen ohne deutschen Pass.

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Weil der Anteil an Migranten unter den Bedürftigen stark gestiegen sei, erhalten Neukunden nur noch Lebensmittelspenden, wenn sie Deutsche sind.

Mut macht Nebel, was die Kollegin aus der Buchhaltung meldet: Seit drei Tagen füllt eine Woge von Kleinspenden das Konto des Vereins. Ja, es gebe auch einige wenige Absagen anderer Spender, räumt sie ein. "Aber eins gibt es nicht", sagt ein Vorstandskollege trotzig, "wir haben keine Überweisung von der AfD erhalten!" Am Dienstag will der Vorstand der Essener Tafel die Lage beraten. Auch ein Vertreter der Stadt möchte an der Krisensitzung teilnehmen. Mit Rücktritten - oder mit Rückziehern in der Sache - rechnet niemand.

Jochen Brühl, Vorsitzender des Bundesverbands der Tafeln und Mitglied der Essener Tafel, beobachtet die Aufmerksamkeit, die der lokalen Ausgabestelle zuteil wird, mit gespaltenen Gefühlen: "Uns gibt es seit 25 Jahren. Wir wollen niemanden, der uns auf die Schulter klopft. Aber wir brauchen jemanden, der sich hinter uns stellt - und endlich nachhaltige Konzepte für den Kampf gegen die Armut liefert." Ausdrücklich in die Pflicht nimmt er hier Bundessozialministerin Katarina Barley (SPD), die kritisiert hatte, das Essener Vorgehen schließe eine Gruppe von Menschen pauschal aus, fördere Vorurteile. Sie ist gleichzeitig Schirmherrin der Tafel. Kritik ohne differenzierte Nachfrage sei "frustrierend" für Ehrenamtliche, so Brühl.

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Er selbst findet die Wortwahl und das Vorgehen Sartors "äußerst unglücklich", wehrt sich jedoch dagegen, dass ihm Rassismus unterstellt werde. Brühl sagt: "Wir reden alle über Rechtspopulismus, aber es gibt einen intellektuellen Betroffenheitspopulismus, der auch gefährlich ist." Zudem, so der Vorsitzende des Dachverbands, geschehe es ja nicht zum ersten Mal, dass Tafeln Aufnahmestopps verhängen.

Ein paar Beispiele: Die Tafel Potsdam reagierte bereits im Jahr 2015 darauf, dass es bei der Ausgabestelle zu Problemen zwischen neu angekommenen Geflüchteten und älteren Bedürftigen kam. Gemeinsam mit Betreuern von Flüchtlingsheimen erarbeitete man ein System: Ein festgelegtes Kartenkontingent wird an Gemeinschaftsunterkünfte ausgeteilt. Die Karten sind nicht personalisiert, es können also verschiedene Bewohner die Angebote nutzen, im Rotationsverfahren. Fachkräfte aus der Unterkunft erklären ihnen das, und auch die Funktion und Arbeitsweise der Tafel. "Das hat die Ausgabesituation merklich entspannt", sagt Tafel-Sprecherin Stefanie Bresgott. "Aktuell plant die Tafel, Flüchtlinge als Tafel-Botschafter einzusetzen, die vor der Ausgabe Ansprechpartner und Übersetzer sind."

Die Tafel Düsseldorf musste Aufnahmepausen einlegen, als sie die stark gewachsene Zahl von Neukunden nicht mehr bewältigen konnte. Wochenweise wurden Neuaufnahmen ausgesetzt, generell - dies bezog sich auf alle Antragsteller unabhängig von ihrer Nationalität.

Die Tafel in Fürth hat eine eigens festgelegte Ausgabezeit für Senioren aller Nationalitäten eingerichtet, um auf die Bedürfnisse Älterer, kranker und gebrechlicher Menschen Rücksicht zu nehmen. "Bei Menschen ohne körperliche Einschränkungen arbeitet die Tafel mit dem Losverfahren ohne Wartezeiten, um die Reihenfolge neutral festzulegen", sagt Bresgott. Die Kevelaerer Tafel hat eigene Öffnungszeiten für Familien mit Kindern, Kranke und Gehbehinderte eingerichtet - um mehr Zeit für Menschen zu haben, die besondere Zuwendung benötigen.

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