Tabakindustrie:Verqualmter Blick

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Scherers Habilitations-Absichten fand der VdC so bedeutsam, dass sie sogar Eingang in eine Sitzung des "wissenschaftspolitischen Ausschusses" des VdC vom April 1993 fanden. Die Habilitation zum Thema Passivrauchen werde Zigaretten nicht in einem schlechten Licht erscheinen lassen, versicherte ein Ausschuss-Mitglied dem Protokoll zufolge: Es würden sich "keine Resultate in dieser Arbeit finden, welche nicht Teil eines offiziellen VdC-Projekts waren".

Die Strategie der Tabakindustrie ging auf. In kaum einem Land hat sie so starken Einfluss auf Wissenschaft und Politik ausgeübt wie in Deutschland. Es gab sogar persönliche Dankschreiben an Kanzler Helmut Kohl. "In den 90er-Jahren hatte die Tabakindustrie wesentliche Teile der deutschen Medizinerelite auf der Gehaltsliste", sagt der Lungenchirurg Thomas Kyriss von der Klinik Schillerhöhe in Gerlingen. "Und bei der Erzeugung ihrer Nebelschwaden spielte das Münchner ABF-Labor eine herausragende Rolle."

Zufriedene Zigarettenlobby

Der VdC war hochzufrieden mit seiner Forschung. Denn sie brachte nur die gewünschten Ergebnisse: Es habe "keinen einzigen Fall gegeben, in dem gegen unseren Willen uns schädigende Erkenntnisse aus unseren Forschungsvorhaben an die Öffentlichkeit getreten" sind, steht in einem Dokument vom 31. Oktober 1980.

Auch "Herr Dr. Scherer", heißt es in einem anderen Protokoll vom 8. Februar 2001, "stellte fest, dass sich das Konzept der eigenen proaktiven VdC-Forschung als erfolgreich erwiesen" habe. Mindestens bis 2002 war Scherer noch "VdC-Betreuer" mit dem Schwerpunkt "wissenschaftliche Bewertung neu auftretender Vorwürfe".

Seit nunmehr 20 Jahren setzt sich Scherer als Experte fürs Passivrauchen in Szene. Inhaltlich bleibt seine Argumentation allerdings dünn. So belegte er seine Aussage, Schäden durch Passivrauch in der Gastronomie seien kaum erfassbar, im August 2007 vor dem Landtag Rheinland-Pfalz nur mit etwa zehn Jahre alten Studien.

"Die Ausführungen sind veraltet", heißt es dazu in einem Arbeitspapier des Deutschen Krebsforschungszentrums. Es sei inzwischen "hinreichend bewiesen", dass Passivrauchen etwa am Arbeitsplatz "das Risiko von Lungenkrebs, Herzinfarkten und Lungenkrankheiten signifikant erhöht".

Womöglich haben die Karlsruher Richter von Scherer auch keine allzu große Aussagekraft erwartet. Während sie nach anderen Statements lebhaft Fragen stellten, ließen sie den Münchner ABF-Mann ohne weiteres Gespräch ziehen.

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